IG-Metall-Krise "Zwickels Rücktritt hilft uns nicht weiter"

So gespalten wie die IG-Metall sich in den vergangenen Wochen in der Öffentlichkeit präsentierte, so unterschiedlich hat sie auch den Rücktritt ihres langjährigen Vorsitzenden Klaus Zwickel aufgenommen. Die Reaktionen bewegen sich zwischen Entsetzen und hämischer Freude.




Vorgezogener Abgang: Klaus Zwickel
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Vorgezogener Abgang: Klaus Zwickel

Hamburg - "Ich finde seinen Rücktritt außerordentlich bedauerlich, denn er hätte einen anderen Abgang verdient gehabt", sagte der bayerische Bezirksvorsitzende Werner Neugebauer am Montag in München, sprach aber gleichzeitig von einem Befreiungsschlag. Ähnlich äußerten sich Zwickels designierter Nachfolger Jürgen Peters und der baden-württembergische Bezirkschef Berthold Huber, die wieder als neues Führungstandem gehandelt werden.

Die Metall-Arbeitgeber sehen nach dem vorzeitigen Rücktritt Zwickels die Chance auf ein Ende der Führungskrise bei der Gewerkschaft. "Ich hoffe, dass wir mit einer erneuerten IG-Metall-Führungsmannschaft bald wieder zur Sacharbeit kommen und dass ein echter, unbelasteter Neubeginn erfolgen kann", erklärte Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser in Köln.

Peters sagte zu Zwickels Entscheidung: "Ich hätte mir gewünscht, dass unsere Zusammenarbeit eine andere Entwicklung genommen hätte und unser Abschied unter anderen Umständen erfolgt wäre." Er respektiere aber Zwickels Schritt. Gleichzeitig wies er die Vorwürfe des scheidenden Chefs zurück, er trage die Hauptverantwortung für die Streikniederlage in Ostdeutschland. Zwickel war kurz zuvor nach einem wochenlangen Machtkampf um die Gewerkschaftsspitze zurückgetreten.

Heimliche Freude

"Das ist authentisch Klaus Zwickel. Ich denke, er wollte ein Zeichen setzen", sagte der bayerische Bezirkschef Neugebauer. Er gehe davon aus, dass der Gewerkschaftstag Ende August Peters und Huber an die Gewerkschaftsspitze wählen werde. Hartmut Meine, als Bezirksleiter Hannover Nachfolger von Peters, kritisierte Zwickels Aussage, das Duo Peters/Huber sei keine Grundlage für den dringend notwendigen personellen Neuanfang. Er bezeichnete diese Lösung als "tragfähig". Meine war stets für eine IG-Metall-Spitze mit Peters eingetreten.

Antipoden Peters, Huber: Weiter mit jenen, die bisherige Probleme nicht zu lösen vermochten
DPA

Antipoden Peters, Huber: Weiter mit jenen, die bisherige Probleme nicht zu lösen vermochten

Der IG-Metall-Bezirksleiter Küste, Frank Teichmüller, würdigte Zwickels Arbeit für die Gewerkschaft. "Er hat sich in seinen zehn Jahren große Verdienste erworben", sagte Teichmüller in Hamburg. "Sein Rücktritt hilft uns leider nicht weiter", ergänzte er. "Wir haben keine Lösung in dem Führungsstreit bisher gefunden."

In Sachsen, wo die Metaller vergeblich für die 35-Stunden-Woche in der ostdeutschen Metallindustrie gestreikt hatten, löste Zwickels Rücktritt Entsetzen aus. "Kein Kommentar, ich bin erschrocken", sagte der Erste Bevollmächtigte der IG-Metall-Verwaltungsstelle Chemnitz, Sieghard Bender.

Der Zwickauer IG-Metallchef Stefan Kademann begrüßte die absehbare Inthronisierung des Tandems Peters/Huber: "Ich fände das eine gute Lösung und hoffe nur, dass die Querelen dann endlich beendet sein werden." Das Essener IG Metall-Vorstandsmitglied Bruno Neumann zeigte sich überzeugt, dass auf der Vorstandssitzung am Mittwoch die Entscheidung für die Tandemlösung fallen werde.



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