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Manager Höhere Weihen

Bei IBM, dem größten Computerkonzern der Welt, übernimmt zum erstenmal ein Deutscher die Spitzenposition in Europa.
aus DER SPIEGEL 37/1993

Seine Komplimente waren nicht nur Schmeichelei. Die Mitarbeiter seien »hoch motiviert«, und das Unternehmen steuere den »absolut richtigen Kurs«, lobte Louis Gerstner, neuer Chef des Computerkonzerns IBM, bei seinem Antrittsbesuch in Stuttgart die Arbeit seiner deutschen Mitarbeiter.

Vergangene Woche ernannte Gerstner, 51, seinen deutschen Statthalter Hans-Olaf Henkel, 53, zum Chef der IBM-Europazentrale. Damit hat der gebürtige Hamburger die höchste Position erreicht, die je von einem Deutschen bei dem US-Multi bekleidet wurde.

Von Paris aus wird der spröde Hanseat die wichtigste Tochterfirma des größten Computerkonzerns der Welt leiten. Neben West- und Osteuropa ist sie auch zuständig für den Mittleren Osten sowie für Afrika. Mit einem Umsatz von 25 Milliarden Dollar ist IBM Europa fast doppelt so groß wie der Erzkonkurrent Digital Equipment, die zweitgrößte Firma der Computerbranche.

Völlig überraschend kommt die Beförderung nicht. Henkel, der seit 1987 die deutsche IBM führt, hatte sich seit langem Hoffnungen gemacht, auf dem Chefsessel in Paris Platz nehmen zu können.

Ende vergangenen Jahres schien das begehrte Ticket nach Paris zum Greifen nahe. Im Frühjahr 1994, so hatte der damalige IBM-Präsident John Akers in kleinem Kreis klargemacht, könne Henkel den Italiener Renato Riverso als Europachef ablösen. Zielstrebig begann Henkel, sein Haus in Stuttgart zu ordnen. Zur Überraschung vieler Branchenkenner ernannte er den in Deutschland fast unbekannten Edmund Hug, 52, zu seinem Stellvertreter und Nachfolger.

Doch dann kam alles ganz anders. Mit einem Verlust von 443 Millionen Mark mußten die Stuttgarter 1992 das schlechteste Ergebnis in Henkels Ägide als Deutschland-Chef verbuchen. Schließlich schien Anfang des Jahres der plötzliche Rausschmiß von John Akers alle weiteren Karriereplanungen zunichte zu machen.

Denn Louis Gerstner, der vom Nahrungsmittelkonzern RJR Nabisco abgeworbene neue Mann an der Firmenspitze, scherte sich nicht um die ungeschriebenen Gesetze der byzantinischen IBM-Bürokratie.

Unbelastet von den Traditionen besetzte Gerstner wichtige Positionen in der Konzernzentrale in Armonk mit Seiteneinsteigern, die nie bei IBM gearbeitet hatten. Langjährige Mitarbeit im Konzern, früher die Grundvoraussetzung für höhere Weihen, schien nun eher ein Handikap zu sein.

Um so überraschender kam da die Berufung Henkels, die bei der IBM als »erste wichtige Linienentscheidung« des neuen Chefs gefeiert wird. Offensichtlich hat Gerstner beeindruckt, wie konsequent Henkel die schwerfällige deutsche Tochterfirma in mehrere flexible Einheiten zerlegt und die Kosten gedrückt hat.

Henkel gibt sich dagegen ganz bescheiden. »Die Chemie« zwischen Gerstner und ihm, sagt er, habe »einfach von Anfang an gestimmt«.

Durchsetzungsstärke und Mut zu neuen Ideen wird Henkel auch in Paris brauchen. Er muß einen der größten Verlustbringer im Konzern sanieren, der im vergangenen Jahr gut 1,7 Milliarden Dollar verlor.

Die Kosten zu drücken sei die vordringlichste Aufgabe, sagt Henkel. Erst dann, da ist er sich mit der Nummer eins bei IBM völlig einig, könne es darum gehen, eine neue Strategie für den schlingernden Konzern zu finden.

Derweil jedoch wächst die Unruhe innerhalb und außerhalb der Firma. Enttäuscht von Gerstner, haben wichtige Manager das Unternehmen verlassen.

Das jüngste Alarmsignal kam von der Bewertungsfirma Moody's. Ende August stufte die Rating-Agentur die Bonität von IBM auf die Note A3 herab. Eine so schlechte Bewertung hatte der Computergigant seit Jahrzehnten nicht. Y

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