Hitzige Senatsanhörung US-Politik befürchtet riesige Milliardenlöcher bei Autokonzernen

Sie brauchen Milliardenhilfen, sonst werden Millionen arbeitslos. Doch GM, Chrysler und Ford schaffen es im US-Kongress nicht mal mit umfassenden Zugeständnissen, die Politik zu überzeugen: Viele befürchten, dass die beantragten 34 Milliarden Dollar längst nicht reichen - und alles noch schlimmer kommt.

Von , New York


Erst der Außenseiter nannte die Dinge beim hässlichen Namen. Mark Zandi, Chefökonom der Ratingsagentur Moody's, brachte die dramatische Krisensitzung zur Zukunft der drei großen US-Autokonzerne auf den Punkt: "Es würde die Regierung 75 bis 125 Milliarden Dollar kosten, um die 'Big Three' kurzfristig vor einer Insolvenz zu bewahren."

Und selbst das, fügte er kühl hinzu, "dürfte wahrscheinlich nicht reichen".

Wagoner, Gettlefinger, Mulally, Nardelli im Senat: Wie die Nachhilfeschüler
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Wagoner, Gettlefinger, Mulally, Nardelli im Senat: Wie die Nachhilfeschüler

Das saß, und es traf die Stimmung im Publikum.

Im rappelvollen Sitzungssaal SD-106 des US-Kongresses hatten außer Zandi die Chefs besagter Firmen Platz genommen, zerknirscht, schlohweiß, Schweiß auf der Stirn: Alan Mulally (Ford), Richard Wagoner (GM), Robert Nardelli (Chrysler). Sie waren gekommen, um 34 Milliarden Dollar zu erbetteln - und selbst das entpuppte sich in dieser Sitzung als höchst unwahrscheinlich. Doch 75 bis 125 Milliarden?

"Wir stellen keine Blankoschecks aus", bellte der demokratische Senator Christopher Dodd - der Vorsitzende des Bankenausschusses, der die sechsstündige Inquisition der Konzernchefs veranstaltete. Nach dem Ende legte er Mulally, Wagoner und Nardelli schriftlich nahe, lieber bei der US-Regierung vorstellig zu werden und nicht beim Kongress - da hätten sie vielleicht mehr Glück.

Es war erbärmlich. Das Trio aus der Autostadt Detroit flehte nun schon zum zweiten Mal in Washington um Rettung. Diesmal achteten sie peinlich genau auf ihre Performance, kritisierten sich selbst, gelobten Besserung, flehten vor Live-Kameras um Hilfe. Unvergessen, wie sie bei ihrem ersten Auftritt vor dem Kongress im November versagt hatten: In sündhaft teuren Firmenjets waren sie damals angereist und wollten den Politikern gegenüber nicht allzu viel Einsicht zeigen.

Diesmal zuckelten sie in Hybrid-Autos an, was MSNBC-Kommentatorin Rachel Maddow umgehend als "Mitleidskonvoi aus Anhaltern" verspottete. Sie legten wie artige Nachhilfeschüler detaillierte neue Geschäftspläne vor, die der Kongress ultimativ verlangt hatte. Sie präsentierten mit bitterer Miene, aber in Werbeslang ihre Visionen - "Phantasien", wie sie das Online-Magazin "Slate" nannte. Sie geloben, künftig umweltfreundlichere Autos zu entwickeln; General Motors und Chrysler sind für Staatshilfe sogar zu einer Fusion bereit.

Entweder Radikalsanierung oder Pleite

Wagoner äußerte sogar katzbuckelnd "tiefste Dankbarkeit" allein "für die Gelegenheit, zurückzukommen" zu diesem erneuten Verhör. Sein Konzern General Motors steht am schlechtesten da und dürfte in seiner jetzigen Form das Jahr kaum überleben - was Ron Gettelfinger, der Präsident der Autogewerkschaft UAW, auch offen sagte: "Ich glaube, dass wir GM bis zum Jahresende verlieren werden."

Die Senatoren ließen sich trotzdem keine Zusagen abringen. Keine ermutigenden Worte. Keinen Trost.

Stattdessen machten die Politiker den gestürzten Industriegiganten klar, dass ihre Aussichten in jedem Fall düster sind - selbst wenn es doch ein Rettungspaket geben sollte.

Die für Detroit beste Option wäre noch, wenn die Konzerne zu einer Schrumpf-Sanierung am Gängelband eines staatlichen "Auto-Zars" gezwungen würden. Dieser würde als Treuhänder scharf darüber wachen, wie die Milliardenhilfen investiert würden. Um diese Erniedrigung werden die einst so stolzen Firmen kaum mehr herumkommen - da half es im Kongress auch nicht, dass Konzernherr Mulally resigniert protestierte: "Ford ist eine amerikanische Ikone!"

Eine "klare und konsistente staatliche Kontrolle" schlug der amtierende US-Chefrechnungsprüfer Gene Dodaro vor, sprich: eine staatliche Knebelung der Industrie. Ein solcher Ansatz rettete vor fast genau 30 Jahren schon mal Chrysler vor dem Absturz. Ob sie damit einverstanden seien, in diesen sauren Apfel zu beißen, fragte Dodd die Top-Manager. Alle drei antworteten zähneknirschend-knapp: "Yes."

Das heißt allerdings nicht, dass es dazu kommt. Die andere Option ist, dass der Kongress die Bittsteller abblitzen lässt - womit vor allem die Republikaner immer wieder drohen. Der Republikaner Richard Shelby sagte, ein Auto-Hilfspaket werde nur "ein misslungenes Geschäftsmodell stützen". Er bezweifle, "dass die Kredite je zurückgezahlt werden". Ähnlich wie Moody's-Profi Zandi prophezeite er, spätestens im Herbst 2009 würden die Auto-Chefs mehr Geld fordern. Als diese in einem der raren humorvollen Momente zu lachen wagten, blaffte er: "Nehmen Sie das nicht auf die leichte Schulter!"

Wenn den drei Konzernen nicht geholfen würde, wären zumindest die kurzfristigen Folgen katastrophal. Analyst Zandi sagte schonungslos: "Ohne Hilfe werden die Autobauer schnell in der Insolvenz landen, was zu Liquidationen und Hunderttausenden Entlassungen führen wird." Auch in der Zulieferindustrie, auch bei den Autohändlern. Millionen Jobs sind bedroht. Ein Kollaps der längst nicht mehr großen "Großen Drei" wäre auch für seine Branche ein "Tsunami", sagte James Fleming, Chef des Autohändlerverbands von Connecticut. "Bedenken Sie die menschliche Seite!"

Konkret forderte GM-Chef Wagoner 18 Milliarden Dollar an Krediten und versprach dafür ein "neues General Motors - schlank, profitabel, selbstversorgend". Er gab sich eingeschränkt einsichtig: "Wir sind hier, weil wir Fehler gemacht haben, von denen wir lernen. Und weil uns gewisse Kräfte, über die wir keine Kontrolle haben, an den Rand des Abgrunds gedrängt haben." Sprich: die Kreditkrise.

Das sagte auch Chrysler-Chef Nardelli: "Wir sind wegen der Finanzkrise hier, die 2007 begann." Er erbat sieben Milliarden Dollar, versprach, sie ab 2012 auch wirklich zurückzuzahlen, und kündigte "Opfer von allen Beteiligten" an.

Mulally möchte neun Milliarden Dollar, obwohl sein Ford-Konzern die besten Überlebenschancen hat. "Wir fühlen uns absolut verpflichtet, die Erwartungen unserer Kunden zu übertreffen", sagte er in bestem Autohändler-Slang. "Wir sind leidenschaftlich, was die Zukunft von Ford angeht." Am Ende lud er die potentiellen Gläubiger aus dem Kongress ein, "uns zu besuchen".

Die drei Konzernherren schafften es allerdings nicht, die Zweifel an ihren skizzierten neuen Geschäftsplänen zu zerstreuen. Sie seien "alles andere als perfekt", schimpfte der Demokrat Dodd (der nebenbei kundtat, dass er selbst einen Ford Escape Hybrid fährt). Er fügte hinzu: "Wir sollten sicher kein gutes Geld schlechtem hinterherwerfen." Wortgleich drückte es der noch amtierende Präsident George W. Bush aus.

Existentielle Entscheidung übers Wochenende

Dodd versprach, dass die Senatoren bis Montag entscheiden werden: "Wir werden die Stadt nicht verlassen, ohne etwas zu versuchen", sagte er mit Hinweis auf die nahende Weihnachtspause. Doch wie genau die Entscheidung ausfallen wird, ist nicht abzusehen.

An diesem Freitag müssen Mulally, Wagoner und Nardelli erst einmal im Repräsentantenhaus zum zweiten Bittgang antreten. Dessen Sprecherin Nancy Pelosi, ebenfalls Demokratin, will keine neuen Hilfsgelder für die Autokonzerne locker machen, sondern dafür lieber das 700-Milliarden-Dollar-Rettungspaket für die Banken anzapfen. Dagegen sperrt sich das Weiße Haus.

Auch bei den Demokraten gibt es massiven Widerstand gegen weitere Milliardenzahlungen an eine wankende Industriebranche. Senator Charles Schumer brachte das Dilemma der Partei, die bald eine breite Machtbasis im Weißen Haus und im Kongress haben wird, auf den Punkt. Die Konzerne Pleite gehen zu lassen und auf eine Restrukturierung in der Insolvenz zu hoffen, sei einerseits "keine Option, denn sie würde den Tod der Industrie besiegeln", sagte der Senator. Wer wolle schon Autos von einem Unternehmen kaufen, das sich im Konkursverfahren befindet und womöglich keine Garantien und Reparaturen mehr übernehmen wird? Andererseits: Wie glaubwürdig sind die Beteuerungen der Konzernchefs, mit dem Staatsgeld gut umzugehen?

"Ich vertraue der Führung der Autokonzerne nicht", sagte Schumer.

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