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Ifo-Studie Mittelschicht schrumpft weiter

Die Einkommensverteilung fächert sich immer weiter auf. Einer Analyse des Münchner Ifo-Instituts zufolge ist der Anteil der Bürger, die zur Mittelschicht zählen, erneut geschrumpft.
Einkaufsstraße in Greifswald

Einkaufsstraße in Greifswald

Foto: Stefan Sauer / dpa

Die Mittelschicht in Deutschland ist zuletzt leicht geschrumpft. Gehörten ihr 2007 noch 65 Prozent der Bevölkerung an, waren es 2019 nur noch 63 Prozent, wie aus einer am Montag veröffentlichten Studie des Münchner Ifo-Instituts hervorgeht. Grund dafür sei, dass sowohl durch sozialen Aufstieg als auch Abstieg die Ränder der Mitte schrumpften.

Obwohl der Rückgang relativ moderat erscheine, sei er im Vergleich mit anderen europäischen Ländern »beachtlich«, erklärte Ifo-Forscher Florian Dorn, der die Studie im Auftrag der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung erstellt hat. »Während Deutschlands Mittelschicht aufgrund ihrer Größe im Jahr 2007 noch auf Rang 9 und somit im oberen Drittel lag, ist sie 2019 nur noch auf Platz 14 und somit im Mittelfeld.«

Für die Berechnungen legten die Autoren die Definition der Industriestaatengruppe OECD zugrunde. Demnach gehört zur Mittelschicht, wer zwischen 75 und 200 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Bei Alleinstehenden entspricht das für 2019 einem verfügbaren Nettoeinkommen (inklusive Transfers) zwischen 17.475 und 46.600 Euro. Bei Paaren ohne Kinder beträgt die Spanne zwischen 26.212 und 69.900 Euro. Paare mit zwei Kindern gehören statistisch der Mittelschicht an, wenn sie über ein Einkommen von 36.698 bis 97.860 Euro verfügen.

Offenbar gibt es eine Schere zwischen der Selbstwahrnehmung der Menschen und der wirklichen Zugehörigkeit zur Mittelschicht. Denn zu dieser ordnen sich über 80 Prozent der Deutschen selbst zu. Tatsächlich gehörten 2019 laut Ifo aber nur etwa 26,1 Millionen Haushalte in Deutschland statistisch der Mittelschicht an. Das entspricht mit 63 Prozent weniger als zwei Dritteln aller Haushalte.

Höchste Steuer- und Abgabenlast

Im europäischen Vergleich trägt die Mittelschicht in Deutschland laut der Studie mit die höchste Steuer- und Abgabenlast. Menschen mit mittlerem Einkommen bleibe mitunter bei einer Gehaltssteigerung »vom nächsten hinzuverdienten Euro effektiv nur die Hälfte übrig«, sagte Andreas Peichl, Leiter des Ifo-Zentrums für Makroökonomik und Befragungen. Mehrarbeit und mehr Leistung zahlten sich in der Mittelschicht »netto nur sehr begrenzt aus«. Dies gelte auch für Menschen mit niedrigem Einkommen.

Vom Ifo-Institut war zunächst keine Einschätzung zu erhalten, wie sich die Situation im Laufe der Coronajahre verändert haben dürfte. Die Bundesregierung hatte Firmen sowie Verbraucherinnen und Verbrauchern mit Hilfspaketen über die Konjunkturflaute hinweggeholfen. In der Pandemiezeit und wegen der hohen Inflation mussten viele Menschen ihren Konsum einschränken, die über wenig oder keine Sparrücklagen verfügten.

mik/Reuters