Zur Ausgabe
Artikel 61 / 151
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

KONKURSE »Ich vertraue dem Gericht«

Hat der Ex-Chef des Bremer Vulkan Staatsgelder veruntreut? Ist er schuld an der spektakulären Pleite des Schiffbaukonzerns? Ein Gericht müht sich noch immer, diese Fragen zu beantworten.
aus DER SPIEGEL 45/2000

Friedrich Hennemann hat sich nicht verändert. Warum sollte er auch? Er ist sich keiner Schuld bewusst, und so verfolgt der ehemalige Chef des Bremer Vulkan äußerlich kühl und emotionslos wie immer den Prozess, in dem es für ihn um alles geht: um seine Vergangenheit, um seine Zukunft und um seine Ehre.

Seit nunmehr 14 Monaten wird in Bremen gegen Hennemann verhandelt. Die Anklage wirft ihm Untreue vor: 854 Millionen von mehr als zwei Milliarden Mark, die der Konzern als Mitgift für die maroden Werften im Osten erhalten hat, soll er widerrechtlich dafür verwendet haben, Finanzlöcher im Westteil des Schifffahrtskonzerns zu stopfen.

Weil der Konzern im Frühjahr 1996 Konkurs anmelden musste, stehen indirekt auch Hennemanns Visionen vom maritimen Großkonzern vor Gericht. Hat er, so das Wirtschaftsmagazin »Capital« damals, den »Konzern sehenden Auges in die Katastrophe« geführt?

Noch bevor die Bremer Strafrichter den Angeklagten Hennemann erstmalig zu Gesicht bekamen, fällten drei parlamentarische Untersuchungsausschüsse - in Bremen, Bonn und Schwerin - ihr Urteil: schuldig.

Doch Hennemann lässt sich nicht unterkriegen. »Ich vertraue diesem Gericht«, sagt er.

Seine Sache steht so schlecht nicht, sogar ein Freispruch ist denkbar. Ein vom Gericht bestellter Gutachter kam zum Ergebnis, dass Hennemann »in zentralen Punkten der Anklage unschuldig« ("Handelsblatt") sei. Fazit des Gutachters: Objektiv gesehen war der Vulkan bis zuletzt zu retten.

Dennoch forderte die Staatsanwaltschaft eine Haftstrafe von viereinhalb Jahren, die Verteidiger plädierten auf Freispruch. Und das Gericht? Das stellte seinen Urteilsspruch zurück und steigt - sicher ist sicher - wieder in die Beweisaufnahme ein.

Nun werden noch einmal Wirtschaftsprüfer als sachverständige Zeugen gehört. Sie sollen beantworten, ob die 854 Millionen Mark »aus bilanzrechtlicher Sicht als eigenes Geld des Konzerns anzusehen« waren. Denn dann wäre Hennemann frei gewesen, es für den Vulkan zu verwenden, wie immer er wollte. Oder ob das Geld, wie die Anklage argumentiert, den Tochterunternehmen in Ostdeutschland gehörte, für die Hennemann nach Meinung der Staatsanwälte eine Vermögensbetreuungspflicht eingegangen sei.

Ausgangspunkt dieser strafrechtlichen Kontroverse sind Verträge, die zwischen dem Bremer Vulkan und der ehemaligen Treuhandanstalt in den Jahren 1992 und 1993 geschlossen wurden. Mit diesen Verträgen übernahm der Vulkan von der Treuhand, also aus Staatsbesitz, vier Schiffbaubetriebe in Wismar, Rostock und Stralsund.

Weil damals niemand außer dem Vulkan die ehemaligen DDR-Firmen haben wollte, musste die Treuhand den maroden Werften mehr als zwei Milliarden Mark mitgeben, um sie loszuwerden. Im Gegenzug sollte der Bremer Konzern die Werften in Mecklenburg-Vorpommern auf Weltmarktniveau hochrüsten und zusätzlich für einige Jahre eine festgelegte Zahl von Arbeitsplätzen aufrechterhalten.

Die Treuhand willigte ein, aus den zwei Milliarden Mark ratenweise dreistellige Millionenbeträge auszuzahlen, lange bevor das Geld bei den Werften wirklich gebraucht wurde. Auch am Zinsvorteil sollte der Empfänger ausdrücklich mitverdienen. So hatte der Vulkan von Anfang an überschüssige Liquidität en masse. War das nun eigenes Geld des Vulkan oder fremdes?

Hennemann und seine Mitvorstände jedenfalls arbeiteten mit den Millionen vollkommen frei. Sie installierten ein konzernumspannendes System der so genannten Cash-Concentration, in dem die überschüssige Liquidität zirkulierte und Verbundunternehmen für kurzfristige, aber auch dauerhafte Verbindlichkeiten zugute kam.

Die Ostwerften wurden - dank der großzügigen Zahlung aus der Staatskasse - die größten Einzahler. Nutznießer waren Vulkan-Firmen wie der notleidende Mönchengladbacher Maschinenbauer Dörries Scharmann AG, bei dem bis zum Vulkan-Konkurs 253 Millionen Mark verblieben.

Die Treuhandanstalt jedenfalls wusste, dass der Vulkan die Millionen nicht nur zinsbringend und kurzfristig anlegte. Aber die Behörde hatte keine Möglichkeit, Hennemann daran zu hindern. Denn dafür gaben die Privatisierungsverträge nichts her, wie auch die damalige Treuhand-Präsidentin Birgit Breuel als Zeugin vor dem Bremer Gericht eingestand.

Das war ärgerlich, denn die EU-Kommission, die einen Teil der Milliarden als staatliche Beihilfen zu genehmigen hatte, machte Druck auf die Treuhand. Die Brüsseler forderten, dass »die deutsche Regierung gegenüber der Kommission mit Jahresberichten eines unabhängigen Wirtschaftsprüfers belegt, dass die Beihilfezahlungen ausschließlich den Werften im Gebiet der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik zugute kommen«. Eine unmissverständliche Anweisung Brüssels an die Bonner Regierung und deren verlängerten Arm, die Treuhandanstalt. Aber war sie auch bindend für den Vulkan?

Folgt man dem vom Gericht bestellten Gutachter, dem Münchner Betriebswirtschaftswissenschaftler Wolfgang Lück, kam es darauf gar nicht an. Der Konzern, so Lück, hatte bis zuletzt ausreichend Vermögensreserven, um daraus Liquidität von knapp 2,5 Milliarden Mark schöpfen zu können - weit mehr als die 854 Millionen also, die den Ostwerften mit dem Konkurs verloren gingen.

Eine kühne Analyse. Aber warum überlebte der Vulkan dann nicht, wenn denn so viel Geld mobilisierbar war? Weil, so der Gutachter, der Konzern »mindestens während der letzten drei Monate im Jahr 1995 mehr oder weniger strategisch führungslos und faktisch handlungsunfähig war«.

Das Ende des Vulkan begann mit der Bürgerschaftswahl im Mai 1995. Danach teilte die SPD die Macht mit der CDU - und Hennemann verlor die politische Unterstützung, die ihm in der Vergangenheit über fast alle Probleme hinweghalf.

Als der Vulkan im Juli 1995 wegen Einnahmeverschiebungen kurzfristig rund 300 Millionen Mark benötigte, schien das für einen Konzern mit immerhin sechs Milliarden Mark Umsatz kein Problem. Die Vulkan-Führung glaubte, die 300 Millionen »mit einem Telefonanruf«, so der damalige Finanzvorstand Rüdiger Zinken, besorgen zu können.

Doch die Hausbanken des Konzerns legten sich quer: Sie verlangten, unter Führung der Commerzbank, die Verpfändung aller Sicherheiten, die beim Vulkan damals vorhanden waren.

Hennemann widersetzte sich, gab dann doch weitgehend nach. Denn die Londoner Investmentbank Lehman Brothers hatte ihm ein Schuldscheindarlehen über 300 Millionen Mark angeboten - völlig unbesichert. Der Kredit der Hausbanken, so Hennemanns Kalkül, ließe sich kurzfristig wieder ablösen.

Es kam ganz anders: Der Bremer »Weserkurier« berichtete vom »Liquiditätsengpass« und dem 300-Millionen-Kredit. Prompt brach die Vulkan-Aktie ein, sie erholte sich nie wieder. Als nächstes zerstritt sich der Vulkan-Aufsichtsrat: Hennemann musste abtreten, weil die Banken ein Ultimatum gestellt hatten - Geld oder Hennemann.

Danach blieb der Vulkan monatelang ohne Führung. Aufgeschreckte Lieferanten verlangten Vorkasse, Kunden zahlten nur gegen Sicherheiten. Auch Lehman Brothers bliesen ihre Schuldschein-Platzierung ab. Aus der Liquiditätslücke von 300 Millionen Mark wurden bis Mitte Februar 1996 rund 2,2 Milliarden Mark.

Ab Mitte Januar 1996 bereitete die Treuhand-Nachfolgerin BvS die Abkoppelung der Ostwerften aus dem Vulkan vor. Das sollte nochmals Geld kosten und erforderte neue Genehmigungen aus Brüssel. Dazu aber mussten die alten Beihilfen offiziell als verloren erklärt werden - verursacht durch unrechtmäßiges, besser noch kriminelles Handeln.

Die Argumente dafür besorgte sich die BvS mit Hilfe der Kölner Wirtschaftsprüferfirma KPMG. In einem Bericht für die BvS bezeichnete KPMG die Geldverwendung durch den Bremer Vulkan als »Zweckentfremdung«. Der entscheidende Begriff war gefallen, ausgesprochen von einem der größten und angesehensten Wirtschaftsprüfer Deutschlands.

Der damalige BvS-Präsident Heinrich Hornef präsentierte in Berlin vor der Presse den Bericht als »Ergebnis der Prüfung durch die KPMG«, und die sei »schlimmer als befürchtet«. Da der »bei weitem größte Teil« der Gelder im Cash-Management des Vulkan »nach den Ermittlungen der KPMG vertragswidrig« verwandt wurde, konnte die BvS »nicht anders reagieren als durch eine Strafanzeige gegen die seinerzeit beim Bremer Vulkan Verantwortlichen«.

Den Bericht selbst bekamen die Journalisten nicht zu Gesicht. Sonst hätte jeder sofort lesen können, was die BvS verschwieg: Die KPMG hatte die ihr vorgelegten Auskünfte und Unterlagen gar nicht überprüft.

Die Ziele der Treuhand-Nachfolger aber wurden erreicht: Brüssel genehmigte 1997 für mehr als eine Milliarde Mark neue Beihilfen, mit denen die Werften an skandinavische Unternehmen vergeben wurden. Hennemann steht vor Gericht - und nach den übrigen Verantwortlichen für den Untergang des Bremer Vulkan fragt schon lange keiner mehr. KLAUS SCHUSTER

Klaus Schuster
Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 61 / 151
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.