Ifo-Chef Clemens Fuest Diese Corona-Maßnahmen verträgt die Wirtschaft

Die Corona-Zahlen steigen, die Politik steuert dagegen - etwa mit dem Beherbergungsverbot. Zerstören solche Maßnahmen den Traum vom schnellen Aufschwung? Ifo-Chef Clemens Fuest erklärt, was geht und was nicht.
Ein Interview von Matthias Kaufmann
Außengastronomie in Essen (Symbolbild): "Die wirtschaftliche Erholung hängt nicht davon ab, ob ich mir um 23 Uhr noch zwei Bier bestellen kann"

Außengastronomie in Essen (Symbolbild): "Die wirtschaftliche Erholung hängt nicht davon ab, ob ich mir um 23 Uhr noch zwei Bier bestellen kann"

Foto: INA FASSBENDER/ AFP

SPIEGEL: Herr Fuest, gerade hatte sich gezeigt, dass die Wirtschaft besser durch das erste Dreivierteljahr 2020 gekommen ist als befürchtet. Nun kommt die zweite Corona-Welle mit neuen Einschränkungen. Haben wir uns zu früh gefreut?

Clemens Fuest: Ich denke nicht, die wirtschaftliche Erholung, die wir sehen, ist ja real. Andererseits war immer klar, dass es Rückschläge geben kann. Es ist erwartet worden, dass die Zahl der Infektionen im Herbst zunimmt, und genau das beobachten wir jetzt.

SPIEGEL: Die Mehrzahl der Bundesländer hat diese Woche ein Beherbergungsverbot für Besucher aus deutschen Corona-Hotspots beschlossen. Wie wird sich das auf die Wirtschaft auswirken?

Zur Person:
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Dirk Bruniecki/ DER SPIEGEL

Clemens Fuest, 52, ist seit 2016 Präsident des Münchner Ifo-Instituts. In seinem im Sommer erschienenen Buch "Wie wir unsere Wirtschaft retten" analysiert der ordoliberale Ökonom die Folgen der Pandemie und erklärt, wie Deutschland reagieren sollte.

Fuest: Jede Beschränkung belastet die Wirtschaft, das ist klar. Aber man muss betonen: Es kann keine wirtschaftliche Erholung geben, wenn die Pandemie nicht unter Kontrolle ist. Es besteht kein Konflikt zwischen gesundheits- und wirtschaftspolitischen Anliegen. Worüber wir allerdings reden müssen, ist die Art der Beschränkungen.

SPIEGEL: Welche Art von Beschränkung befürworten Sie?

Fuest: Wir brauchen Beschränkungen, die Dinge ermöglichen. Die Maskenpflicht zum Beispiel ermöglicht gesellschaftliche Interaktion, die sonst dem Gesundheitsschutz zum Opfer fiele. Mit Maske und Abstandsregeln können zum Beispiel Kinder zur Schule gehen, können Kunden frei einkaufen, das wäre sonst so nicht möglich.

SPIEGEL: Nur Maske und Abstand reicht aber in manchen Ländern bereits nicht mehr. In Teilen Spaniens etwa ist Situation dramatisch.

Fuest: Richtig, und wir müssen unbedingt vermeiden, in eine Situation zu geraten mit 20.000 oder mehr Neuinfektionen am Tag. Das wäre für die betroffenen Menschen tragisch, das würde das Gesundheitssystem sicher überlasten, und es würde garantiert zu einem großen wirtschaftlichen Rückschlag führen.

SPIEGEL: Sind denn Beherbergungsverbote, Sperrstunden und Alkoholverbote, wie sie nun teilweise gelten, die Mittel der Wahl?

Fuest: Ich maße mir kein Urteil über die medizinische Wirkung an. Die wirtschaftliche Erholung in Deutschland wird nicht davon abhängen, ob ich mir um 23 Uhr noch zwei Bier bestellen kann, so gesehen kann das ein Weg sein. Dass man in diesem Fall sehr gezielt vorgeht, halte ich grundsätzlich für richtig: Es ist plausibel, dass sich das Virus leicht in Kneipen verbreitet, gerade wenn viele Gäste unter Alkoholeinfluss stehen und nicht an die Schutzmaßnahmen denken.

SPIEGEL: Was könnte noch getan werden, ohne gleich so viel Schaden anzurichten wie mit einem umfassenden Lockdown?

Fuest: Aus meiner Sicht könnte man deutlich mehr testen. Da wird mir im Moment viel zu viel über die Kosten gesprochen. Klar kosten viele Tests viel Geld, aber es ist ungleich teurer, wenn man Geschäfte oder Schulen auf Verdacht schließt und Menschen maximal lange in Quarantäne schickt. Das Geld für Tests ist eine gute Investition, um gesellschaftliche und wirtschaftliche Aktivität zu ermöglichen - ähnlich wie mit Masken.

SPIEGEL: Sie fordern gezielte Maßnahmen, viele beklagen dagegen den Flickenteppich von Verordnungen und Verboten, der entsteht, weil jedes Bundesland eine andere Strategie fährt.

Fuest: Wir sollten uns in Deutschland von der Idee verabschieden, wir müssten alles immer einheitlich regeln. Das entspringt einem zwar verständlichen Wunsch nach Einfachheit. Aber diese Krise ist nicht einfach, und dafür steht auch zu viel auf dem Spiel. Stellen Sie sich vor, es würden in der ganzen Republik die Schulen geschlossen, nur weil in einem einzelnen Bundesland die Fallzahlen in die Höhe schnellen. Dafür hätte doch niemand Verständnis, zu Recht.

SPIEGEL: Tut die Politik derzeit genug, um die Wirtschaft trotz Corona-Maßnahmen am Laufen zu halten?

"Wir sollten uns in Deutschland von der Idee verabschieden, wir müssten alles immer einheitlich regeln"

Fuest: Die Regierung hat viel richtig gemacht, trotzdem gäbe es noch Möglichkeiten. Man hätte das Instrument des erweiterten Verlustrücktrags stärker nutzen sollen, dank dem die Unternehmen bei der Besteuerung ihre aktuellen Verluste mit Gewinnen aus den Vorjahren verrechnen dürfen. Das sind ja keine Steuersenkungen, die den Staat viel Geld kosten. Vielmehr bekommen die Unternehmen so die Möglichkeit, ihre Belastungen besser zu verteilen und so Liquidität zu sichern.

SPIEGEL: Solche Regeln gibt es doch für die Coronakrise.

Fuest: Ein bisschen hat man hier gemacht, aber bei Weitem nicht genug. Dabei bekommt der Fiskus von dem Geld, das er zunächst weniger einnimmt, rund 90 Prozent am Ende doch noch. Das sind Hilfen, die billig zu haben sind und gezielt wirken. Schließlich kommen sie nur den Firmen zugute, die tatsächlich vor der Krise Geld verdient haben und derzeit Verluste machen.

SPIEGEL: Der Fiskus verzichtet mit der befristeten Mehrwersteuersenkung bereits auf viel Geld.

Fuest: Ja, 20 Milliarden Euro etwa. Die Maßnahme ist in gewisser Weise das glatte Gegenteil: Sie ist teuer und wirkt überhaupt nicht zielgenau. Es profitieren ja auch solche Unternehmen, denen es ohnehin gerade gut geht, etwa Onlineversandhäuser. Die Mehrwertsteuersenkung sollte auf keinen Fall über den Jahreswechsel hinaus verlängert werden. Wenn weitere Hilfen nötig sind, sollte man lieber den Verlustrücktrag ausweiten.

SPIEGEL: Immerhin stärkt die Mehrwertsteuersenkung den Konsum.

Fuest: Mag sein, aber dort liegen nicht unsere größten Probleme. Der Konsum wird nicht zuletzt durch das Kurzarbeitergeld gestützt. Wo Konsum fehlt, liegt es nicht am Geld, sondern an gesundheitlichen Bedenken. Viele Menschen würden zum Beispiel gern Geld für Fußballtickets ausgeben, aber die Spiele können eben noch nicht so besucht werden wie früher. Wenn man wirklich kurzfristig noch etwas für den Konsum tun will, wäre eine Einmalzahlung für Hartz-IV-Empfänger sinnvoll.

SPIEGEL: Wie lange kann man noch mit dem Instrument der Kurzarbeit operieren?

Fuest: Die Kurzarbeitsregelungen sind in der Krise ein Segen, sonst ständen heute schon viele Arbeitnehmer auf der Straße - die den Unternehmen dann im Aufschwung fehlen. Aber es gibt ein Problem, wenn Kurzarbeit zu lange gewährt wird: Man bezahlt Menschen damit fürs Nichtstun, auch wenn das nicht deren freiwillige Entscheidung ist. Unter anderen Umständen zum Beispiel würden viele, die in einfachen Jobs in der Gastronomie gerade nicht gebraucht werden, vielleicht im Gesundheitssektor mitarbeiten, wo der Bedarf groß ist. Mit Kurzarbeitergeld machen sie das aber nicht. Dass das Kurzarbeitergeld verlängert wurde, halte ich deshalb für einen Fehler.

SPIEGEL: Wagen Sie bitte eine Prognose: Womit müssen wir rechnen, wenn diesen Herbst oder Winter doch wieder Schulen, Fabriken und Geschäfte schließen müssen?

Fuest: Vorausgesetzt, dass wir jetzt entschlossen vorgehen, glaube ich nicht, dass es noch mal zu einer Rezession kommt - auch weil ich denke, dass man mit zielgerichteten Maßnahmen viel bewirken kann und nicht alles dichtmachen muss. Aber der Aufschwung würde empfindlich gebremst werden.

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