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Börse Hoch hei Farben

Die großen Chemiekonzerne haben ihr Ertragstal durchfahren. Steigende Gewinne kündigen sich jetzt in einer Aktien-Hausse der IG-Farben-Nachfolge-Gesellschaften Bayer, Hoechst und BASF an.
aus DER SPIEGEL 15/1972

Bernhard Timm, 62, Chef des Ludwigshafener Chemie-Konzerns BASF, drohte im Herbst seinen 350 000 Aktionären eine »drastische Kürzung der Dividende für 1971« an.

Auch die Chemie-Kollegen Kurt Hansen von Bayer und Rolf Sammet von Hoechst jammerten im Sommer 1971 über die schlechte Geschäftslage und zeigten sich entschlossen, ihren Aktionären für das noch gar nicht voll übersehbare Jahr die Dividenden zu kürzen.

Denn wachsende Kosten und zum Teil sinkende Preise -- vor allem bei Kunststoffen und Chemiefasern -- hatten die Konzernherren in Panikstimmung versetzt. Tatsächlich lag Ende September der Gewinn etwa bei der BASF noch um fast ein Drittel unter dem vergleichbaren Vorjahrsergebnis. Chef Timm in einer internen Aussprache: »Eine ernst zu nehmende Rezession« stehe unmittelbar bevor.

Doch bereits im letzten Quartal des vergangenen Jahres kletterten die zuvor stark geschrumpften Gewinne steil nach oben. Der Bruttogewinn (vor Abzug der Steuern von Einkommen, Ertrag und Vermögen) sprang im Vergleich zum letzten Vierteljahr 1970 von zwölf auf 131 Millionen Mark, mithin auf 1092 Prozent. Den Chemie Managern war es gelungen, nach einer für sie glimpflich ausgegangenen Frühjahrs-Lohnrunde 1971 auch noch den Preisverfall ihrer Massenprodukte Kunststoff und Chemiefaser zu stoppen.

Drei Monate später errechneten die Bilanz-Buchhalter denn auch eine Tendenzwende. Mit 448 Millionen Mark blieb der unversteuerte Jahresgewinn der BASF nur um 4,5 Prozent hinter dem Vorjahr zurück. Er würde (nach Steuern) allerdings nur für 7,50 Mark Ausschüttung auf die 50-Mark-Aktien des Chemie-Unternehmens reichen. 1970 hatte die BASF elf Mark bezahlt.

Auch die Farbenfabriken Bayer bieten ihren 350 000 Anteilseignern, wie versprochen, weniger Dividende: sechs Mark pro Aktie nach acht Mark für 1970. Bayer-Chef Kurt Hansen, bessere Gewinnzahlen im Kopf, aber die gewerkschaftlichen Lohnwünsche fest im Auge, noch Ende November: Ein »tendenzieller Rückgang der Renditeziffern zeigt, daß von einer Gewinnexplosion in keiner Weise gesprochen werden kann«.

In Wirklichkeit lag der Jahres-Bruttogewinn der Bayer AG trotz der schlechten ersten neun Monate dann 1971 nur um 0,7 Prozent niedriger als 1970: 531 Millionen Mark nach 535 Millionen. Aber der Vorstand wiegelte in der Werkszeitschrift sofort ab: »Der Aktionärsbrief zeigt, in welch schwieriger Situation sich das Unternehmen trotz der leichten Besserung im vierten Quartal nach wie vor befindet.« Die »leichte Besserung": 114 Prozent.

Rolf Sammet, Chef der Farbwerke Hoechst, des größten deutschen Chemie-Konzerns, stöhnte gar noch Ende Januar 1972: »Für die Rücklagen bleibt keine einzige Mark.« Die 370 000 Aktionäre des Unternehmens bekommen ebenfalls eine um 25 Prozent auf 7,50 Mark gekürzte Dividende.

Der Hoechst-Manager war auf Kurs geblieben. Als der SPIEGEL im vergangenen Juli die Rückkehr der Chemie zu besseren Gewinnen voraussagte, hatte Sammet diese Unterstellung in der Hoechst-Hauszeitschrift wütend zurückweisen lassen.

Heute wie damals haben Deutschlands Chef-Alchimisten den gleichen Grund, über mäßige Erträge zu klagen: die bereits begonnenen Tarifverhandlungen für und 670 000 Chemiewerker, bei denen die Gewerkschaft dieses Jahr Lohn- und Gehaltserhöhungen zwischen 8,2 und 8,8 Prozent fordert.

Otto Esser, Glanzstoff-Manager und Arbeitgeber-Präsident der Branche, bastelte aus den Bekundungen der drei Branchenführer die ideologische Plattform für das neue Lohngefecht. Die Chemie stecke noch immer in einer »Ertrags-Rezession«. Und »die Berücksichtigung der objektiven wirtschaftlichen Daten sollte Vorrang haben vor subjektiven gewerkschaftlichen Wünschen und Absichten«.

Nach dem Ende der Lohnhändel werden die Chemie-Unternehmen allerdings selbst wieder daran interessiert sein, ihr Image als Profit-Branche aufzuputzen -- wenn sie wegen neuer »Investitionen an die Millionenschar ihrer Kleinaktionäre zwecks Kapitalerhöhung heran müssen. Neue Aktien lassen sich besser placieren, wenn die Gewinnerwartungen der Branche und damit die Kurse ihrer Altaktien gut sind.

Wertpapier-Analysten empfehlen denn auch neuerdings wieder Chemiewerte. Zwar ist die Groß-Chemie noch weit von den hohen Erträgen des Jahres 1969 entfernt. Damals erzielte Bayer 840 Millionen, Hoechst 799 Millionen und BASF 660 Millionen Mark Gewinn. Aber nach Meinung der Frankfurter Börsenbriefe werden die »Farbengewinne 1972 kräftig steigen«. Die Münchner Anlageberatung Portfolio Management geht noch weiter. »Rechnen Sie 1973 mit einer Explosion der Chemiegewinne«, verkünden ihre Börsenspäher.

Die Visionäre der Wertpapier-Gesellschaften erkennen für die nächste Zeit eine zunehmende Ausnutzung der bisher unterbeschäftigten Fertigungsstätten vor allem bei Kunststoffen und Chemiefasern. Je höher die Unternehmen ihre Anlagen ausnutzen, desto mehr aber verwandelt sich der bisherige Käufer- in einen Verkäufermarkt, und höhere Chemiepreise sind zu erwarten. »Die großen Farben-Nachfolger Hoechst, BASF und Bayer könnten dann durchweg über 20 Mark je Aktie verdienen. Die alten Höchstkurse, gibt Portfolio zu bedenken, seien daher auf lange Sicht wieder zu erreichen.

Einen Teil der Strecke zu besseren Kursen haben die Standardpapiere der Chemie, die meistgehandelten Industriewerte an den deutschen Börsen, inzwischen schon zurückgelegt. Seit dem November-Tiefstand trieben Käufe aufmerksamer Investmentgesellschaften und privater Anleger die Kurse in die Höhe: Hoechst kletterte um 43 Prozent, BASF um 48 Prozent und Bayer um 30 Prozent.

Wer vor rund vier Monaten auf das Wehgeschrei der Chemie-Bosse nicht achtete, konnte mithin viel Geld verdienen. Hoechster-Farben kosteten damals 121 Mark, Mitte vergangener Woche waren sie 173,50 Mark wert. Für BASF-Aktien mußten im November 110,80 Mark pro Stück bezahlt werden, jetzt brachten sie 164 Mark. Bayer-Papiere, zum Kurs von 112,30 Mark erworben, ließen sich nun für 145,50 Mark versilbern.

Die Höchstkurse der Aufwertungs-Hausse im Frühsommer 1969 haben die Chemie-Papiere allerdings noch lange nicht erreicht. Damals legten Bundesbürger für Hoechst-Aktien noch 303 Mark, für BASF 263,50 Mark und für Bayer 218,60 Mark an.

Hauptversammlungs-Matador und Wertpapierberater Kurt Fiebich dämpft denn auch die von den Anlagegesellschaften verbreitete Hochstimmung: »Ob wir diese Kurse so bald wiedersehen werden, möchte ich bezweifeln. Das kann noch lange dauern.«

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