IG-Metaller nach dem Streik "Der Herr Zwickel kann uns gestohlen bleiben"

Streikposten der IG Metall in Ludwigsfelde bei Berlin harrten bis zum bitteren Ende aus. Seit dem Abbruch des Arbeitskampfes fühlen sie sich von der Gewerkschaftsspitze betrogen.

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Bis zur letzten Minute: Fahnenträger der IG Metall vor dem Werkstor von DaimlerChrysler
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Bis zur letzten Minute: Fahnenträger der IG Metall vor dem Werkstor von DaimlerChrysler

Ludwigsfelde - Entspannen kann sich Hermann von Schuckmann auch nach dem Ende des Streiks nicht. Als der 52-jährige am Montag gegen ein Uhr Mittags seinen Ortsvorstand in dem kleinen Ort Ludwigsfelde bei Berlin zusammen trommelt, hat er schon einen langen Tag hinter sich. Am frühen Morgen verteilte der IG Metall-Mann Flugblätter an die 6-Uhr-Schicht des Daimler-Chrysler-Werkes. Den Streikgenossen der letzten Wochen wollte von Schuckmann etwas in die Hand geben. "Einfach war das nicht, viele waren sauer und zeigten mir das auch", sagt der erfahrene Gewerkschafter.

In dem Flugblatt versucht von Schuckmann, die Entscheindung seines Chefs Klaus Zwickel vom frühen Sonntagmorgen zu erläutern. "Schweren Herzens" sei der fast vierwöchige Arbeitskampf ohne Ergebnis für die Metaller abgebrochen worden, hat es von Schuckmann formuliert. Dass der Streikabbruch "eine schwere Niederlage" ist, verhehlt der Funktionär nicht. "Wir haben am Sonntagmorgen den schwärzesten Tag unserer Geschichte erlebt", sagt er. Gleichwohl ist für ihn wie für die meisten anderen treuen IG Metaller klar, dass die Schuld bei den Arbeitgebern liegt.

Vor den Toren des 1800-Mann-Betriebs im nahen Industriegebiet sehen das manche anders. "Die Herren aus Düsseldorf haben sich doch einen Scheiss dafür interessiert, was wir wollten", schimpft einer der Arbeiter mit hochrotem Kopf, als er am frühen Nachmittag von der Frühschicht aus dem Werk kommt. "Fast alle hier wollten weiter streiken, doch hat das Herrn Zwickel interessiert?", fragt er. Die herum stehenden Kollegen haben auch keine Antwort. Ein anderer sagt: "Der Herr Zwickel kann uns gestohlen bleiben". Die meisten wollen von dem Streik einfach nichts mehr wissen, viele auch nichts mehr von der Gewerkschaft. "Kein Kommentar" lautet die häufigste Antwort - fast als ob sie mit dem Streik etwas verbrochen hätten.

IG-Metall-Funktionär von Schuckmann: "Aufrechter Gang des Demokraten"
SPIEGEL ONLINE

IG-Metall-Funktionär von Schuckmann: "Aufrechter Gang des Demokraten"

Die Belegschaft in Ludwigsfelde zu mobilisieren, war einfach. Kaum an einem anderen Ort wird der Widerspruch der unterschiedlichen Löhne und Arbeitszeiten in Ost- und Westdeutschland deutlicher als hier am Stadtrand von Berlin. Teilweise verdienen Nachbarn der Daimlier-Chrysler-Belegschaft in Ludwigsfelde, die zufälligerweise einige Kilometer weiter nördlich auf Berliner Gebiet ihre Arbeit machen, rund 500 Euro im Monat mehr und kommen auch noch früher nach Hause. Folglich gab es hier stets genügend Arbeiter, die mit den roten Plastikschürzen und Fahnen vor den Toren wachten und nur die mit den ausgegebenen Not-Karten ausgestatteten Kollegen ins Werk ließen.

Nun aber hat sich die Stimmung gedreht, gegen die Streik-Organisatoren. Als am Sonntagmorgen die Eilmeldung von Zwickels Rückzug die Runde machte, trauten viele ihren Ohren nicht. "Von uns haben mehr als 90 Pozent für den Streik gestimmt und dann haben die Herren ihn einfach als beendet erklärt", sagt einer der Metaller einen Tag danach, "ein bisschen kommt einem das doch vor wie im alten Osten, oder?" Funktionär von Schuckmann kennt die Wut der Kollegen. "Es ist doch klar, dass viele von uns enttäuscht sind, schließlich haben wir nichts erreicht", sagt er nüchtern, bevor er zur Krisensitzung der Gewerkschafter geht. Austrittsschreiben habe er zwar noch nicht bekommen. Rechnen muss er damit.

Fast ein wenig nostalgisch hört es sich an, wenn Gewerkschafter von Schuckmann von dem Streik der letzten Wochen spricht. Dass er am Samstag noch live in den "Tagesthemen" war, erzählt er dann. Oder dass sei Handy in den letzten Wochen Sturm klingelte, weil alle Journalisten mit ihm reden wollten. Nun ist das Telefon ruhig. "Alle haben mit Erleichterung zur Kenntnis genommen, dass wir verloren haben", sagt der Gewerkschafter, "am liebsten hätten sie wohl auch, dass dies lange so bleibt".

Die Gründe für die Niederlage sehen Metaller wie von Schuckmann natürlich nicht zuerst in den eigenen Reihen. Schnell redet er sich in Rage, wenn er von der angeblichen Front gegen die IG Metall spricht: Politik, Wissenschaft und Medien, "alle hatten sich geeinigt, dass unsere Forderungen völlig unangemessen sind und haben das dann auch so dargestellt". Dabei sei es gar nicht um eine achtprozentige Gehaltserhöhung gegangen, wie überall geschrieben wurde. Im Volumen hätte die Arbeitszeitverkürzung auf 35 Stunden pro Woche bei vollem Lohnausgleich die Unternehmen zwar genau so viel gekostet wie eine Anhebung der Löhne um acht Prozent. Der Gewerkschaft sei es jedoch nur um einen "Stufenplan" gegangen, um die Nachteile der Ost-Metaller langfristig auszugleichen. Von Schuckmann versucht den Streik abzuhaken, nach vorne zu schauen: "Die Ängstlichkeit muss überwunden werden. Auch das gehört zum aufrechten Gang eines Demokraten."

Die IG-Metall-Führung ist am Sonntag umgefallen. Für viele der bestreikten Betriebe werden nun Hausverträge abgeschlossen, die eher von den wirtschaftlichen Verhältnissen als von den Gewerkschaften diktiert werden. Wie es in den kleineren Betrieben weiter geht, ist noch unklar. "Wir stehen für weitere Verhandlungen bereit", sagt Gewerkschafter von Schuckmann. Über die Machtverhältnisse in diesen Gesprächen macht er sich hingegen keine großen Illusionen: "Wir sind nun die Schwachen und das werden die Arbeitgeber ausnutzen".



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