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MANAGER Im Rausch der Millionen

Nie zuvor haben Investmentbanker in New York, London oder Frankfurt am Main so hohe Extra-Gagen kassiert wie dieses Jahr. Die Jongleure des globalen Geldes verdanken ihre Profite nicht nur der kräftigen Konjunktur und neu entfachtem Börsenfieber. Oben wird abkassiert - unten gespart.
aus DER SPIEGEL 6/2007

Am Dienstag dieser Woche wird der Mehrzahl der insgesamt 14 380 Investmentbanker der Deutschen Bank ein kleiner Brief überreicht. Inhalt: ein paar gute Worte und vor allem Geld. Viel Geld. Bei dem jährlich wiederkehrenden Ritual wird den Finanzmanagern durch ihre Vorgesetzten mitgeteilt, wie hoch ihre jeweiligen Boni für das vergangene Jahr ausfallen. Und so viel ist jetzt schon klar: Die Summen sind sehr hoch.

Inklusive der Festgehälter wird ein Geldregen von schier unglaublichen 6,8 Milliarden Euro auf die Kollegen niedergehen. Das sind im Durchschnitt gut 470 000 Euro, das meiste davon in Form eines leistungsabhängigen Bonus. Der Vorstandsvorsitzende Josef Ackermann und seine wichtigsten Investmentbanker in London und New York kommen auf Gratifikationen jenseits von zehn Millionen Euro.

Ackermann ist nicht mal der Spitzenreiter unter den Abkassierern. Schon in der Vergangenheit gab es innerhalb der größten deutschen Bank rund ein Dutzend Manager, die mehr verdienten als ihr Chef - allesamt aus dem Investmentbanking.

An der Wall Street haben sich die Geldschleusen noch weiter geöffnet. Stanley O'Neal, der Chef von Merrill Lynch, bekam jüngst Aktien im Wert von 28,8 Millionen Dollar und Bares in Höhe von 18,5 Millionen Dollar zu seinem fast schon bescheidenen Grundgehalt von 700 000 Dollar. Vier seiner eifrigsten Helfer kassieren ebenfalls jeweils über 20 Millionen Dollar.

Die bombastischen Bonuszahlungen sind nur ein Spiegel der Branchenerfolge. Sie reflektieren lediglich die exorbitanten Gewinne der reanimierten Investmentbanken. Sie sind das Echo, das Finale furioso eines großen donnernden Schauspiels. Und wie so oft profitieren von den zahlreichen Geschäften der wiedererstarkten Weltwirtschaft vor allem die ohnehin reichen Drahtzieher. In den Augen der Investmentbanker blitzt längst wieder jene Gier, die man aus den Hoch-Zeiten der New Economy kennt.

»Wir haben operativ doppelt so viel verdient wie im goldenen Bankjahr 2000«, strahlte der Deutsche-Bank-Vorstandsvorsitzende Ackermann vergangene Woche. Seine Zahlen sind großartig. Der Jahresüberschuss des Instituts kletterte um 70 Prozent. Den weitaus größten Teil des Gewinns haben seine Investmentbanker erzielt.

Nie war der Handel mit Wertpapieren lukrativer. Nie arbeiteten Unternehmen effizienter. Nie war das Geschäft mit Rohstoffen profitabler. Niedrige Zinsen, boomende Aktienmärkte und ein weltweit neu entfachter Übernahmewahn zauberten für die Wegbereiter der großen Deals einen idealen Spielplatz herbei. Selbst das Rekordjahr 2000 wurde auf diese Weise mit Leichtigkeit übertroffen: Die Boni stiegen allein an der Wall Street auf nie zuvor erreichte 23,9 Milliarden Dollar.

Während die Wirtschaftsverbände in Deutschland von den Belegschaften noch Bescheidenheit fordern, zeigen ausgerechnet die Banker, was schnelles Geld bedeutet: Zwischen 40 und 50 Prozent der Gewinne, die beispielsweise ein Händler mit einem Kunden erzielt, will er später auf seinem eigenen Konto sehen.

Dafür gibt es keine Honorarlisten. So will es lediglich ein ungeschriebenes Gesetz. Und so kommen schnell mal die »Brosamen« von ein paar Millionen Extra-Gage zusammen. Wenn die Bank sich stur stellt, ziehen die Söldner der Großfinanz eben zum nächsten Arbeitgeber.

Schon Hochschulabsolventen können im zweiten Berufsjahr über 100 000 Euro verdienen. Dafür müssen sie oftmals ihre Freizeit, ihre Wochenenden und den Urlaub der Firma schenken. »Das System ist ziemlich menschenverachtend«, sagt ein Frankfurter Personalberater. 100-Stunden-Wochen gehören am Anfang dazu, berichtet der auf Investmentbanker spezialisierte Headhunter. Oft seien die Leute schon mit Anfang 40 ausgebrannt. Mitleid ist nicht

unbedingt nötig, weil viele dann auch bereits ausgesorgt haben.

Im Abschwung vor zwei, drei Jahren schloss eine Reihe amerikanischer Firmen ihre erst kurz zuvor angemieteten Glaspaläste in Frankfurt am Main. Nun suchen die Unternehmen wieder hektisch Mutige. Die US-Bank Bear Stearns kommt wieder in die Stadt, auch die französische Calyon will am deutschen Markt ausbauen und sucht dringend hungrige Legionäre.

Wer in Zeiten der Hochkonjunktur am Geldhahn sitzt, muss nur den Eimer an der richtigen Stelle plazieren. Die Investmentbank Goldman Sachs zum Beispiel wirkt an vielen Stellen und Transaktionen mit, verordnete ihren Spitzenbankern aber bis vor kurzem eine branchenspezifische Art der Bescheidenheit: Selbst der rührigste »Regenmacher«, wie die Umsatzkönige intern heißen, sollte nicht mehr als 35 Millionen Dollar Bonus im Jahr verdienen.

Nun wurde das Korsett von den dankbaren Aktionären für den Bankchef Lloyd Blankfein gelockert. Der Goldman-Sachs-Boss kassierte fürs vergangene Jahr insgesamt 53,4 Millionen Dollar.

Der Zahltag des Instituts brachte jedem seiner Angestellten durchschnittlich 625 000 Dollar. Der frühere Goldhändler Blankfein versuchte dennoch, an die Moral seiner Leute zu appellieren: »Als Lenker des Rufs der Firma muss ich Sie daran erinnern, dass alle Aktionen innerhalb und außerhalb der Büros auf Goldman Sachs zurückfallen«, schwurbelte Blankfein in einer Nachricht an seine Mitarbeiter. Derweil verteilte ein Fotomodell vor der New Yorker Konzernzentrale 1000-Dollar-Gutscheine, die zum Erwerb eines Privatjets animieren sollten.

Irgendwie muss das Geld der Bonus-Millionäre ja unter die Leute. Die »New York Times« meldete pünktlich zur Bonus-Saison, dass die Ferrari-Händler an der Wall Street nicht mehr mit Liefern nachkämen. Bei den Maklern von Luxusapartments gibt es zwischen Dezember und März Urlaubssperre, denn dann gehen die richtig teuren Wohnungen mit Blick auf den Central Park weg wie geschnitten Brot.

Dabei geht es in der Finanzbranche nicht anders zu als auf dem Schulhof. Einziger Unterschied im Imponierwettstreit: An der Wall Street sollen die konkurrierenden Jungs von den Hedgefonds und aus den Beteiligungsgesellschaften beeindruckt werden. Die Heuschrecken-Branche stellt denn auch für die besten Leute zurzeit noch größere Schecks in Aussicht, um Talente von den Investmentbanken abzuwerben.

»Beaufsichtigt die neuen Großspekulanten!«, forderte Altbundeskanzler Helmut Schmidt vergangene Woche in der »Zeit«. Schmidts Zielrichtung ist ebenso klar wie integer: »Zugleich mit dem Spekulationismus erleben wir einen Verlust an Anstand und Moral«, klagt der Hamburger. Denn was oben kassiert wird, muss unten bezahlt werden - mit Jobverlusten, Nullrunden, Angst um den Arbeitsplatz.

Doch die meisten Entscheider der Finanzbranche sitzen in London und New York, weil die Regeln in Deutschland als zu starr und die Steuern für Spitzenverdiener als zu hoch gelten. Bisher haben die USA und Großbritannien wenig Interesse gezeigt, die florierenden Geschäfte zu stören.

Mit gewaltigen Investitionen hat es die Deutsche Bank als einziges heimisches Institut geschafft, in den Olymp der globalen Finanzriesen aufgenommen zu werden.

Der weltweite Handel mit Wertpapieren und Unternehmen wird von wenigen Spielern dominiert, die die Preise im Investmentbanking hochhalten.

So ein Oligopol sei doch was ganz Normales, sagt ein Vorstand der Deutschen Bank fröhlich. Wer in Deutschland beispielsweise ein großes Unternehmen an die Börse bringt oder viele Aktien plaziert, kommt an seinem Haus kaum noch vorbei. In den ersten Wochen dieses Jahres wickelte Merck seine Kapitalerhöhung über die Deutsche Bank ab, die auch für DIC, Beiersdorf und Klöckner federführend große Aktienpakete unterbrachte.

Ackermann frohlockt, dass das weltweite Investmentbanking mittlerweile von nur noch sieben Firmen dominiert wird. Im Handel mit Anleihen streitet die Deutsche Bank mit Goldman um die Position eins am Weltmarkt. Im Aktiengeschäft ist sie weltweit auf Platz fünf geklettert.

Wer einen Überblick über die Trends im Markt verspricht, lockt Großinvestoren an, die mit Milliarden auf ebendiese Trends spekulieren. Beteiligungsgesellschaften wie Blackstone, KKR oder Permira sind weltweit für knapp ein Fünftel der Übernahmen verantwortlich - und zurzeit die größten Arbeitgeber der Investmentbanken.

Angelockt durch hohe Profite, gehören Unternehmen wie Goldman Sachs mittlerweile selbst zu den größten Investoren von privatem Beteiligungskapital. Die Amerikaner erzielten einen erklecklichen Teil ihres Gewinns, indem sie zusammen mit Partnern Firmen übernahmen und zu einem Mehrfachen des Kaufpreises wieder weiterreichten. Die Mitarbeiter können sich zu Vorzugskonditionen an den besten Geschäften beteiligen.

Manche Konzerne machen bereits einen Bogen um Goldman, weil sie nicht mehr wissen, auf welcher Seite die Investmentbanker bei einer Übernahme eigentlich stehen. Sie hegen den Verdacht, dass die Investmentbank letztlich nach purem Eigennutz entscheidet, wo die dicksten Gewinne winken.

Die Konkurrenz reagiert eher neidisch. »Das hat uns schon einiges gekostet«, sagte Anshu Jain, der wahrscheinlich bestbezahlte Mitarbeiter der Deutschen Bank, widerwillig, als er vergangene Woche auf die Abstinenz der Bank im Beteiligungsgeschäft angesprochen wurde. Der Bonus des indischen Investmentbankers mit Dienstsitz in London ist eines der bestgehüteten Geheimnisse innerhalb der Bank. Einen kleinen Eindruck vermitteln die Finanzberichte: Danach hat Jain 2006 mehrmals eigene Deutsche-Bank-Aktien im Wert von insgesamt 53 Millionen Euro verkauft.

Die Deutsche Bank sei bei Investitionen in Beteiligungsgesellschaften vorsichtig, bremst Ackermann seinen möglichen Nachfolger. Schließlich hat die Bank dabei Anfang dieses Jahrzehnts über eine Milliarde Euro versenkt.

Doch wenn es erst mal Geld regnet, dann eben nicht nur in London und New York. Auch die deutsche Finanzmetropole Frankfurt bekommt etwas von dem Boom ab. Die Stadt am Main und vor allem das Villenrefugium im nahen Taunus kann sich dieses Jahr über einige hundert Bonus-Millionäre freuen.

Als Chefin der deutschen Dependance von Morgan Stanley gehört zum Beispiel die Österreicherin Dagmar Kollmann dazu. Ihr Mann arbeitet in führender Position bei Merrill Lynch. Beide werden dieses Jahr in der geschwätzigen Frankfurter Investmentbanker-Szene auf einen ehelichen Gesamtbonus von sieben Millionen Euro taxiert.

Und auch bei Goldman Sachs hat sich mit Dorothee Blessing eine Managerin bis in die deutsche Chefetage hochgekämpft. Die Spezialistin für Unternehmensfinanzierung ist Mutter dreier Kinder. Dass sie zwischendurch mal für ein paar Monate zum Konkurrenten Deutsche Bank gewechselt war, hat ihrer Karriere nicht geschadet. Ihr Bonus soll deutlich über dem ihres Mannes Martin Blessing liegen, der bei der Commerzbank im Vorstand sitzt.

Doch oft ist ganz schnell Schluss mit lustig. Bei der Dresdner Bank beispielsweise werden jedes Jahr fünf Prozent der Investmentbanker rausgekegelt.

Und wenn angelsächsische Bonus-Kultur auf deutsches Arbeitsrecht trifft, kommt es hierzulande oft zu Konflikten. Denn dann wird versucht, die gerade noch vermeintlich hemdsärmlig verteilten Extra-Gagen gerichtlich einzuklagen.

»Die Boni werden nach Gutsherrenart verteilt«, schimpft Jürgen Schuldt, Präsident des Arbeitsgerichts Frankfurt. In der Berufungsinstanz, dem Landesarbeitsgericht, beschäftigen sich mittlerweile zwei Kammern nur damit.

Typisch fürs Gewerbe ist eine Auseinandersetzung vor ein paar Wochen im Sitzungssaal 103 des Frankfurter Arbeitsgerichts. Zunächst stritt sich eine Imbissbudenbesitzerin mit ihrem indischen Koch um ein paar Euro. Danach ging es plötzlich um ganz andere Summen.

»Meine Mandantin hat für die Deutsche Bank auf der Cash-Seite zwei Millionen Euro verdient«, sagte der Anwalt einer eleganten, jungen Frau. Da seien 105 000 Euro Bonus doch wohl zu wenig. Es müssten zusätzlich »315 000 Euro Bonus plus Schadensersatz« gezahlt werden.

Die Deutsche Bank konterte, dass die Umsätze zwei anderen Beschäftigten zugeordnet werden müssten. Das Arbeitsverhältnis sei mittlerweile zerrüttet, meinte der Anwalt der Bank, bevor die Richterin einen neuen Verhandlungstermin festlegte. Kurz darauf kam es, wie oft in diesen Fällen, zu einer außergerichtlichen Einigung. Das Geldinstitut hatte offenbar doch kein Interesse daran, die Details des Cash- und Kuhhandels im Gerichtssaal breitzutreten. CHRISTOPH PAULY

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