Hugo Boss Sonderdividende weckt Argwohn der Experten

Es rumort beim Modefabrikanten Boss: Die Entscheidung zur Ausschüttung einer Sonderdividende nährt Mißtrauen bei den Fachleuten. Sie vermissen eine klare Strategie - und verweisen auf das Eigeninteresse des Hauptaktionärs Permira.

Von


Berlin - Es war kurz vor Mitternacht, als die Entscheidung schließlich feststand: Für das Geschäftsjahr 2007 sollen fünf Euro je Anteilsschein ausbezahlt werden - insgesamt rund 350 Millionen Euro. "Aus meiner Sicht als Betriebsrat war das keine glückliche Entscheidung", sagte Aufsichtsratsvize Antonio Simina. Dem Vernehmen nach soll die zweite Stimme von Aufsichtsratchef Guiseppe Vita den Ausschlag gegeben haben.

Führungsriege von Hugo Boss: Schlachtung des Sparschweins beschlossen
DPA

Führungsriege von Hugo Boss: Schlachtung des Sparschweins beschlossen

Die Beschlüsse der vergangenen Nacht bedeuten nicht weniger als eine Zeitenwende bei Boss. Immerhin muss der schwäbische Modekonzern seine Verschuldung deutlich erhöhen, um die Sonderdividende von rund 350 Millionen Euro an den Großaktionär Permira und die übrigen Aktionäre bezahlen zu können. Hinzu kommt, dass sich die Schwaben eine Kreditlinie von mindestens 300 Millionen Euro für künftige Akquisitionen einrichten lassen.

Gleichwohl hat sich der Ton verändert im Hause Boss. Zu Beginn der Ära Permira hatte es noch so ausgesehen, als wolle man sich unter Führung des ehemaligen Boss-Chefs Bruno Sälzer den Ansprüchen der neuen Herren geschlossen entgegen stellen. Inzwischen jedoch bemühen sich die Leute, nach vorn zu blicken. "Wir sind ein Weltunternehmen mit den besten Mitarbeitern, die man sich denken kann", erklärt eine von Siminas Mitarbeiterinnen im Betriebsratsbüro. "Wieso also sollten wir Sorgen haben?" Auch der Entscheidung für die Sonderausschüttung versucht sie, positive Seiten abzugewinnen. "Das ist natürlich viel Geld, besonders wenn man es aus schwäbischer Perspektive betrachtet", meint . "Aber vielleicht stimmt es ja, dass man in der Vergangenheit viel zu sehr auf seinem Geld gesessen hat."

Gesamtkonzept ohne Phantasie

Boss optimiere seine Kapitalstruktur und behalte dabei ausreichend finanzielle Flexibilität - so versuchte auch Finanzchef Joachim Reinhardt die neue Linie gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters zu verkaufen.

Gegen die Schlachtung des Sparschweins haben zwar selbst Kritiker im Prinzip nichts einzuwenden. Die dadurch notwendige Finanzierung mit Fremdkapital - sprich: Schulden - ließen sich steuerlich geltend machen und seien überdies für einen großen Finanzinvestor günstig zu haben. Dies wiederum führe letztendlich zu einer deutlichen Verbesserung der Eigenkapitalrendite.

Im Falle Boss jedoch überzeugt das Konzept nur bedingt. Denn die beste Finanzstruktur hilft wenig, wenn die Zukunftstrategie die nötige Phantasie vermissen lässt. Was diesen Punkt betrifft, hat Permira bislang nichts erkennen lassen. Wie es aussieht, wird es bei dem bereits von Sälzer eingeschlagenen Kurs bleiben: Ausbau der Damenmode, Konzentration auf das Accessoire-Geschäft und die Erweiterung des eigenen Filialnetzes werden unverändert vorangetrieben - um die Ansprüche des Großaktionärs in der Zukunft zu befriedigen, ist das zu wenig.

Eigeninteressen im Vordergrund

Zu offensichtlich stehen dagegen die Eigeninteressen des Großaktionärs im Vordergrund. "Es liegt der Verdacht nahe, dass Permira seine Vorstellungen auf Kosten der anderen Anteilseigner verfolgt", sagt ein Analyst. Strategische Gesichtspunkte, was die Zukunft des Unternehmens betreffe, seien jedenfalls spontan nicht zu erkennen. Vielmehr liege der Verdacht nahe, dass der Investor zunächst lediglich seine eigene Belastungen senken wollte. Denn nach eigener Auskunft wolle Permira mit der Sonderdividendenzahlung eine Zwischenfinanzierung ablösen.

Der Finanzinvestor hatte seit der Mehrheitsübernahme von Hugo Boss im vergangenen Sommer auf die Ausschüttung einer Sonderdividende und eine höhere Verschuldung gedrängt, unter anderem um die 3,4-Milliarden-Euro teure Akquisition der Hugo-Boss-Mutter Valentino aus Italien teilweise zu refinanzieren. Mehr als 70 Prozent der Ausschüttungssumme kann Permira einstreichen.

Bei aller Sympathie für eine "Optimierung der Kapitalstruktur" sieht auch Christoph Dolleschal, Analyst bei der Commerzbank, wenig Positives in der heutigen Entscheidung. "Es ist zu befürchten, dass künftig zu wenig Geld in die Marke investiert wird", erklärt er. Zwar habe sich keiner der Beteiligten konkret über die künftige Ausrichtung von Boss geäußert. Dolleschal geht davon aus, dass die eher nüchternen Zahlenmenschen von Permira wenig Verständnis für die hohen Marketingkosten aufbringen werden und hier Sparpotenzial vermuten. "Das Geld ist aber die wichtigste Ausgabe des Unternehmens überhaupt".

Schnelle Akquisitionen geplant

Auch was die Pläne für künftige Akquisitionen betrifft, ist der Experte nicht ohne Argwohn. Mit dem gestern vom Aufsichtsrat gebilligten Finanzplan will Boss den seit längerem geplanten Zukauf einer Damen- oder Herrenmodemarke schnell unter Dach und Fach bringen, "auch vor der Berufung eines neuen Vorstandschefs", sagte Finanzvorstand Joachim Reinhardt. Mit der Modernisierung der Informationstechnik seien die notwendigen Voraussetzungen zur Integration einer weiteren Marke geschaffen. "Wir haben eine Shortlist aus mehreren für uns interessanten Unternehmen gebildet und zum Teil auch schon Gespräche geführt."

Nicht wenig Analysten vermuten allerdings, dass sich auch die Konzern-Mutter Valentino auf dieser Shortlist befindet - eine Kaufoption, die Ex-Boss-Chef Sälzer stets abgelehnt hatte. Der Vorgang wäre durchaus pikant: Immerhin gehört das noble Modehaus zu Permira, der Erlös würde ihm also allein zufließen. "Den Preis kann man natürlich nicht willkürlich festlegen", erklärt Dolleschal. "Doch man kann getrost annehmen, dass er am oberen Ende der Spanne liegen wird." Das sei bestimmt nicht im Interesse der anderen Aktionäre.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.