Hypothekenkrise Absturz der amerikanischen Hausmarke

Die größte US-Hypothekenbank Countrywide ist verkauft. Damit hat die Kreditkrise ihr prominentestes Opfer gefordert - und den amerikanischen Traum vom Eigenheim für alle endgültig platzen lassen.

New York - Erst kamen die Gerüchte, die angeschlagene Hypothekenbank Countrywide, die größte der USA, stehe kurz vor dem Konkurs. Dann kamen auffällige Insider-Geschäfte: Irgendwer begann gestern plötzlich massiv mit Countrywide-Aktien zu handeln. So massiv, dass die New York Stock Exchange (NYSE) den Handel vorübergehend einstellte und öffentlich beim Countrywide-Management anfragte, ob es neue "Entwicklungen" gebe, über die man Bescheid wissen müsse?

Heute Mittag dann die offizielle Bestätigung: Die größte US-Hypothekenbank, als Mitverschulder der Finanzkrise seit Monaten im Trudeln, wird für vier Milliarden Dollar an die Bank of America (BofA) verscherbelt, die größte Geschäftsbank des Landes. Eine Pleite ist damit vorerst abgewendet - doch die Probleme des Unternehmens bleiben ungelöst.

Gestern Abend hatten die Übernahmegerüchte den Countrywide-Kurs noch steil nach oben getrieben. Heute Mittag dann die Gegenreaktion: Die Aktie verlor 15 Prozent an Wert. Für Spekulanten, die rechtzeitig informiert waren, ein guter Tag.

Für alle anderen freilich - nicht zuletzt für Millionen bedrängte Hausbesitzer - passte die Nachricht perfekt in die wirtschaftliche Weltuntergangsstimmung dieser Tage: Rezessionspanik, Börsenkapriolen, Hypothekendrama ohne Ende. Der Ausverkauf von Countrywide schürt die Ängste, dass die Kreditkrise des vergangenen Sommers noch längst nicht überstanden ist. Selbst American Express, das Symbol amerikanischer Standfestigkeit, kommt ins Wanken und musste gestern eine Vorsteuerbelastung von 440 Millionen Dollar für das vierte Bilanzquartal offenbaren. Grund: "negative Kredittrends."

Automatisch richtet sich alle Aufmerksamkeit jetzt auf den Mann, der am Zinshebel sitzt: US-Notenbankchef Ben Bernanke musste gestern beim Frühstück in der "New York Times" den Vorwurf lesen, er sei viel "zu nett für den Job": "Mr. Bernanke sollte mit der Situation aggressiver umgehen als bisher." Und siehe da, wenige Stunden später kündigte Bernanke, wohl kaum ein Zufall, "substantielle zusätzliche Aktionen" an. Klartext: Leitzinssenkungen. "Die negativen Risiken für das Wachstum", so Bernanke, "sind ausgeprägter geworden."

Das Ende des "American Dream Builders"

Für die eher zurückhaltende Fed, die weitere Zinssenkungen bisher aus Angst vor der Inflationsschraube gescheut hatte, war dies ein dramatischer Offenbarungseid - und versehentlich lanciert: Der Wirtschaftsdienst Market News International jagte den Inhalt der Bernanke-Rede, die einer Sperrfrist unterlag, gut eine Stunde früher als verabredet über den Nachrichtenticker - die Börse flippte aus.

Für Countrywide war es ohnehin zu spät: Der BofA-Deal war angeblich schon seit eineinhalb Wochen in der Mache. BofA hatte Countrywide erst im August mit einer Geldspritze von zwei Milliarden Dollar auszuhelfen versucht. Vergeblich: Der Absturz des Konzerns setzte sich fort, und vorgestern musste Countrywide erstmals besagte Konkursgerüchte abstreiten.

Eine Übernahme scheint für BofA-Chef Ken Lewis nun die beste, wenn nicht letzte Chance, seine Milliardeninvestition noch zu retten. Der Kaufpreis ist ein Schnäppchen: Vor der Kreditkrise war das Unternehmen noch knapp das Zehnfache wert.

Doch der Deal symbolisiert viel mehr: Er markiert das Ende eines ganz persönlichen amerikanischen Traums. Den Traum von Countrywide-Chef Angelo Mozilo, der die Hypobank 1969 gegründet hatte und den sie lange den "American Dream Builder" nannten.

Mozilos Millionengeschäfte

Mozilo, Sohn eines Metzgers, hatte seine Herkunft aus einfachsten Verhältnissen zum Geschäftsprinzip erhoben: Jahrelang zog er persönlich von Tür zu Tür, um seine Hypotheken zu verhökern - überwiegend in armen Minderheiten-Vierteln. Countrywide rühmte sich nicht ohne Grund als die Hypobank mit dem größten Anteil Schwarzer und Latinos unter ihren Schuldnern. "Wir sehen es als unsere Pflicht", prahlte Countrywide im Geschäftsbericht 2006, "die Hürden zum Eigenheimbesitz niedriger zu machen."

Doch inzwischen ist klar, dass Mozilos Erfolg auf tönernen Füßen stand, den sogenannten subprime loans, Ramschkredite für Hauskäufer ohne nennenswerte Bonität. Diese Darlehen verkaufte Mozilo gebündelt als Kreditpakete an Großbanken weiter. Ein prima Geschäft, sowohl für Countrywide als auch für die Banken. Der Zusammenbruch im Sommer hat die gesamte US-Finanzwelt mitgerissen, Großbanken, Hedgefonds und Ratingagenturen kamen ins Schlingern.

Dass die Krise inzwischen tief ins Bewusstsein der Amerikaner gedrungen ist, zeigte gestern Abend auch Late-Night-Talker David Letterman: Der ließ sich zu Beginn seiner Sendung aus Jux als "Subprime- Hypothekenhalter" ankündigen. Das Publikum grölte - nicht zuletzt aus eigener Erfahrung.

Und selbst den US-Vorwahlkampf dominiert die Krise fast vollständig: Der Republikaner Mike Huckabee schaltete in Michigan - dem nächsten Vorwahlstaat - einen TV-Werbespot mit seinem Lieblingsspruch: "Die meisten Amerikaner wollen, dass sie der nächste Präsident an den Kerl erinnert, mit dem sie arbeiten. Nicht an den Kerl, der sie gefeuert hat."

Die Demokratin Hillary Clinton lädt derweil heute in Las Vegas zu einer Diskussion "über die Immobilien-Zwangsvollstreckungskrise" und will morgen einen "Starthilfeplan für Amerikas notleidende Wirtschaft" präsentieren.

Einer dürfte diesen Plan freilich nicht brauchen: Countrywide-Chef Mozilo. Der strich allein voriges Jahr 70 Millionen Dollar an Gehalt und Boni ein und hat seit Januar Aktien im Wert von mehr als 130 Millionen Dollar abgestoßen.