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ROHSTOFFE Im Feuer gereinigt

Innenminister Friedrich Zimmermann will die Flut der Getränkedosen eindämmen. Die Industrie wehrt sich. *
aus DER SPIEGEL 41/1985

Otto Wolff von Amerongen mochte sich öffentlich gar nicht mit Innenminister Friedrich Zimmermann anlegen. Der Streitpunkt schien dem Stahlfabrikanten und Präsidenten des Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHT) zu nichtig für einen Mann seines Formats.

»Es muß komisch wirken«, so Wolff im Kreise von Kollegen aus der Stahlbranche, »wenn ein hoher Repräsentant der Wirtschaft wie ich mit der Bundesregierung vor aller Welt um Blechdosen streitet.« Doch schließlich blieb Wolff gar nichts anderes übrig.

Die Kollegen jedenfalls hielten Ministerschelte für dringend geboten. Denn Zimmermanns vierte Novelle zum Abfallbeseitigungsgesetz, die im Frühjahr nächsten Jahres vom Bundestag verabschiedet werden soll, bedroht ein äußerst florierendes Produkt des Metallgewerbes - die Getränkedose.

Drei Milliarden dieser Büchsen, abgefüllt mit Bier oder Cola, Mineralwasser oder Limonade, werden in der Bundesrepublik jährlich verkauft - Tendenz steigend. Mit der Zahl der bequemen Wegwerfbehälter allerdings wachsen auch die Abfallberge in den Städten.

Innenminister Zimmermann will deshalb die Flut der Einwegpackungen stoppen, die ja - anders als die im Schnitt über 50mal benutzbare Pfandflasche aus Glas - nach dem Gebrauch nur einen Weg machen, auf den Müll nämlich.

Das geplante Abfallgesetz soll dem Minister die Handhabe geben, alle Getränkeverpackungen, ob nun Glas, Plastik oder Metall, mit einem Zwangspfand und einer Rücknahmeverpflichtung des Handels zu belegen. Damit, so Zimmermanns Ziel, könnte der Anteil der Einwegpackungen zurückgedrängt und der Hausmüll reduziert werden.

Das aber wäre für die Stahlproduzenten ein schmerzlicher Einbruch in der Wachstumssparte Weißblech. Allein im vergangenen Jahr kaufte die Getränkeindustrie Dosen für 600 Millionen Mark.

Auf Drängen der Kollegen nahm sich DIHT-Präsident Wolff - als Anteilseigner der größten deutschen Weißblechfirma Rasselstein selbst gut im Geschäft - den Minister und sein Gesetz vor. Das Kesseltreiben der Bundesregierung gegen ein »so kleines Marktsegment wie der Getränkedose«, forderte Wolff, müsse endlich eingestellt werden.

Schließlich liege der Marktanteil der in Dosen abgefüllten Erfrischungsgetränke bundesweit bei nicht einmal sechs Prozent. Etwa 75 Prozent dagegen würden in Mehrwegflaschen verkauft. Der Innenminister, empfahl DIHT-Präsident Wolff, solle sich besser ernsthaften Umweltproblemen widmen.

Die allerdings könnte es schon bald durch die umstrittene Blechbüchse geben. Denn vor allem in Ballungszentren ist der Anteil der praktischen Wegwerfbehälter in den vergangenen Jahren kräftig gestiegen.

In West-Berlin etwa wird inzwischen in Supermärkten nahezu jeder zweite Erfrischungstrunk in der Dose angeboten. Häufig ist es Billigware von Getränkekonzernen, die auf diese Weise lokale Konkurrenz unterbieten.

Ganz offen geben Getränkehersteller zu, daß sie nicht bereit sind, das von Bonn geförderte Mehrwegsystem freiwillig auszuweiten. »Wir werden so viel Einwegware zur Verfügung stellen«, so Klaus Asche, Vorstandsvorsitzender der Hamburger Holsten-Brauerei, »wie unsere Kunden uns abverlangen.«

Nach Schätzungen der Industrie könnten schon bald in der Bundesrepublik nicht nur die bisherigen drei Milliarden, sondern neun Milliarden Getränkedosen jährlich abgesetzt werden. Dann wäre die Dose auch für die Hersteller ein Milliardengeschäft. Die Abfallwirtschaft dagegen würde vor schwer lösbaren Problemen stehen.

So hat Bonns Innenminister in seinem Kampf um die umweltfreundliche Mehrwegflasche mehr Verbündete als Gegner - für Zimmermann eine ungewohnte Erfahrung. Selbst Sozialdemokraten und Grüne stehen in der Sache einig hinter dem CSU-Mann. »Getränkedosen«, fordert NGG-Gewerkschaftschef Günter Döding markig vom Minister, »müssen ebenso wie Einwegflaschen verboten werden.«

Die Weißblechindustrie gibt inzwischen viel Geld aus, um solche Gefahren abzuwenden. Allein fünf Millionen Mark jährlich kostet eine Sympathie-Kampagne, in der die Dose als umweltfreundliches, sinnvoll wiederverwertbares Recycling-Material präsentiert wird.

»Ich war eine Dose«, heißt es etwa seit einiger Zeit in farbenfrohen Annoncen zum Bild eines überdimensionierten Nagels. Und weiter im Text: »Denken Sie daran, daß der Magnet täglich viele Millionen Dosen aus dem Müll holt, um sie wieder als wertvollen Schrott einzuschmelzen.«

Tatsächlich werden in städtischen Deponien im Schnitt 40 Prozent des Altmetalls über sogenannte Magnetabscheider aus dem Abfall geholt. Mehr als 200 000 Tonnen kommen so, inklusive Konservendosen und anderen Blechen, pro Jahr zusammen.

Olaf Oelsen, Recycling-Experte im Düsseldorfer Informationszentrum Weißblech (IZW), sieht gar Vorteile gegenüber der von Bonn favorisierten Mehrwegflasche. »Unsere Dose«, sagt Oelsen, »wird im Feuer gereinigt.« Die Flasche dagegen werde »mit Wasser und Chemikalien gewaschen«.

Beliebt ist der Dosenschrott aus Stahl und Zinn allerdings keinesfalls. »Der Materialwert«, gesteht ein Stahlmanager, »ist nur gering.« Diese Form der Rückgewinnung verursache in Wahrheit erhebliche Kosten.

Inzwischen werden die Blechfabrikanten nicht nur durch den Bonner Gesetzgeber in die Zange genommen. Jetzt will auch die Aluminiumindustrie Profit aus der Dose ziehen und den deutschen Getränkemarkt für sich gewinnen - auf Kosten der Stahlproduzenten. »Wir haben«,

sagt Alexander Wirtz vom kanadischen Alu-Konzern Alcan in Frankfurt, »ein Recycling-System, gegen das Weißblech keine Chance hat.«

In Ländern wie den USA und Kanada funktioniert es bereits. Noch Anfang der siebziger Jahre hatte dort die Weißblechindustrie den Getränkedosenmarkt fest im Griff. Inzwischen aber hat Aluminium die Konkurrenz fast völlig verdrängt.

»Die Aluminiumverkäufer«, erklärt ein Manager des US-Dosenherstellers National Can den Wechsel der Metalle, »waren einfach schlauer und aggressiver als die Konkurrenz vom Stahl.«

Der Trick: Weil Aluminium auch als Schrott ungleich wertvoller ist als Blech, lohnt sich das Recycling auch für die Unternehmen. Die Alu-Firmen richteten Recycling-Zentren ein und stellten in Supermärkten Rücknahme-Automaten auf, sogenannte Can-Banks. Pro Dose werden dort drei bis vier Pfennig ausgezahlt. Sie kommen also erst gar nicht in den Hausmüll.

Zudem läßt sich aus der Alu-Dose nach dem Umschmelzen ohne Probleme wieder eine Büchse herstellen. Der Energiebedarf dafür liegt bei nur fünf Prozent der Neugewinnung von Aluminium. Da konnte die Stahlbranche nicht mithalten. In Kanada wurde die Alu-Industrie gar mit einem Umweltpreis ausgezeichnet.

Auch in Schweden hat sich die Alu-Dose durchgesetzt. Durch ein staatliches Pfandsystem wurde dort die Recycling-Quote auf mehr als 70 Prozent hochgedrückt.

In der Bundesrepublik hat sich Alcan jetzt mit den bundeseigenen Vereinigten Aluminiumwerken (VAW) zusammengetan, um die Blechfirmen aus dem Geschäft zu drängen. Gemeinsam mit Handelsgruppen wie Co op und Tengelmann wurden in Berliner und nordrheinwestfälischen Supermärkten bereits Tests durchgeführt.

»Wir wollten wissen«, sagt VAW-Manager Arved von Lewinski, »ob der Verbraucher bereit ist, die Dosen gegen ein Entgelt von drei Pfennig zurückzubringen.« Das habe vorzüglich geklappt. Manche Supermärkte hätten 300 Prozent mehr Dosen zurücknehmen müssen, als sie verkauft haben.

Innenminister Zimmermann jedoch will von dem Plan der cleveren Alu-Manager nichts wissen. Er ist fest entschlossen, den Anteil der Wegwerfbüchsen - ob Alu, ob Weißblech - einzudämmen, notfalls mit einem Zwangspfand von 30 Pfennig.

Wie schlecht ihre Chancen stehen, merkten Aluminium- und Weißblech-Lobbyisten vergangene Woche gleichermaßen. Zu einer öffentlichen Anhörung des Innenausschusses in Bonn zum Thema Abfallbeseitigung wurden sie erst gar nicht geladen.

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