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»Im Jahr 2000 ist das ganz normal«

SPIEGEL-Redakteur Dietmar Hawranek über Samstagsarbeit bei BMW in Regensburg
aus DER SPIEGEL 29/1989

Nikolaus Held ist noch keine Viertelstunde unterwegs, da weicht ihm schon das sonst stets präsente Lächeln aus dem Gesicht. Morgens um zehn war der Betriebsrat des BMW-Werks Regensburg losgezogen, um »die Stimmung zu erkunden«. Nun steht er, an einen Resopaltisch gelehnt, im Pausenraum der Lackiererei und hört, mit zusammengekniffenen Lippen, einem Unzufriedenen zu.

Verhalten beginnt der Lackierer, sich über die Samstagsarbeit zu beschweren: »Das Heitere ist es nicht.« Allmählich steigert er sich, wird lauter: Die Freunde, mit denen er früher oft auf dem »Mottorradel« übers Wochenende weggefahren sei, riefen ihn kaum noch an, weil es heiße, er müsse eh arbeiten.

Klar, der Mann hat bei seiner Einstellung gewußt, was auf ihn zukommt. Aber wer in der Oberpfalz nach Lehre und Bundeswehr arbeitslos ist, lehnt einen Job bei BMW nicht ab, nur weil der auch samstags auszuüben ist.

Wenig später, beim Gespräch mit zwei jungen Frauen am Fließband, gewinnt Held sein Lächeln zurück. Claudia Powering und Petra Andree sind vollauf zufrieden mit der Arbeit am Samstag. Sie fahren gern Ski, was am Wochenende bei überfüllten Pisten nicht unbedingt ein Vergnügen ist. Montags entdecken sie noch Friseure beim Anstehen vor den Liften. Dienstags und mittwochs aber, wenn sie mal frei haben, sind auch die verschwunden.

Von den Worten der Kolleginnen, der »Derndels«, wie Held sagt, wird der Betriebsrat noch am Ende seines Rundgangs zehren. Held und seine Betriebsratskollegen müssen viel Schelte von ihrer Frankfurter Gewerkschaftszentrale einstecken. Sie haben einer Arbeitszeit-Vereinbarung zugestimmt, die es nach dem Willen der Gewerkschaft nicht geben dürfte: In den langen, mit Aluminiumplatten verkleideten Fabrikhallen wird regelmäßig auch an Samstagen gearbeitet.

Es sind keine Naturgesetze, die bei BMW Wochenendarbeit erzwingen; es ist nicht wie bei der Chip-Produktion, die nach einer Unterbrechung nur mit hohen Ausschußquoten wieder angefahren werden kann. Es sind die Gesetzmäßigkeiten der Ökonomie, Rentabilitätsberechnungen, die eine hochmoderne Fabrik nun mal profitabler machen, wenn sie auch am Samstag genutzt wird.

Für einen wie Held, der seit zwölf Jahren seinen Beitrag an die IG Metall abführt, gab es vor allem einen Grund, dem gewerkschaftlichen Prinzip des freien Samstags abzuschwören: 800 zusätzliche Arbeitsplätze entstanden durch die neuen Arbeitszeiten im Regensburger Werk.

Die Unterschrift des Betriebsrats unter den Arbeitszeit-Vertrag, 1986 geleistet, hat die Fabrik gleichsam in einen besonderen Status gehoben. Sie ist ein Testfall dafür, ob Samstagsarbeit die Bundesrepublik als Standort für neue Fabriken attraktiver machen kann. Sie ist zugleich Streitfall, wenn es darum geht, ob die Gewerkschaften in den nächsten Tarifverhandlungen den einst schwer erkämpften freien Samstag wieder freigeben sollen.

Daß Arbeit am sechsten Tag der Woche von den Gewerkschaften abgelehnt wird, ist für viele Unternehmensführer schwer nachvollziehbar. Sie halten die längere Laufzeit der Maschinen für unumgänglich, wenn die Bundesrepublik im globalen Wettbewerb mithalten will. BMW-Personalvorstand Franz Köhne sagt: »Im Jahr 2000 ist das ganz normal.«

Die Normalität im BMW-Werk Regensburg im Jahr 1989: Die Arbeiter und Angestellten müssen in der Woche nur vier Tage ins Werk fahren; sie arbeiten dort jeweils neun Stunden, mal montags bis donnerstags, mal mittwochs bis samstags. Es gilt für sie eine 36-Stunden-Woche, bezahlt werden 37,5 Stunden.

BMW-Vorstand Franz Köhne hat Papiere mit den Beweggründen des Konzerns für diese Regelung gleich aktenordnerweise in seinem Büro im 22. Stock des Münchner BMW-Hochhauses gesammelt.

Als BMW vor Jahren ein neues Werk plante, plagte die Münchner ein »gewaltiges Dilemma« (Köhne), das auch anderen Autokonzernen Sorgen bereitet. Die mit immer mehr Technik vollgestopften Fabriken bringen nur Gewinn, wenn in ihnen länger als bisher gearbeitet wird. Die wöchentliche Arbeitszeit nimmt aber nicht zu, sondern ab.

Rund 1,5 Milliarden Mark hat der Münchner Konzern investiert, um auf einem Gelände am Rande von Regensburg, wo zuvor Zuckerrüben wuchsen, die nach Meinung Köhnes »modernste Autofabrik der Welt« zu errichten. Sie wäre, sagt der Vorstand, eine »Fehlinvestition«, würde dort nur montags bis freitags gearbeitet.

Nun gleiten an sechs Tagen in der Woche gelbe Transportkarren fast geräuschlos durch die Hallen. Wenn sich zwei begegnen, was bei dem regen Verkehr häufig geschieht, bremst einer ab, als sei er von einem höflichen Fahrer gelenkt. Ist der andere Wagen vorbei, setzt er seinen Weg fort.

Die Transportkarren, gesteuert vom größten Computerverbund Europas, beherrschen die Gänge längs der Fließbänder und Hochregale. Sie fahren vor und zurück, schwenken souverän um Pfeiler herum, halten nur kurz an, wenn ein Greifer automatisch eine Materialkiste auf- oder ablädt. Ihr gelbes Blinklicht ist ein Warnsignal an jene Wesen, die mitunter noch ihren Weg kreuzen: Zweibeiner im Blaumann.

Den Transportkarren ist gleichgültig, wann sie ihre Bahnen ziehen. Aber sie müssen, wie alle modernen Techniken, möglichst häufig eingesetzt werden, damit ihre Anschaffung lohnt.

BMW-Vorstand Köhne tüftelte mit einigen Kollegen ein pfiffiges Schichtmodell aus. Zweimal neun Stunden werden zukünftig, wenn die zweite Schicht eingerichtet ist, bei BMW-Regensburg von montags bis freitags Autos montiert; beim herkömmlichen Zweischichtbetrieb sind es nur zweimal siebeneinhalb Stunden. Dazu kommt in Regensburg noch die Arbeit am Samstag.

Möglich wird das alles durch eine feine, im Schichtplan verborgene Logik, die dafür sorgt, daß jeweils drei Mitarbeiter zwei Arbeitsplätze gleichmäßig an sechs Wochentagen besetzen.

Köhne liest gern die Zahlen vor, die das Ganze für BMW lohnend machen. Durch den längeren Einsatz der Maschinen spart die Firma zwischen zwei Prozent der Betriebskosten (bei einer 30 000 bis 50 000 Mark teuren Anlage) und zehn Prozent (bei den zwei Millionen Mark teuren Schweißstraßen beispielsweise).

Bei seinen Kollegen, den Personalchefs von Mercedes, Bosch und anderen Firmen, hat der BMW-Manager angesichts dieser Zahlen »neidische Blicke« ausgemacht. Einfach übernehmen können die solche Arbeitszeit-Modelle nicht. In Werken, in denen die Belegschaft schon seit Jahren allenfalls für Sonderschichten samstags einfährt, ist das schwer durchzusetzen. Regensburg kann vor allem für neue Fabriken als Modell herhalten, etwa für das Pkw-Werk von Daimler-Benz, das gerade in Rastatt gebaut wird.

Für BMW war es ein leichtes, unter 30 000 Bewerbungen knapp 3000 Leute auszuwählen, die relativ jung sind, im Durchschnitt 27 Jahre, und die bei der Einstellung bekundeten, gern auch am Samstag arbeiten zu wollen.

Viele sagten dies wohl, um erst mal reinzukommen bei BMW. Sie wollten raus aus der miefigen Kfz-Werkstatt oder der Schlosserei, bei der sie für weniger Geld härter und länger schuften mußten. Eine sichere Stelle wollten sie haben in einer Zeit, in der ganz in der Nähe ein Werk der Maxhütte stillgelegt wird.

Sicher ist die Stelle schon - aber sonst? Walter Meyer, der erste Bevollmächtigte der IG Metall in Regensburg, wirft stöhnend einen Stapel Din-A5-Blätter auf seinen Schreibtisch, wenn er gefragt wird, wie die BMW-Belegschaft mit der Samstagsarbeit zurechtkomme. 2000 Fragebögen hat er verschickt, 500 zurückbekommen.

Meyer blättert die Zettel im Eiltempo durch, zitiert in Stichworten: »Eingeschränktes Familienleben, Fußballverein nicht möglich, Familie, Familie . . . was nutzen die freien Tage unter der Woche, wenn die Frau in der Arbeit und die Kinder in der Schule sind . . . und so weiter.« Zugestimmt hat der Gewerkschafter dem BMW-Modell dennoch. Die meisten Gewerkschaftsmitglieder bekunden nämlich, bei allen Nachteilen mit der Samstagsarbeit leben zu können.

Die Kollegen haben sich offensichtlich mit den Verhältnissen arrangiert. Sie schenken jenen Glauben, die ihnen mit vielen klugen Worten sagen, daß es anders nicht geht.

Peter Rofalski kommt aus dem Ruhrgebiet, wo er in Kohlegruben gearbeitet hat und »ganz anders rangenommen wurde«. Bei BMW ist er als Elektroniker eingesetzt. Er kann sich weiterbilden und hat in Regensburg wahrlich nicht den Eindruck gewonnen, die Firma wolle »uns Arbeiter nur auslutschen«.

Rofalski ist kein begeisterter Wochenend-Arbeiter. Für den Samstag wüßte der Junggeselle schon aufregendere Beschäftigungen zu finden als die in der Fabrik. Er mag eine Kollegin, die er kennenlernt, nicht erst nach dem Schichtplan fragen, bevor er sich nach ihrem Namen erkundigt. Gleichwohl fügt er sich in die Samstagsarbeit. Zu offensichtlich erscheint ihm die Bedrohung durch japanische Konkurrenten. Wenn die Asiaten Autos auf den Markt bringen, die so gut wie ein BMW, aber 10 000 Mark billiger sind, »geht es uns allen an den Kragen«.

Alles aber will er der niedrigeren Kosten und der Arbeitsplätze wegen nicht mitmachen, da war sich Rofalski mit den meisten Kollegen einig. BMW wollte jetzt die zweite Schicht einführen, und die sollte samstags bis 24 Uhr gehen. IG-Metall-Funktionär Meyer, Betriebsrat Held und die meisten Arbeiter zeigten nun, wo die Grenzen ihrer Kompromißbereitschaft liegen.

Wer samstags erst um ein Uhr nachts nach Hause kommt, dem ist auch der Sonntagvormittag verdorben. Derart aber wollen die Beschäftigten das Leben dem Schichtplan nicht unterordnen.

Maschinenschlosser Thomas Klinke würde dann kündigen; nicht sofort, einen neuen Job müßte er zuvor schon gefunden haben. Mit den Gründen für die Abkehr von BMW rückt Klinke nur zögerlich heraus. Sie erscheinen ihm wohl zu sehr privater Natur, in ihrem Gewicht nur von ihm selbst richtig einzuschätzen.

Klinke ist verheiratet, hat einen eineinhalbjährigen Sohn. Seine Frau trägt gerade das zweite Kind im Leib. Wie soll Klinke sein Familienleben anführen gegen die Argumente des Vorstands, gegen Kostenersparnisse in Millionenhöhe, gegen die japanische Bedrohung? Ihm ist ein einigermaßen geregeltes Wochenende jedenfalls so wichtig, daß er eine andere Stelle, ohne Spätdienst am Samstag, auch annehmen würde, brächte die monatlich ein paar hundert Mark weniger ein.

Zusammen mit anderen protestierte Klinke in Arbeitspausen gegen den Plan des Vorstands. Betriebsrat Held setzte der Forderung nach der Spätschicht die Forderung entgegen, Samstagsarbeit wieder völlig abzuschaffen.

Das »Modell Regensburg«, die für viele Unternehmen schöne Vision, zeigte seine häßliche Seite: Den Samstag mögen die Werktätigen bei günstiger Honorierung und den Annehmlichkeiten einer Viertagewoche noch als Arbeitstag hinnehmen. Wenn der halbe Sonntag aber auch noch draufgeht, spielen sie nicht mehr mit.

Das sahen schließlich die Unterhändler vom BMW-Management ein. Sie stimmten jetzt einem Kompromiß zu. Es wird in zwei Schichten gearbeitet, doch die Doppelschicht bis 24 Uhr gibt es nur von Montag bis Freitag. Die Samstagsarbeit endet wie bisher um 15.30 Uhr.

Betriebsrat Held nimmt nun für sich in Anspruch, die Samstagsarbeit verringert zu haben. Sie wird künftig unter der gewachsenen Belegschaft verteilt. Jeder einzelne muß dann nicht mehr an zwei von drei Wochenenden ins Werk, sondern nur noch an jedem zweiten.

Held möchte die Einigung gern als einen Erfolg seiner Arbeit gewürdigt sehen. Wobei noch, »das darf man nicht vergessen«, jene 2000 neuen Arbeitsplätze hinzugefügt werden müßten, die durch dieses Modell zusätzlich entstehen. Was kann man mehr von einem Betriebsrat erwarten?

Den Preis, den Held und die Belegschaft für dieses Ergebnis zu entrichten haben, vergißt der Metaller fast schon zu erwähnen: In den riesigen Hallen des BMW-Werks, die nirgends anzufangen und nirgends aufzuhören scheinen, ist der Samstag damit endgültig als Arbeitstag festgeschrieben.

»Freitagabend«, sagt in der Montagehalle ein Gruppenleiter achselzuckend, »dreht eben keiner mehr den Schalter rum, und das Werk steht still - die alten Zeiten sind vorbei.«

Die neuen Zeiten: In ihnen finden sich Peter Rofalski, Thomas Klinke und viele andere Beschäftigte wohl zurecht. Kaum einer steht samstags gern am Fließband. Aber wenn nachmittags, rechtzeitig vor der Sportschau mit den Bundesligaspielen, Feierabend ist, können sie sich damit arrangieren.

Einige schaffen das nicht. Der Montagearbeiter beispielsweise nicht, dessen Frau in einem Pflegeheim nach einem ganz anderen Schichtplan arbeitet. Die beiden haben nur alle sechs Wochen ein gemeinsames freies Wochenende.

Nun sucht der Mann einen anderen Arbeitsplatz. Er ist recht optimistisch, keineswegs verbittert. Irgendwas, meint er, werde er schon finden. Facharbeiter seien schließlich gesucht. Aber was, fragt er, »machen Leute wie ich, wenn immer mehr Fabriken auch samstags arbeiten?«

Dieter Hawranek
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