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NEUE HEIMAT Höchste Zeit

Einer der ungewöhnlichsten Männer der deutschen Finanzszene soll den Baukonzern sanieren. *
aus DER SPIEGEL 6/1986

Manfred Meier-Preschany beginnt das neue Jahr regelmäßig mit einer zweiwöchigen Schrothkur im Landhaus Hesseln im bayrischen Oberstaufen. Wenn der Finanzfachmann dann um zwölf Pfund leichter ins heimatliche Königstein zurückkehrt, trifft er meist ungewöhnliche berufliche Entscheidungen.

Vor zwei Jahren erklärte er wenige Tage vor seinem 55. Geburtstag dem Aufsichtsrat der Dresdner Bank, daß er seinen hochdotierten Vorstandsposten beim zweitgrößten Geldkonzern der Bundesrepublik aufgeben wolle.

In diesem Jahr entschied der impulsive Aussteiger, den seine Kollegen kurz und zackig nur Meier-Presch oder »MP« nennen, sich beruflich wieder voll zu engagieren. Dem Plan folgte bald die Tat: Denn kaum daheim, bekam der Ex-Bankier einen Hilferuf aus Hamburg.

Anrufer war Diether Hoffmann, Vorstandschef des angeschlagenen Gewerkschaftskonzerns Neue Heimat (NH). Ob er bereit wäre, sondierte Hoffmann bei Meier-Preschany, die Neue Heimat und ihre Eigentümer bei dem schwierigen Rettungsversuch für den Bau- und Bodentrust zu beraten.

Meier-Preschany sagte ja unter einer Bedingung: Er werde die Aufgabe nur übernehmen, wenn sämtliche Gewerkschaften, aber auch die Gläubigerbanken damit einverstanden seien.

Die Zustimmung der Eigentümer hatte Hoffmann schon vorher eingeholt. Thomas Wegscheider von der Bank für Gemeinwirtschaft (BfG) und Alfons

Lappas, Chef der Gewerkschaftsholding Beteiligungsgesellschaft für Gemeinwirtschaft (BGAG), hatten zugestimmt.

Inzwischen haben auch die meisten Gläubigerbanken die MP-Bedingung erfüllt.

»Ich halte es für richtig«, lobte der Präsident des privaten Bankgewerbes Hanns Christian Schroeder-Hohenwarth, daß die Eigentümer endlich »einen in Sanierungsfragen erprobten Bankier zu Rate ziehen«. Auch die Westdeutsche Landesbank (WestLB), mit über 700 Millionen Mark Neue-Heimat-Krediten der größte Gläubiger des Wohnungsbaukonzerns, signalisierte Einverständnis. Vorstandschef Friedel Neuber: »Es war höchste Zeit, daß ein Koordinator berufen wurde.«

Die Erleichterung der Geldgeber ist verständlich. Schon seit geraumer Zeit hatten sie überlegt, daß sich eine in Krisenfällen erfahrene Bank der NH-Misere annehmen müsse.

Gefragt wurde zunächst die WestLB. Doch Neuber winkte ab: »Hausbank der Neuen Heimat ist und bleibt die BfG.« Deren Chef Thomas Wegscheider hob gleichfalls die Arme: Die BfG würde in dem bevorstehenden Hickhack stets als parteiisch gelten.

Als nächste lehnten die Führer der Dresdner Bank ab. Und auch die Deutsche Bank wollte sich für den heiklen Job nicht hergeben.

So kam es, daß die Bankiers Hoffmann den Auftrag erteilten, nach einem externen Sachwalter zu suchen. Da drängte sich MP geradezu auf.

Der in Bankerkreisen geachtete Meier-Preschany unterschrieb vergangenen Montag im Frankfurter BfG-Hochhaus seinen NH-Beratervertrag und übernahm damit eine der diffizilsten Aufgaben in der deutschen Wirtschaft.

Trotz jahrelanger Sanierungsbemühungen steckt Europas größter Immobilientrust tiefer denn je in der Klemme. Die mit fast 18 Milliarden Mark verschuldete NH-Gruppe ist völlig manövrierunfähig geworden.

Die seit drei Jahren andauernden Notverkäufe aus dem Bestand der einst 320000 Wohnungen reichen nicht mehr aus, die jährlichen Zinsen in Höhe von 1,2 Milliarden Mark sowie die Kosten für die Grundstückshalden und die fast 8000 leerstehenden Wohnungen aufzubringen.

Um einen baldigen Kollaps zu verhindern, bedrängt Hoffmann Landesbanker und Bauminister, ihm Wohnungen en bloc oder am liebsten ganze Trabantenstädte abzunehmen. In einem Bittbrief an Bundeskanzler Helmut Kohl appellierte Hoffmann in seiner Not an die »Verantwortung« des Bonner Regierungschefs.

Es werde nicht ausbleiben, verkündete Meier-Preschany vorige Woche vor befreundeten Bankern, daß er den Gläubigern, erst recht aber den Eigentümern

ein paar bittere Wahrheiten sagen müsse.

Bitter könnte es vor allem für die Gewerkschaften werden. Zwar dementierte DGB-Chef Ernst Breit vor wenigen Tagen, daß die Gewerkschaften sich wegen der NH-Notlage von Teilen ihres Konzernimperiums trennen würden. Insgeheim aber haben sich die Vermögensverwalter in der Beteiligungsgesellschaft für Gemeinwirtschaft, die zu 98 Prozent an der Neuen Heimat beteiligt ist, längst überlegt, wie sie durch Teilverkäufe eben eine Milliarde Mark lockermachen können.

Noch spielen die Spitzenmanager ihre Verkaufspläne als »Sandkastenspiele« (BGAG-Chef Lappas) herunter, tatsächlich aber werden die Gewerkschaften um einen neuen Sanierungsbeitrag für die Neue Heimat nicht herumkommen. Weil der DGB und die 17 Einzelgewerkschaften aus Angst vor einer Meuterei ihrer Mitglieder nicht die Streikkassen plündern wollen, bleibt nur ein Verkauf von Gewerkschaftsfirmen.

Ungern würden die Gewerkschafter ihre Besitzungen großen Konzernen anbieten, also müssen sie an die Börse. Da allerdings können sie nur das Beste aus ihrem Besitz anbieten: die Lebensversicherung Volksfürsorge und ihre Bank für Gemeinwirtschaft.

Mit Meier-Preschany holten sich die glücklosen Gewerkschaftsmanager einen Berater, der sich sowohl in der Industrie als auch in der Bankbranche einen Namen gemacht hat. Wo die Dresdner Bank Kredite bei kriselnden Kunden in Gefahr sah, wurde Meier-Preschany vorgeschickt.

So mußte er zum Beispiel für seinen in Bankgeschäften weitgehend unbedarften Vorstandssprecher Hans Friderichs, der vom Amt des Bonner Wirtschaftsministers zum Frankfurter Geldkonzern gewechselt

war, die Sanierungsarbeiten bei der angeschlagenen AEG übernehmen.

Meier-Preschany war es auch, der die marode Fußbodenbelagfirma Pegulan als Hausbankier aus der Krise führte und später an den englischen Zigarettenkonzern BAT verkaufte.

Dennoch war der ebenso extrovertierte wie ehrgeizige Meier-Preschany bei seinem Chef Friderichs und seinem Aufsichtsratsvorsitzenden Helmut Haeusgen nicht gut gelitten. Es war wohl die hohe Selbsteinschätzung und die flotten Sprüche, die den »Trouble-Shooter«, wie Meier-Preschany sich selbst nennt, so unbeliebt machten.

Meier-Preschany war stets bereit, über den Bankchef Hans Friderichs zu lästern. Ganz offen witzelte er des öfteren über Politiker im allgemeinen und über ungeschulte Ex-Politiker im besonderen.

Unvergeßlich bleibt allen Beteiligten, was sich vor gut drei Jahren im kanadischen Toronto abspielte. Die Dresdner Bank hatte deutsche Journalisten, die zum Jahrestreffen des Internationalen Währungsfonds dorthin gereist waren, zum Abendessen eingeladen. Hauptdarsteller des zweitgrößten Bankhauses waren der Chef Hans Friderichs und sein Vorstandskollege Manfred Meier-Preschany.

Es wurde der Abend Meier-Preschanys. Wann immer Friderichs - der am gleichen Tag erst aus Europa kommend eingetroffen und entsprechend müde war - auf eine Journalisten-Frage antworten wollte, fiel ihm Meier-Preschany ins Wort: »Aber Herr Friderichs!«, tönte es dann von der gegenüberliegenden Seite der Tafel. »Wenn ich Sie korrigieren darf ...«, unterbrach Meier-Preschany seinen Vorstandschef ein ums andere Mal. Friderichs war kaum in der Lage, einen Gedanken zu Ende zu bringen Meier-Preschany wußte alles besser.

Der eigentliche Chef der Bank, den Eindruck nahmen alle Journalisten nach dem denkwürdigen Abend mit, ist nicht Friderichs. Er heißt Meier-Preschany.

Im Bankgewerbe, das so sehr von der Aura aus Moll und Flanell lebt, fiel Meier-Preschany reichlich oft aus dem Rahmen. »Das muß ich besser wissen«, schnauzte er einmal Vorstandskollegen von anderen Banken an, »ich bin schon 31 Jahre im Bankgewerbe.«

Auch den Aufsichtsräten aus der Industrie ging der Bankier zuweilen auf die Nerven. »Ihre blumenreiche Sprache kotzt mich an«, hatte BP-Chef Hellmuth Buddenberg im AEG-Aufsichtsrat den Bankier angefahren, »sagen Sie doch mal, was Sie meinen.« Meier-Preschany gab zurück: »Wenn Sie mich nicht verstehen, dann muß das wohl an der unterschiedlichen Intelligenz liegen.«

Mit der rauhen Tour freilich wird Meier-Preschany seinen Job schwerlich bewältigen. Der NH-Berater wird vor allem zwischen den einzelnen Interessenten-Gruppen zu vermitteln haben. Denn auch die Gläubigerbanken sind nicht länger bereit, ein weiteres Mal stillzuhalten, wenn nicht auch die Gewerkschaften ein Opfer bringen.

Bankenpräsident Schroeder-Hohenwarth gibt denn auch schon die neue Gläubigerstrategie vor: »Im Extremfall muß die Gewerkschaftsholding ihr gesamtes ruhendes Vermögen einsetzen, um die notleidende Neue Heimat zu sanieren.«

Vor der eigentlichen Sanierungsaktion will Meier-Preschany in Absprache mit Hoffmann und den NH-Gesellschaftern eine Bestandsaufnahme erarbeiten. Bis

Ostern will er dann sein Sanierungskonzept vorlegen.

Den Erfolg seines Rettungsversuchs macht er schon jetzt davon abhängig, wie weit es ihm gelingt, so Meier-Preschany zu Hoffmann, den Fall Neue Heimat zu entpolitisieren, sofern »das überhaupt in einem Vorwahljahr möglich ist«.

Die Rettung der Neuen Heimat, so ist aus Bankerkreisen zu hören, wird voraussichtlich ähnlich wie der von Meier-Preschany gesteuerte Sanierungspoker im Krisenfall AEG verlaufen. Die über 60 Gläubigerbanken werden nur dann auf Jahre hinaus stillhalten oder sogar zu einem Forderungsverzicht bereit sein, wenn auch die Eigentümer einen finanziellen Beitrag leisten.

Die Gewerkschaftsholding müßte sich auf einen drastischen Kapitalschnitt bei der Neuen Heimat einstellen und dann in einem zweiten Schritt wie bei der AEG der NH-Gruppe eine massive Kapitalspritze geben. Großgläubiger Helmut Guthardt, Vorstandschef der Deutschen Genossenschaftsbank, stellt sich vor, daß die NH-Gesellschafter »mindestens 1,5 Milliarden Mark« an neuem Kapital zuschießen müssen.

Während der Bonner Wohnungsbauminister Oscar Schneider und sein Finanzkollege Gerhard Stoltenberg mit der Parole »keine Mark für die Neue Heimat« einen harten Kurs fahren, ruft dagegen Bankenpräsident Schroeder-Hohenwarth zur Besonnenheit auf: »Die Streikfähigkeit der Gewerkschaften sollte aus politischer Vernunft nicht tangiert werden.«

Von dem politisch aufgeheizten Reizklima um die Neue Heimat läßt sich der neue Berater kaum beeindrucken. Auch Warnungen vor seiner heiklen Aufgabe nimmt der Ex-Bankier wenig ernst. Als Bundeskanzler Helmut Kohl auf einer Veranstaltung in der Frankfurter Industrie- und Handelskammer ihn warnte: »Da gehen Sie auf dünnem Eis«, konterte Meier-Preschany: »Im Gegensatz zu vielen anderen kann ich aber schwimmen.«

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