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»Ich heiße Jens, und wie heißt du?«

SPIEGEL-Redakteur Michael Schmidt-Klingenberg über ein Computer-Camp für Kinder *
aus DER SPIEGEL 39/1983

Vor der verschlossenen Tür des Konferenzsaals »Langenberg« im Hotel »Sauerland Stern« warten elf Halbwüchsige ungeduldig auf Einlaß. Vorwurfsvoll gucken sie auf ihre Digital-Uhren. Erst mit drei Minuten Verspätung sperren Claus-Jürgen Kammler, 27, und Martin Gottschalk, 20, auf. »Das wird aber nachgeholt«, verlangen die Teenies energisch.

Jede Minute ist kostbar. Denn hinter dieser Tür liegt das elektronische Schlaraffenland: das erste »Computer Camp« für bundesdeutsche Kinder.

Für 550 Mark - Übernachtung, Vollpension und »Freizeitprogramm« inklusive - dürfen die Lager-Kinder sieben Tage lang je drei Stunden vor Heimcomputern hocken und die Programmiersprache »Basic« lernen. »Das ist Spiel, Spaß, Spannung mit einem positiven Zukunfts-Aspekt«, verspricht das Werbe-Faltblatt des Hotels im hochsauerländischen Willingen den »Computer-Fans«.

Die Bildschirme leuchten auf, und sofort beginnt der erste Fan ein trauliches Zwiegespräch mit seinem Computer. »Ich heiße Jens, und wie heißt du?« tippt er ein. Noch kann der »Atari 800« auf diese Frage leider nicht antworten.

Die beiden Kursleiter, Claus und Martin, haben sich tiefschürfende Einleitungen erspart. »Was ein Computer ist, wißt ihr ja«, war der einzige Vorspruch. Auch Alexander, 10, das jüngste Computer-Kind, hat nur lässig genickt.

Vor Beginn des ersten Kurses hatten Claus und Martin einen Lehrplan ausgearbeitet. Doch den mußten sie schnell umwerfen. Schon nach zwei Tagen waren ihre lernbegierigen Schützlinge am Ende des auf sieben Tage angelegten Schemas angelangt.

Den Leitern ist die Begeisterung der kleinen Zauberlehrlinge fast unheimlich: »Denen muß man mittags mit Gewalt den Stecker rausziehen.« Helge, 13, würde am liebsten nachmittags weitermachen, wenn die zweite Gruppe an die Geräte rennt: »Sechs Stunden Computer, das wär'' Spitze.«

Christl, die Betreuerin der Computer-Knirpse, ist richtig unglücklich. Ihr Freizeitprogramm lassen die Fans wie ein notwendiges Übel über sich ergehen. Lustlos schleppen sie sich auf den Ettelsberg (838 Meter) oder planschen im Kur-Thermalbad (32 Grad). Manche schützen verstauchte Knöchel oder verletzte Daumen vor, um diesem lästigen Pflichtteil zu entgehen. Für den Computer sind sie stets wieder fit.

Jörg Mintrop, der Verkaufsdirektor des Hotels, ist hingerissen vom Erfolg seines Camps. Bei einem Gang durch die Computer-Hallen der Hannover-Messe, wo sich minderjährige Turnschuh-Programmierer um die Stände drängelten, war dem Hotelmanager im Frühjahr die Idee gekommen.

Der Firma Atari, einer Tochtergesellschaft des US-Medienmultis Warner Communications, war der Vorschlag gerade recht. Der Pionier der Video-Spiele ("Pac-Man") hatte in letzter Zeit wenig Glück - sie bringen nur noch Verluste ein. Der Verkauf der Atari-Heimcomputer in Deutschland läuft nur zäh.

»Natürlich ist das für uns auch eine PR-Maßnahme«, sagt Atari-Manager Karl-Heinz Burbank. Die Firma stellte kostenlos 20 ihrer Heimcomputer zur Verfügung. 90 000 Werbeblätter ("Endlich: Ferien selbst programmieren") wurden der Atari-Kundenzeitschrift beigelegt. Die sechs Computer-Camps im Juli und August - drei davon sogar vierzehntägig für 995 Mark - waren in kurzer Zeit ausgebucht, obwohl die Werbung eigentlich zu spät für die Feriensaison angelaufen war.

Ebenso wie die Computer kommt auch das Vorbild der Camps aus den USA. Seit 1980 veranstaltet der Elektronik-Experte Denison Bollay dort Sommer-Lager für Computer-Kids. Inzwischen hat er Kapazitäten für 1100 Teilnehmer aufgebaut und macht 640 000 Dollar Umsatz damit. Ein halbes Dutzend weiterer Camp-Organisatoren, darunter auch die amerikanische Atari-Gesellschaft, haben nachgezogen.

Auch in Deutschland bekam das Sauerland-Camp schon Konkurrenz. Der Computer-Gigant IBM lud im August 20 Gymnasiasten zu einem kostenlosen Fünf-Tage-Kurs an seine Personal-Computer. Der Club Mediterranee bietet Computer-Kurse in einigen seiner ausländischen Freizeitstätten an. Die Heilbronner »Unirent Leasing« lockt - für knapp 1000 Mark - zu 14 Tagen »Byt-Zeit« auf Schloß Weiler.

Die Nachfrage scheint noch immer größer als das Kursangebot. Schüchtern _(Im Hotel »Sauerland Stern« in Willingen. )

klopft ein Vater mit seinem Sprößling an die Tür des Konferenzzimmers im »Sauerland Stern« und fragt, ob der Junge nicht noch mitmachen könne. Der Junior, mit den Eltern als Feriengast im Hotel, habe zufällig das »Atari«-Schild gesehen und mache seinem Alten »die Hölle heiß«. Der Junge darf mit leuchtenden Augen einen kurzen Blick in die Wunderwelt tun. Claus vertröstet ihn auf den Oktober. Dann will Hotelmanager Mintrop eilends noch einen Zusatzkurs einschieben.

Die jetzt dabei sind, schreiben nach drei Kurstagen schon richtige kleine Programme. Mit »INT(RND (O)*100)«, »IF ... THEN« und einer »FOR NEXT«-Schleife produzieren die Teenies - die meisten sind zwischen 12 und 14 Jahre - Zahlenrate-Spiele. Mit »READ DATA« bauen sie an ihrer ersten Datenbank für Adressen oder Postleitzahlen.

Offenbar mühelos überbrückt der Computer die Klassen-Schranken zwischen Volksschülern und Gymnasiasten. Knirpse, kaum dem großen Einmaleins entwachsen, operieren wie selbstverständlich mit abstrakten Begriffen, die im amtlichen Schullehrplan fehlen. Hat der zehnjährige Alexander denn wirklich begriffen, was eine »String-Variable« ist?

Es sieht so aus. Fehlerlos rollt er einen elektronischen Fragebogen über seinen Bildschirm. Von der Schuhgröße über die Augenfarbe bis zum Spitznamen bleibt nichts ungefragt. Sogar Marktforschung betreibt der Kleine nebenbei ("Hast du einen Computer? Möchtest du einen?").

Dieses Programm bringt den jungen Computer-Meister bei den anderen als »Volkszähler« in Verruf. Marc von nebenan boykottiert die Befragung und antwortet nur mit der Fehlermeldung »ERROR«.

Weit erhaben über diese Programmier-Kunststückchen, hackt seit der ersten Stunde Oliver still auf seinen Computer ein. Er ist mit einem Stapel Papier voller Programme angereist, die er sozusagen trocken zu Hause entworfen hat und nun am Computer testet.

Einem Klaviervirtuosen beim Schlußakkord ähnlich, läßt er die Hände erhoben über der Computer-Tastatur verharren, wenn er die letzte Befehlszeile eingegeben hat und das Programm abrollt.

Allenfalls mit der deutschen Rechtschreibung hapert es noch hier und da. Manchmal auch erkennt er einen Tippfehler nicht, weil die schwachsichtigen Augen die Bildschirm-Buchstaben nicht recht entziffern können.

Scheu schaut ihm Kursusleiter Martin mitunter über die Schulter und wagt den Einwand, daß man manches vielleicht eleganter programmieren könnte. Dann sieht Oliver ihn nur groß und würdevoll an und sagt: »Aber dafür ist dieses Programm von mir selbst gemacht.«

Das läßt Martin keine Ruhe. Der zwanzigjährige Abiturient hat seine Computer-Kenntnisse als Mitglied eines Hamburger »Atari-User-Clubs« erworben. In so einem Verein sammeln sich Heimcomputer-Benutzer zu gegenseitigem Meinungs- und Programm-Austausch.

Souverän reduziert Martin in wenigen Minuten den Programmier-Aufwand für den Karten-Zaubertrick, den Oliver auf dem Computer simuliert, auf ein Zwanzigstel. Aber der Junge ist schon in ein elektronisches Würfelspiel vertieft und blickt nur unwirsch auf: »Kann ich mir ja nachher mal angucken, was du gemacht hast.«

Die Computer-Spielerei fordert die Jungs ganz schön. Neulich hat Markus, 12, zu Hause von neun Uhr morgens bis zehn Uhr abends an seinem »VC 64« gesessen und eine selbstgestrickte »Textverarbeitung« eingegeben.

Ins Geld geht die Sache auch. Aber die Hälfte seines monatlichen Taschengeldes von 15 Mark muß Markus für das vierzehntäglich erscheinende Fachmagazin »Computer persönlich« ausgeben. Dann kommen noch die Kosten für Leerkassetten zur Datenspeicherung dazu - »und zum Schwimmen muß man ja auch mal«.

Dafür kennt sich Markus unter den zahllosen Modellen der Klein-Computer-Industrie aus wie frühere Generationen bei Märklin-Lokomotiven. Die Erwachsenen sehen oft mit stillem Neid zu, wenn die Kleinen ihr Programm abfahren. Dem Markus können Claus und Martin nicht mehr viel bieten. Seine Tante hat ihm den Kurs zum Geburtstag geschenkt, und nun schaut er sich eben mal herablassend an, »was der Atari so bringt«.

Nicht alle Computer-Camper sind so altklug wie Oliver oder Markus. 19 der 25 Teilnehmer gingen ohne Vorkenntnisse in den Kurs - aber mit ernsten Vorsätzen.

Patricia, neben Iris das zweite Mädchen, kommt im Herbst auf eine Wirtschaftsfachschule und erhofft sich mit »Basic«-Kenntnissen einen Startvorteil im Informatik-Unterricht. Und Hartmut, 13, ein hochaufgeschossener Realschüler, denkt noch weiter: »Das braucht man doch später im Beruf.«

Das hatte sich der Kursleiter Claus, ein gelernter Elektroniker, wohl damals auch so vorgestellt, als er auf der Volkshochschule einen Programmierkurs machte. Er bekam einen tollen Job als »Vertriebsbeauftragter« einer US-Firma für tragbare Computer.

Wer glaubt denn, daß die elektronische Revolution ihre eigenen Kinder auffrißt? Seit dem Frühjahr ist Claus arbeitslos, weil seine Firma ihre Rechner leider nicht losbekam.

Nun hat er neue Hoffnung gefaßt. Der Erfolg der Computer-Camps, scheint es, wird zumindest Claus fürs erste einen neuen Arbeitsplatz garantieren.

Im Hotel »Sauerland Stern« in Willingen.

Michael Schmidt-Klingenberg
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