Ifo-Index Experten warnen vor übereilter Konjunktureuphorie

In deutschen Unternehmen wächst die Zuversicht, dass sich die Wirtschaftslage bald bessert - doch trotz der überraschenden Stimmungsaufhellung im Ifo-Index sind Experten skeptisch: Von mehr als einer Hoffnung auf stabilere Zeiten wollen sie nicht sprechen.

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Berlin - Es war Hans-Werner Sinn persönlich, der vor einer allzu euphorischen Interpretation der Januar-Ergebnisse des Ifo-Indexes warnte. Aus den überraschend günstigen Zahlen Hinweise für eine konjunkturelle Wende abzuleiten, sei übertrieben, sagte der Chef des Münchener Ifo-Instituts. Der Index für die Erwartungen sei zwar positiver ausgefallen; es handele sich aber nur um einen leichten Anstieg auf niedrigem Niveau.

Maschinenbauer: Anhaltende Abwärtstendenz im Exportgeschäft
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Maschinenbauer: Anhaltende Abwärtstendenz im Exportgeschäft

So bleibt denn bei Lichte besehen nicht viel übrig von der Stimmungsaufhellung der deutschen Wirtschaft - außer, dass sie die Ökonomen und Analysten überrascht hat.

Die aktuellen Einschätzungen jedenfalls geben wenig Anlass zur Freude: Der entsprechende Index fiel mit 86,8 Punkten noch einmal schlechter aus als der ohnehin schon schlechte Dezember-Wert (88,8 Punkte).

Speziell in der Industrie bleibt der Ifo-Umfrage zufolge die Stimmung unterm Strich trotz der etwas besseren Aussichten schlecht. Vor allem im Exportgeschäft rechneten die befragten Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes mit einer anhaltenden Abwärtstendenz. Den Einbruch der globalen Nachfrage, besonders nach Investitionsgütern, treffen die deutschen Maschinenbauer empfindlich. In diesem Jahr könnte der deutsche Export um mehr als fünf Prozent sinken, heißt es in pessimistischen Prognosen.

Das wirkt sich natürlich auch auf die Nachfrage nach Investitionsgütern im Inland aus. Denn wegen der düsteren Aussichten bauen die Unternehmen keine neuen Fabriken und Anlagen, kaufen weniger Maschinen und Fahrzeuge. Die Ausrüstungsinvestitionen, die 2008 noch um etwa 5,5 Prozent gewachsen sind, werden in diesem Jahr womöglich um mehr als zehn Prozent einbrechen.

Damit aber würden die beiden zentralen Stützen des Aufschwungs wegfallen. Die geringe Auslastung der Geräte und Maschinen bereitet den Verantwortlichen zusätzlich Sorgen. Viele Betriebe werden wohl um weitere Entlassungen nicht herumkommen.

Doch es gibt einige Lichtblicke, im Einzelhandel etwa. Hier bewerteten die Firmen sowohl ihre augenblickliche Lage als auch ihre Aussichten besser als noch im Vormonat. Auch im Großhandel und Bauhauptgewerbe hellten sich die Erwartungen für das kommende halbe Jahr auf.

Dienstleister sind im Vergleich zu den vergangenen Monaten ebenfalls nicht mehr ganz so pessimistisch. Den Ifo-Experten zufolge wurden einige Pläne zum Abbau von Stellen wieder zurückgenommen. Doch angesichts der Werte kann man auch hier nicht wirklich von einer guten Stimmung sprechen.

Entsprechend vorsichtig bewerten Konjunkturexperten und Analysten die Ifo-Zahlen. Von einem "Hoffnungsschimmer" spricht etwa die Bank Unicredit. Der Anstieg lasse auf eine Stabilisierung der Konjunktur in der zweiten Jahreshälfte 2009 hoffen, heißt es in einer Studie vom Dienstag. Eine Trendwende hin zu einem Aufschwung lasse sich aus den Zahlen aber nicht ablesen. Die Postbank verweist auf die ähnliche Entwicklung anderer Indikatoren, wie Einkaufsmanagerindex oder die ZEW-Konjunkturerwartungen. Damit zeichne sich bislang zwar eine Bodenbildung ab, diese sei aber immer die Voraussetzung für eine Trendwende.

Auch die Experten der Commerzbank sehen in dem Januar-Ergebnis der Ifo-Umfrage nur ein Indiz dafür, dass sich das Geschäftsklima auf einem sehr niedrigen Niveau zu stabilisieren beginnt. Daraus jedoch auf einen beginnenden Aufschwung zu schließen, halten sie für abwegig. Schließlich weise der Trend dieses wichtigen Frühindikators nach den Einbrüchen der Vormonate so klar nach unten wie selten, schreibt die Bank am Dienstag in einem Kommentar. Das Bruttoinlandsprodukt dürfte demnach auch im ersten Quartal empfindlich schrumpfen.

Joachim Scheide, Konjunkturexperte des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, glaubt entsprechend nicht an eine Trendwende. Er führt die überraschende Aufhellung bei den Zukunftserwartungen auf eher "weiche" Faktoren zurück, etwa dem Kalkül: "Schlimmer kann es nicht mehr werden". Oder auf die Hoffnung, dass der Finanzsektor sich endlich wieder stabilisiert.

"Entsprechend schnell können sich die Erwartungen wieder eintrüben, zum Beispiel wenn eine Bank wieder durch Negativschlagzeilen auf sich aufmerksam macht", erklärt Scheide SPIEGEL ONLINE. Erst wenn die Aufwärtstendenz über einige Monate hinweg stabil sei und auch von einer Verbesserung der Lagebeurteilung begleitet werde, bestehe Anlass zur Hoffnung.

Neue negative Schlagzeilen aus dem Ausland könnten die aufkeimende Zuversicht dagegen ebenso schnell wieder zunichte machen - womöglich genügt schon das Ausbleiben positiver Trendmeldungen.

Mit Material von dpa und Reuters



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