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MANAGER Im Fegefeuer der Finanzmärkte

Die meisten Spitzenverdiener der Weltwirtschaft stammen aus der Hedgefonds-Branche. Doch nicht alle der neuen Milliardäre verdienen, was sie verdienen.
aus DER SPIEGEL 16/2007

Es war eine der gigantischsten Pokerpartien in der Geschichte des Kapitalismus. Der kanadische Hedgefonds-Manager Brian Hunter, 32, setzte im Sommer vergangenen Jahres darauf, dass der Preis für Gas Ende September nach unten und in den nachfolgenden Monaten - so wie eigentlich immer im Winter - nach oben gehen würde. Sein Einsatz: ein paar Milliarden Dollar.

Der Texaner John Arnold, 33, wettete mit einigen Milliarden dagegen. Auch er ist Manager eines milliardenschweren Hedgefonds, der Centaurus Energy heißt. Arnold hatte ihn 2002 mit Hilfe eines Bonus der Pleitefirma Enron gegründet.

Tödlich für den Pokerspieler Hunter: Er musste als Erster seine Karten auf den Tisch legen. Weil sich der Gaspreis in die falsche Richtung bewegte, wollte seine Bank mehr Geld zur Absicherung ihrer Kredite sehen. Die folgenden Notverkäufe sprachen sich im Markt herum, und plötzlich spekulierte nicht nur Arnold gegen ihn. Der Jäger Hunter wurde zum Gejagten. Sein Fonds Amaranth kollabierte innerhalb weniger Tage, fast 6,5 Milliarden Dollar verglühten im Fegefeuer der Finanzmärkte.

Der große Gewinner war Arnold. Sein persönliches Vermögen stieg aufgrund der gewonnenen Gaswette 2006 um sagenhafte 1,5 bis 2 Milliarden Dollar, schätzt das US-Fachmagazin »Trader Monthly«. »Händler werden in Cash bezahlt. Es ist flüssig. Es ist real. Du kannst jederzeit gehen«, jubelt einer von Arnolds Vertrauten.

Die unfassbare Summe von zwei Billionen Dollar haben Großanleger wie Pensionsfonds, Versicherungsgesellschaften und die Reichen dieser Welt mittlerweile in die etwa 9000 weltweit agierenden Hedgefonds gesteckt. Sie vertrauen darauf, dass Manager wie Hunter oder Arnold ihre Versprechen einhalten und hohe zwei- oder gar dreistellige Renditen erzielen.

Schon wer ein paar Jahre lang gezeigt hat, dass er besser als der Markt abschneidet, steigt zum Guru auf und wird von den Großanlegern mit Geld überhäuft. 351 Fonds hatten Ende 2006 jeweils mehr als eine Milliarde Dollar zu verwalten.

Und während die Finanzminister und Notenbankchefs der G-7-Staaten noch darüber debattieren, wie man das Treiben der »Heuschrecken« wenigstens transparenter machen kann, räumen die ab wie noch nie: Für ihre Dienste kassieren die Hedgefonds-Manager Provisionen, die in jeder anderen Branche als sittenwidrig deklariert würden. So kommt es, dass im Jahr 2006 93 der 100 Spitzenreiter mit einem Jahreseinkommen jenseits von 50 Millionen Dollar Hedgefonds-Manager waren.

Neben Arnold knackte James Simons den Jackpot. Sein persönliches Vermögen stieg im vergangenen Jahr um mindestens das Hundertfache des Jahresgehalts von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, einem der hiesigen Spitzenverdiener.

Simons verlangt von den Anlegern 44 Prozent der Gewinne für seine Privatschatulle. Zudem fordert der Mathematiker, der früher mal im US-Verteidigungsministerium die Geheimcodes des Vietcong knackte, eine Verwaltungsgebühr von fünf Prozent.

Trotzdem stehen die Großanleger bei Simons Schlange. Keiner weiß so richtig, was der Rechenkünstler aus East Setaucket im US-Bundesstaat New York mit Hilfe seiner Computer eigentlich auf den Wertpapiermärkten dieser Welt alles anstellt. Er scheint auf winzige Preisveränderungen vieler tausend Wertpapiere zu spekulieren. Eine Durchschnittsrendite von über 30 Prozent in jedem Jahr seit 1990 erstickt indes weitere Fragen im Keim.

Doch längst nicht alle Hedgefonds-Manager sind so erfolgreich wie Simons oder der alte Ölmagnat T. Boone Pickens aus Dallas, der beim großen Gaspoker im Herbst ebenfalls richtig gewettet hatte. Etliche Manager auf der Liste von »Trader Monthly« kassieren dank üppiger Gebühren dreistellige Millionenprämien für eine Wertentwicklung, die im guten Börsenjahr 2006 jeden Vermögensverwalter einer Dorf-Sparkasse beschämt hätte.

Die Durchschnittsrendite der Hedgefonds lag weltweit bei 14 Prozent. Selbst diese Zahl ist geschönt. Viele der 83 allein in den USA im Jahr 2006 liquidierten Fonds tauchen mit ihrer Renditeentwicklung nicht mehr auf.

Äußerst erfolgreich war dagegen Tim Barakett, 41. Seine Atticus-Fonds machten über 30 Prozent Rendite, Investoren wie die Rothschild-Familie haben dort mittlerweile 14 Milliarden Dollar angelegt.

Der ehemalige Eishockey-Crack von der Elite-Universität Harvard liebt den rabiaten Auftritt. Im Verein mit Hedgefonds-Managern wie TCI-Chef Christopher Hohn drängte er vor rund zwei Jahren den Deutsche-Börse-Chef Werner Seifert aus dem Amt und verhinderte die Fusion mit der Londoner Börse. Im Februar legte Barakett nach und verlangte in einem Brief an den Aufsichtsratschef der Deutschen Börse den kurstreibenden Rückkauf eigener Aktien im Wert von drei Milliarden Euro.

Immerhin: Der Kurs der Deutsche-Börse-Aktie hat sich seit dem Einstieg der »Heuschrecken« vor über zwei Jahren mehr als vervierfacht. Die höchst erfolgreiche Spekulation gegen eines der alten Symbole der deutschen Wirtschaft machte viele Geldmanager zu Großverdienern.

Neben Barakett kamen 2006 auch Hohn und mehrere andere Hedgefonds-Manager aus der »Allianz der Heuschrecken« (SPIEGEL 24/2005) gegen die Deutsche Börse zu einem Jahreseinkommen von weit über 100 Millionen Dollar.

CHRISTOPH PAULY

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