Hintergrund Die wachsende Angst der Amerikaner vor den Deutschen

Die amerikanische Öffentlichkeit ahnt allmählich, dass die Globalisierung nicht nur den American Way of Life verbreitet. Die Politik greift die Angst um die scheinbar bedrohte nationale Sicherheit bereitwillig auf und gibt sich wehrbereit.


Chrysler: Verlust des American Way of Life
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Chrysler: Verlust des American Way of Life

Washington - Globalisierung halten viele Amerikaner für eine feine Sache, weil sie darin eine Amerikanisierung der restlichen Welt sehen. Mit zunehmendem Befremden registriert die Öffentlichkeit daher seit einiger Zeit, dass die Sache auch anders laufen kann - und europäische Unternehmen amerikanische schlucken. Die Pläne der Deutschen Telekom, ein US-Unternehmen zu kaufen, haben jetzt heftigen politischen Widerstand ausgelöst.

Unbehagen kam bereits auf, als das Zusammengehen von Daimler-Benz und Chrysler als ein gleichberechtigter Zusammenschluss verkauft wurde, sich aber in amerikanischen Augen als Übernahme durch die Deutschen entpuppte. Ein Juwel der US-Autoindustrie und Symbol des American Way of Life gilt heute als verloren. Die Übernahme des traditionsreichen New Yorker Buchverlages Random House durch Bertelsmann löste vor allem in Fachkreisen und Feuilletons besorgte Diskussionen aus. Die Expansionspläne der Telekom brachten das Fass dann zum Überlaufen.

"Es ist verrückt zu glauben, dass wir uns zurücklehnen und Amerikas Telekommunikation den Ausländern überlassen", erklärte Senator Ernest Hollings. In seiner Kampagne gegen einen Telekom-Deal nutzt er das Argument, dass die Aktiengesellschaft noch immer zu 58 Prozent in Staatsbesitz ist: "Wir können uns nicht darauf verlassen, dass uns die deutsche Regierung immer freundlich gesonnen ist."

Nun ist die Sorge, die Bundesregierung könne mit Hilfe der Telekom amerikanische Geheimnisse ausspionieren, eher abwegig und im Lande des Spionagesystems "Echelon" schon fast absurd. Für den einstigen Stabschef der Telekom-Aufsichtsbehörde FCC, Blair Levin, offenbaren solche Äußerungen etwas anderes: "Globalisierung und Nationalismus liegen dicht beieinander."

Der einstige FCC-Vorsitzende Reed Hundt sagte der "Washington Post", der Wachstums- und Globalisierungsmotor Internet wecke mit seinen fast ausschließlich in den USA gesetzten Standards den Eindruck einer immer amerikanischeren Wirtschaftswelt. Doch das täusche.

Globalisierung ist keine Einbahnstraße
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Globalisierung ist keine Einbahnstraße

Schließlich ist nicht einmal die Trutzburg des US-Kapitalismus, das Börsen- und Bankenviertel an der Wall Street, vor Infiltration sicher. Im vergangenen Jahr übernahm die Deutsche Bank dort den Bankers Trust und wurde damit zur größten Bank der Welt. Nun kauft die Schweizer Großbank UBS den Wall-Street-Broker Paine Webber.

Eine Debatte um die nationale Sicherheit löste der vereinbarte Kauf des Bereichs Luftwaffenelektronik von Lockheed Martin durch die britische BAE Systems aus. Damit kommt ein Schlüsselbereich der US-Rüstungsindustrie in ausländische Hände. Bisher war die Diskussion über die transatlantische Integration der Verteidigungstechnologie theoretisch. Jetzt wird sie zu einem realen Thema. Das Pentagon kündigte eine genaue Prüfung an, "um sicherzustellen, dass die Interessen der nationalen Sicherheit berücksichtigt werden". Und FCC- Mann Hundt hat den Eindruck, dass dem Establishment in Washington erst jetzt deutlich wird, dass Globalisierung keine Einbahnstraße ist.

Von Holger Schmale



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