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ARBEITNEHMER Höflich anfragen

Arbeit auf Abruf wird von manchen Firmen recht willkürlich genutzt. Die Beschäftigten wehren sich. *
aus DER SPIEGEL 19/1985

Anna Speet, 51, ging es wie anderen Frauen auch: Sie hatte Haushalt und Kinder zu versorgen - und sie wollte ein wenig Geld verdienen. Doch im Gegensatz zu vielen anderen wurde Frau Speet mit dem Problem recht gut fertig.

Sie nahm - das war schon vor 13 Jahren - eine Teilzeitbeschäftigung an. Montags und dienstags verkaufte sie bei Karstadt in Hamburg Lampen, Glas und Porzellan, den Rest der Woche blieb sie zu Hause.

Nach ein paar Jahren wurde es schwieriger: Karstadt brauchte die Verkäuferin zu ganz unterschiedlichen Zeiten, Anna Speet fügte sich widerwillig.

Mal stand sie montags am Verkaufstisch, mal donnerstags, manchmal auch am Sonnabend. Häufig sprang sie zusätzlich für kranke Kolleginnen ein. Jetzt soll es noch schlimmer kommen.

Der Arbeitgeber meint, Frau Speet sollte statt an zwei an vier Tagen in der Woche zu Schichten von jeweils viereinhalb Stunden ohne Pause zur Verfügung stehen, mal vormittags ab zehn, mal nachmittags ab halb drei. Doch nun macht die Teilzeitkraft nicht mehr mit. »Da bin ich ja«, sagt Anna Speet, »überhaupt nicht mehr Herr meiner selbst und kann mir nichts mehr vornehmen.« Sie möchte nun wieder selbst bestimmen, wann sie arbeitet, und verklagte Karstadt vor dem Arbeitsgericht.

Die Hamburgerin ist nicht die einzige, die darüber murrt, wie die Arbeitgeber mit der Arbeit auf Abruf umgehen. Tausende von Arbeitnehmern in Warenhäusern und Supermärkten, in Büros und in der Gastronomie werden je nach Geschäft hin- und hergeschoben. Sie murren zu Recht. Auch beim variablen Arbeitseinsatz kann der Chef nicht nach Belieben bestimmen, wann die Teilzeitkräfte anzutreten haben - selbst wenn das so im Arbeitsvertrag steht.

Beim Hamburger Bekleidungshaus Peek & Cloppenburg etwa mußten Teilzeitbeschäftigte Verträge mit dem eingestempelten Zusatz unterschreiben: »Der Arbeitseinsatz richtet sich nach den betrieblichen Notwendigkeiten.«

Wegen dieser Klausel wurde ein Packer, der vorher variabel zwanzig bis vierzig Stunden in der Woche eingesetzt worden war, zunächst für zwei Wochen, dann für drei Monate ohne Lohn nach Hause geschickt. Der Mann ließ sich das nicht gefallen und klagte vor dem Hamburger Arbeitsgericht.

Die Arbeitsrichter billigten ihm seinen vollen Lohn zu. Die Zusatzklausel in den Arbeitsverträgen bei Peek & Cloppenburg, so ihre Begründung, verletze zwingende Schutzvorschriften und wälze das Beschäftigungsrisiko auf die Arbeitnehmer ab.

Ein anderer Fall ging ähnlich aus. Bis zu einer Grundsatzentscheidung des Bundesarbeitsgerichts (BAG) in Kassel stritt sich die Stadt Mönchengladbach mit neun Lehrern, die stundenweise an einer städtischen Musikschule beschäftigt waren. Wegen der schlechten Haushaltslage mußte die Stadt den Lehrern die Unterrichtsstunden kürzen.

In den Arbeitsverträgen hieß es: »Arbeitsleistungen sind nur nach Aufforderung durch die Musikschule zu erbringen.« Die Stundenzahl werde »von Fall zu Fall im Einvernehmen mit der Schulleitung festgelegt«. Auch diese Klausel erklärten die Richter für nichtig.

Die Musikschule, so das Urteil des BAG, könnte mit solchen Bedingungen einseitig Arbeitszeit und Vergütung festlegen. Das aber übersteige »die Grenzen des dem Arbeitgeber zustehenden allgemeinen Weisungsrechts«.

Das sei, kommentiert die Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen die BAG-Entscheidung, ein »Sieg für den Arbeitsschutz«. Drei von vier Verträgen über Arbeitszeit nach Abruf seien damit rechtswidrig und nichtig.

Ganz so weit ist es wohl noch nicht. Sie hätten, betonten die Arbeitsrichter, keineswegs ein Urteil über die sogenannte kapazitätsorientierte variable Arbeitszeit, kurz Kapovaz, fällen wollen. Kapovaz unterscheidet sich laut BAG-Definition von der Arbeit auf Abruf deshalb, weil dabei »ein bestimmtes Arbeitsdeputat fest vereinbart« wird. Die jährlich oder monatlich zu leistende Arbeitszeit nämlich werde bei Kapovaz im voraus einvernehmlich festgesetzt. Der Arbeitgeber habe lediglich das Recht »innerhalb eines Bezugszeitraums die Arbeitsleistung je nach Bedarf bis zur Ausschöpfung des Gesamtdeputats abzurufen«.

So ist es etwa den Beschäftigten beim Münchner Modehaus Beck selbst überlassen, ob sie ganz normal 40 Stunden in der Woche oder weniger arbeiten wollen. Kann mal einer überraschend nicht zur Arbeit kommen, werden Teilzeit-Aushilfen einen Tag vorher gefragt, ob sie einspringen können. Sie dürfen auch nein sagen - Nachteile haben sie dadurch nicht.

Wie bei Beck brauchen auch die Verkäuferinnen bei Aldi in Werl nicht mehr auf Kommando zur Arbeit anzutreten. In einer Betriebsvereinbarung mit Aldi-Inhaber Theo Albrecht setzten sie durch, daß die Arbeitszeit für die einzelnen Mitarbeiter »jeweils bis Mittwoch für die kommende Woche verbindlich festgelegt wird«. Gegen ihren Willen dürfen die Verkäuferinnen nicht mehr unter zwanzig Stunden in der Woche und drei Stunden am Tag beschäftigt werden.

Die Aldi-Regelung ist Vorbild für Paragraph 4 des Beschäftigungsförderungsgesetzes geworden, das seit 1. Mai in Kraft ist. Mit der neuen Vorschrift will Bundesarbeitsminister Norbert Blüm einen Mindestschutz für Teilzeitjobber erreichen und so Teilzeitarbeit »salonfähig« (Blüm) machen.

Es scheint, als habe der Widerstand der Teilzeitarbeitnehmer schon erste Wirkung erzielt. Bei Peek & Cloppenburg beispielsweise werden die Verkäuferinnen nicht mehr einfach weggeschickt, wenn wenig zu tun ist: Da fragen nun die Abteilungsleiter ganz höflich, ob am nächsten Tag jemand freihaben möchte.

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