IG-Metall-Krise "Mein Rat ist, sich ein Beispiel an der IG BCE zu nehmen"

Erstmals hat sich jetzt auch Gerhard Schröder zum Führungschaos in der IG Metall geäußert. Hinter dem Streit von Zwickel und Peters verbergen sich nach Ansicht des Kanzlers strukturelle Probleme. Er forderte die Gewerkschaft auf, sich an der reformfreudigen Chemiegewerkschaft IG BCE zu orientieren.




Redet den Gewerkschaftern ins Gewissen: Kanzler Schröder
AP

Redet den Gewerkschaftern ins Gewissen: Kanzler Schröder

Osnabrück - Bundeskanzler Gerhard Schröder hat von der IG Metall eine zügige Beendigung der Führungskrise gefordert. Der Streit zwischen Gewerkschaftschef Klaus Zwickel und dessen Stellvertreter Jürgen Peters sei aus seiner Sicht nur an der Oberfläche ein persönlicher Konflikt. Dahinter befänden sich Strukturfragen, sagte der SPD-Vorsitzende der "Financial Times Deutschland". Wie auch die SPD müssten die Gewerkschaften "eine neue Balance zwischen Freiheit und Solidarität in ihren Programmen finden".

Der IG Metall riet Schröder außerdem, sich an der IG BCE zu orientieren. "Mein Rat ist, sich ein Beispiel an der IG BCE zu nehmen", habe der Kanzler mit Blick auf die maßvollen Tarifabschlüsse der Chemiegewerkschaft gesagt. "Die machen das richtig." Weiter sagte Schröder: "Wir brauchen moderne Gewerkschaften, die einen Kompromiss mit den Arbeitgebern erreichen können."

Peters will das tief greifende Zerwürfnis in seiner Gewerkschaft mit einem neuen Führungstandem möglichst schnell überwinden. Dabei muss er sich allerdings nach einem neuen zweiten Mann umsehen, nachdem sich der ursprünglich nominierte baden-württembergische Bezirksleiter Berthold Huber aus dem Rennen zurückgezogen hat.

Huber versammelt am heutigen Freitag die Bevollmächtigten der 27 Verwaltungsstellen seines Bundeslandes in der Stuttgarter Zentrale. Dabei wird es darum gehen, wie sich die Metaller im Südwesten bei der Suche nach neuem Personal für die Spitze positionieren wollen.

"Ich bedaure sehr, dass Berthold Huber aufgegeben hat, wir hätten uns gut ergänzt", hatte Peters gestern nach einer Betriebsversammlung mit 3000 Teilnehmern im Zwickauer VW-Werk gesagt.

Unterdessen forderte Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt, den Gewerkschaften das Ausrufen von Streiks zu erschweren. Der jüngst gescheiterte Metall-Arbeitskampf in Ostdeutschland habe gezeigt, dass Streik und Aussperrung in der globalisierten Welt mit eng vernetzten Unternehmen nicht mehr zeitgemäß seien, sagte Hundt den "Stuttgarter Nachrichten". Bessere Lösungen seien etwa eine vorgeschriebene Abkühlungsphase vor einem Streik und Schlichtungsverfahren. An die Arbeitgeber appellierte er, die IG Metall in der gegenwärtigen Schwächephase nicht zu demütigen.

Der Vorsitzende der Gewerkschaft Nahrung - Genuss - Gaststätten (NGG), Franz-Josef Möllenberg, appellierte in der "Neuen Osnabrücker Zeitung" an die zerstrittene IG-Metall-Spitze: "Kommt zur Besinnung - nicht nur im Interesse der IG Metall, sondern der gesamten deutschen Gewerkschaftsbewegung."

Möllenberg sagte, es könne keine Rede davon sein, dass die IG Metall am Abgrund stehe. Sie habe im Gegenteil "jetzt die Chance, sich inhaltlich und personell für die Zukunft aufzustellen". Die Krise könne aber negative Auswirkungen auf andere Gewerkschaften haben. Eine Schlichtung von außen lehnte der dienstälteste Gewerkschaftschef ab.

Möllenberg verlangte einen "Befreiungsschlag" der Gewerkschaften, um die weitgehend verlorene Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen. Zugleich müssten sie sich von "lieb gewonnenen Lebenslügen" verabschieden. So hätten die Gewerkschaften die dramatischen Auswirkungen der Demographie, der Globalisierung und der Höhe der Lohnnebenkosten weitgehend und zu lange unterschätzt.

Die Gewerkschaften dürften auch nicht den Eindruck erwecken, "als ob sie ein allgemein politisches Mandat wahrnehmen", mahnte Möllenberg. Offensichtlich glaubten manche, dass Gewerkschaften die Regierungspolitik bestimmten. "Das müssen wir korrigieren und deutlich machen, dass Regierung und Opposition die Pflicht haben, auch unter Bedingungen von Stagnation und Globalisierung eine humane und soziale Gesellschaft zu gestalten."

Der Betriebsratschef des DaimlerChrysler-Werks Düsseldorf, Thomas Weilbier, forderte in der "Bild"-Zeitung eine Urlaubssperre für den Gewerkschaftsvorstand der IG Metall. "Es kann nicht sein, dass wir die Wut der Basis abkriegen und die Herren verdrücken sich." Der Konzernbetriebsratschef der Porsche AG, Uwe Hück, forderte angesichts der ungeklärten Führungsfrage eine Sonder-Vorstandssitzung innerhalb der nächsten zwei Wochen. Die nächste reguläre Sitzung ist am 1. September.

Nach der Streikniederlage der IG Metall will der Verband der Sächsischen Metall- und Elektroindustrie (VSME) die Wiedereinführung der 38-Stunden-Woche im Westen auf die Tagesordnung setzen. Dies sagte VSME-Präsident Bodo Finger der Tageszeitung "Die Welt". Die IG Metall forderte Finger auf, ihre Personalquerelen rasch zu beenden. "Ob radikal oder reformwillig - wir brauchen eine Führung, mit der wir wieder das Gespräch aufnehmen können."



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.