Kritik aus der Wirtschaft Ab ins Homeoffice – gilt das auch für die Bundesregierung?

Arbeitsminister Heil fordert mehr Homeoffice im Kampf gegen die Pandemie. Doch Unternehmer sehen Nachholbedarf eher bei den Behörden. So sieht es in Berliner Ministerien wirklich aus.
Kanzleramt: Bis zu 90 Prozent der Beschäftigten arbeiten von zu Hause aus

Kanzleramt: Bis zu 90 Prozent der Beschäftigten arbeiten von zu Hause aus

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Die Bundesregierung hat den Rückzug vom Arbeitsplatz ins Homeoffice zum zentralen Baustein im Kampf gegen die Corona-Pandemie erklärt. Spätestens ab der kommenden Woche sollen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Unternehmen möglichst zu Hause bleiben, wenn sie ihr Pensum auch von dort aus erledigen können. Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber hätten Beschäftigten im Falle von Büroarbeit oder vergleichbaren Tätigkeiten die Arbeit von zu Hause aus zu ermöglichen, wenn keine zwingenden betriebsbedingten Gründe entgegenstünden, heißt es sinngemäß in der geplanten Verordnung.

Unternehmerverbände hatten sich wochenlang gegen eine gesetzliche Pflicht zur Arbeit zu Hause gesperrt. Dass die Verpflichtung jetzt einer wachsweichen Formulierung gewichen ist, die den Unternehmen großen Spielraum bietet, genügt den Kritikerinnen und Kritikern aber nicht. Der Digitalverband Bitkom verweist zudem auf den großen Nachholbedarf der öffentlichen Verwaltung: »Die meisten der fünf Millionen Beschäftigten der öffentlichen Hand könnten von ihrer Tätigkeit her auch zu Hause arbeiten, den wenigsten wird es bislang ermöglicht«, erklärte Bitkom-Präsident Achim Berg.

Den Vorwurf wollen zumindest die Ministerien der Bundesregierung nicht auf sich sitzen lassen, wie eine Nachfrage des SPIEGEL bei den einzelnen Ministerien ergab. Die Präsenzpflicht dort sei auf den zwingend erforderlichen dienstlichen Bedarf beschränkt, heißt es unisono aus den 14 Ressorts. Trotzdem fallen die Quoten recht unterschiedlich aus. So arbeiten nach Angaben eines Regierungssprechers etwa im Bundeskanzleramt bis zu 90 Prozent der Beschäftigten von zu Hause aus, sofern ihre Tätigkeit es zulässt.

Im Ministerium für Landwirtschaft und Ernährung sind sogar grundsätzlich alle Beschäftigten angehalten, so weit wie möglich mobil zu arbeiten, wie ein Sprecher erklärte. »Ausnahmen gelten auch hier wieder für die Arbeitsplätze, die vor Ort besetzt werden müssen.«

Auf den Plätzen in der inoffiziellen Rangordnung folgen etwa das Entwicklungshilfeministerium mit einer Quote in Höhe von 80 bis 85 Prozent, das Wirtschaftsministerium (80 Prozent), und das Bundesfinanzministerium (80 bis 85 Prozent). Auch das Ressort Familie und Senioren zeigt sich vorbildlich: »Erfahrungsgemäß sind aktuell täglich durchschnittlich weniger als 15 Prozent der Beschäftigten in den Dienstgebäuden anwesend«, erklärt eine Sprecherin.

Vorbildliche Bundesministerien

Das Innenministerium erreicht eine Quote von 70 Prozent, verweist aber auf seine besondere Rolle während der Pandemie. So nehme etwa der gemeinsame Krisenstab »BMI–BMG-Covid 19« weite Teile seiner Aufgaben innerhalb der Liegenschaften des BMI wahr. Dies gelte ebenfalls für Serviceeinheiten, die im Haus tätig sein müssen. Etwas weniger konkret äußert sich das Umweltministerium: »Im BMU gilt aktuell eine maximale Präsenzreduzierung. Grundsätzlich sind alle Beschäftigten aufgefordert, mobil zu arbeiten«, erklärt eine Sprecherin. Ebenso im Ressort Bildung und Forschung: »Die Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten, besteht im BMBF nahezu flächendeckend und wird entsprechend dem Infektionsgeschehen in Anspruch genommen«, heißt es dort. Nachprüfen lässt sich das – wie bei allen anderen Ministerien – nicht.

Mit 70 Prozent gibt auch das Auswärtige Amt eine etwas niedrigere Quote an. »Nicht in allen Arbeitsbereichen des Auswärtigen Amts ist die Arbeit im Homeoffice uneingeschränkt möglich, weil der jeweilige Aufgabenzuschnitt ganz oder in Teilen eine physische Anwesenheit vor Ort erfordert«, erklärt ein Sprecher.

Selbst im Verteidigungsressort, dessen rund 2500 Mitarbeiter wegen des Zugriffs auf vertraulich eingestufte Informationen spezielle IT-Zugänge brauchen, hat die Leitung nach eigenen Angaben knapp 70 Prozent der Belegschaft nach Hause geschickt. Für die sogenannten »roten Systeme« mit sicherheitsrelevanten Informationen schieben allerdings einige Abteilungen im Ministerium Dienst.

Im Haus von Arbeitsminister Hubertus Heil sind nach Auskunft eines Sprechers alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Bürotätigkeit mit mobiler Zugangstechnik ausgestattet.  »Die Teams und Führungskräfte sind ganz aktuell gehalten, wo immer möglich dem Grundsatz »stay at home« zu folgen; dies können technisch bis zu 100 Prozent aller Mitarbeiter*innen mit Büroarbeitsplätzen sein.« Auch im Gesundheitsministerium will man den Anteil der Homeoffice-Mitarbeiter nicht beziffern: »Die genaue Zahl der Beschäftigten, die aktuell tage- oder stundenweise mobil arbeiten, kann nicht beziffert werden. Es gibt im BMG wenige Arbeitsplätze, die für die Nutzung von mobiler Arbeit nicht geeignet sind, sodass die Beschäftigten weiter vor Ort arbeiten.«

Länder und Kommunen schneiden schlechter ab

Demgegenüber haben die Behörden in den der Verwaltung von Ländern und Kommunen offenbar noch großen Nachholbedarf. Einer Studie des Beamtenbundes dbb und der Hertie School of Governance im Auftrag der Beratungsagentur Next:Public zufolge arbeiteten im Sommer nur die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Behörden auf Bundesebene mit 67 Prozent mehrheitlich im Homeoffice. Bei den Beschäftigten auf Landesebene waren es nur noch 55 Prozent – und die Kommunen kamen lediglich auf eine Quote von 37 Prozent. Und glaubt man den anekdotischen Berichten vieler öffentlich Beschäftigter, hat sich daran bisher auch nicht viel geändert.

Allerdings lassen sich die Zahlen nicht ohne Weiteres vergleichen. Denn nicht alle Aufgaben können am heimischen Küchentisch verrichtet werden. So unterliegen die Akten in den Gesundheitsämtern datenschutzrechtlichen Beschränkungen. Richter und Staatsanwälte müssen während der Verhandlungen im Gerichtssaal anwesend sein. Und das Bürgerbüro erfordert Schalterdienst der Beamten – und auch die Straßenreinigung lässt sich nicht digitalisieren.

Doch viele Tätigkeiten lassen sich sehr wohl von zu Hause ausüben, wenn nur der Wille vorhanden wäre – und die notwendige Technik: »Was die Digitalisierung angeht, steckt der öffentliche Dienst – vor allem im bürgernahen kommunalen Bereich – immer noch in der Kreidezeit fest«, sagt der dbb-Vorsitzende Ulrich Silberbach. Das sei die Folge einer jahrzehntelangen Sparpolitik.

Vor diesem Hintergrund sorgten zuletzt Aussagen von Michael Müller (SPD) für Kritik. Der Regierende Bürgermeister von Berlin hatte Arbeitgeber dazu aufgefordert, ihren Mitarbeitern die Arbeit im Homeoffice zu ermöglichen. Dabei ist der größte Teil der 120.000 Behördenmitarbeiter der Stadt davon weit entfernt.

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