HP-Compaq-Chefin Fiorina "Wer nicht mithalten kann, muss eben gehen"

Mit der Übernahme von Compaq lehrt HP-Chefin Carly Fiorina die Konkurrenz das Fürchten. Mit ihrer Mischung aus weiblichem Charisma und Kampfgeist stürmt sie an die Spitze der Computerindustrie.


Carleton (Carly) Fiorina

Carleton (Carly) Fiorina

Sie gilt als Inbegriff der amerikanischen Erfolgsfrau. Zweimal in Folge wurde sie von "Forbes" zur mächtigsten Frau der US-Wirtschaft gekürt. Die Fotografin Annie Leibovitz nannte sie in einem ihrer Bildbände sogar eine "feministische Persönlichkeit". Aber Carleton Fiorina, die am Donnerstag ihren 47. Geburtstag feiert und gerne in Designermode auftritt, will vom Spiel der Geschlechter nichts wissen. "Ich habe nie in Kategorien wie 'Männer tun dies, Frauen tun jenes' gedacht. Man darf einfach nicht daran denken, eine Frau zu sein", sagte sie einmal.

Dennoch setzte sich die Chefin von Hewlett-Packard (HP) seit ihrem Amtsantritt 1999 gekonnt in Szene. In Werbespots trat sie lächelnd vor einen Nachbau der Garage, in der William Hewlett und David Packard 1938 den Grundstein für die Erfolgsstory des Weltunternehmens legten. "Das erste Start-up-Unternehmen wird wieder handeln wie ein Start-up", so ihre Aussage.

Die Front-Back-Frau

Hinter ihren charmanten Worten verbarg sich eine Kampfansage. Als Fiorina den Leitungsposten bei HP antrat, versprach sie, das etwas schläfrig gewordene Traditionsunternehmen binnen drei Jahren "total umzukrempeln". Zwei der drei Jahre hat sie hinter sich, und die Börsianer sind alles andere als zufrieden. Einige Analysten äußerten in jüngster Zeit sogar Zweifel daran, ob HP die Chefin angesichts ihrer Bilanz behalten werde. Immerhin verloren die HP-Aktien seit Jahresbeginn rund 27 Prozent und sanken auf den tiefsten Stand seit 1996.

Doch Fiorina lässt sich davon wenig beeindrucken. Unter Hochdruck setzt sie um, was in der Managementlehre "Front-Back"-Modell genannt wird. Dabei sollen die Abteilungen, die für den Kundenkontakt ("Front End") zuständig sind, nach dem Profil der Kunden organisiert werden. Privatkunden, so die dahinter liegende Idee, brauchen eine völlig andere Ansprache als Firmenkunden. Die technischen Abteilungen wie Fertigung und Produktentwicklung ("Back End") sollen dagegen nach Produktgruppen zusammengefasst werden, um hier Synergien zu nutzen.

Klingt plausibel, ist aber ein vollständiger Bruch mit der Tradition des Unternehmens. Als Fiorina zu HP kam, gab es 83 Produktdivisionen. Die Chefs dieser selbständigen Abteilungen handelten wie Unternehmer im Unternehmen, was lange als Erfolgsmodell galt. Dabei gab es allerdings häufig Probleme, wenn ein Kunde mehrere Produkte von HP kaufte und das Gesamtsystem nicht richtig funktionierte.

"Pack ein, Baby - du stinkst"

Mit dem "Front-Back"-Modell sind jedoch auch nicht alle zufrieden. Vor allem in der Produktentwicklung gehe der Kontakt zum Kunden verloren, heißt es in Firmenkreisen. Ein ehemaliger Manager sagte dazu: "Eine ganze Reihe von Technikern fühlte sich plötzlich, als wären sie das hintere Ende eines imaginären Pferdes."

Bissige Kommentare von Analysten fing sich die studierte Philosophin und Historikerin ein, als sie Anfang des Jahres neben den schlechten Zahlen auch noch die Streichung von 6000 Arbeitsplätzen verkünden musste. Der Stellenabbau passe nicht zur berühmt gewordenen Tradition von HP, mit Krisen umzugehen. Ein Finanzkolumnist des New Yorker "Observer" schrieb in Anspielung auf ihr Parfum: "Pack ein Baby - du stinkst." Die HP-Chefin ist mit solchen Pöbeleien nicht auszuhebeln. Sie habe sich zum Ziel gesetzt, die Kultur von Selbstzufriedenheit, Bürokratie und Desinteresse zu beenden, so ihr kühler Kommentar. "Wer nicht mithalten kann, muss eben gehen."

Vor allem die Rationalisierung der Produktionsabläufe und die Wiederbelebung der gemeinsamen Firmenidentität werden in der Belegschaft von HP als Fiorinas Verdienste gesehen. Zudem steht die Managerin in Sachen Unterhaltungskunst und persönlicher Präsenz anderen Größen der US-Computerbranche wie Apple-Chef Steve Jobs in nichts nach. Fiorina wehrt sich erst gar nicht gegen den Vorwurf, sie fände zu viel Gefallen an öffentlichen Auftritten. "Führungskraft ist Selbstdarstellung", antwortete sie darauf einmal knapp.

Armani, Versace, Dolce&Gabbana

Bevor sie 1999 als Chefin zu HP wechselte, hatte Fiorina rund 20 Jahre bei dem Telefonriesen AT&T gearbeitet. 1996 war sie maßgeblich an der Ausgliederung des Netzwerkausrüster Lucent Technologies aus dem Konzern und seinem Börsengang beteiligt, damals der größte und erfolgreichste aller Zeiten.

Fiorina ist seit 1985 in zweiter Ehe mit einem ehemaligen Vizepräsidenten des AT&T verheiratet. Er brachte zwei Töchter in die Ehe mit und hat sich für die Karriere seiner Frau aus dem aktiven Geschäft zurückgezogen. Sie trägt am liebsten Kleidung von Armani, Versace und Dolce&Gabbana. Nach Angaben des "Forbes"-Magazins verdiente die HP-Chefin im vergangenen Jahr rund 37 Millionen Dollar (80,7 Millionen Mark).

Dass ihr die Rechte der Frau doch nicht egal sind, verriet die 46-Jährige bei einer Begegnung mit Präsident George W. Bush im Januar: "Der Großteil der Leute in der Hightech-Branche müssen Frauen und Angehörige von Minderheiten sein." Auch das klang wieder wie eine Kampfansage.

Carsten Matthäus



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