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ARZNEIMITTEL Im Windschatten

Jahrelang haben die Pharma-Konzerne an Arzneimitteln hervorragend verdient - jetzt verderben ihnen Kopien der Markenpräparate das Geschäft. *
aus DER SPIEGEL 24/1985

Sie heißen Sanorania oder Stada, Siegfried oder Rekur - es sind alles Namen, die den Verbrauchern nichts sagen. Doch die großen Konkurrenten wissen Bescheid.

Hinter den unauffälligen Firmennamen verbergen sich Hersteller von Billig-Medizin, die den Pharma-Großunternehmen wie Hoechst, Bayer, Boehringer, Merck oder Schering zunehmend zu schaffen machen. Die Außenseiter nämlich kopieren die Markenpräparate der Konzerne und bieten die Mittel, unter anderem Namen, wesentlich billiger an.

Mit diesen ohne Lizenz hergestellten Arzneimitteln, sogenannten Generika, haben die kleinen Firmen zwar erst einen Umsatzanteil von vier Prozent erreicht. Doch die Zuwachsraten ihrer unerwünschten Konkurrenten haben die Pharma-Riesen nervös gemacht.

Mit ihren Präparaten, die im Schnitt zum halben Preis der Markenartikel verkauft werden, erreichten die Kopisten in nur einem Jahr durchschnittliche Umsatzsteigerungen von über 30 Prozent. Einige Unternehmen wie die bayrische Durachemie oder die schwäbische Firma Rekur legten 1984 sogar mehr als 100 Prozent zu.

Es wird wohl für die etablierten Firmen noch härter kommen. Für viele Präparate ist der Patentschutz bereits ausgelaufen, für andere bald zu Ende.

Deutschlands Pharma-Markt, der drittgrößte der Welt, ist unter dem Druck der neuen Anbieter in Bewegung geraten. Die goldenen Jahre scheinen vorbei, in denen ein knappes Dutzend Pharma-Konzerne ungestört die Preise diktieren konnte.

»Die Zeiten hoher Gewinn-Margen«, meint Schering-Vorstand Klaus Pohle, »gehen zu Ende, der Preiswettbewerb gegenüber Generika wird härter.«

Es trifft die Pharma-Konzerne in einer ohnehin schwierigen Phase. Die Explosion der Gesundheitskosten um rund 100 Prozent in den vergangenen zehn Jahren hat Politiker und Krankenkassen verbittert und wachsam gemacht.

Allein für Arzneimittel gaben die Kassen 1984 rund 15 Milliarden Mark aus. Davon könnten gut 1,5 Milliarden Mark eingespart werden, wenn das jeweils preiswerteste Medikament verordnet würde.

Die Generika-Fabrikanten haben zumeist in Hinterhof-Labors begonnen. Oft waren es Apotheker, die zunächst bescheidene Mengen von Pulvern und Tropfen herstellten. Dann, als sie nach und nach die Markenpräparate kopierten, kamen sie groß ins Geschäft.

Mit der Qualität haperte es nur anfangs. Die nach dem Arzneimittelgesetz zugelassenen Generika sind, wie das Bundesgesundheitsamt feststellte, einwandfrei. Untersuchungen hätten ergeben, bestätigte Hans-Günter Friese vom Zentrallabor der Deutschen Apotheker e.V., daß nachgemachte Präparate und Markenarzneien zumeist »von der Qualität her gleichwertig« seien.

Marktführer unter den Generika-Herstellern ist mit einem Umsatz von 144 Millionen Mark die Ratiopharm, eine Tochter der bayrischen Pharma-Firma Merckle in Blaubeuren. Das Ulmer Unternehmen ist unter den 16 umsatzstärksten Pharma-Herstellern und rangiert noch vor Beiersdorf oder Madaus.

Typisch für die meisten Newcomer ist die Durachemie in Rottach-Egern am Tegernsee. In den 70er Jahren stellte die kleine Fabrik vorwiegend Augenpräparate her - Produkte, für die sich die Konzerne nicht interessierten.

Vor fünf Jahren begann die Firma dann, Generika zu fabrizieren. Heute bietet sie 40 Präparate an - Generika, aber auch eigene Markenprodukte. Der Umsatz liegt bei 30 Millionen Mark.

Die Pharma-Konzerne werfen der stärker werdenden Konkurrenz vor, sie wolle - wie Bayer-Chef Hermann Josef Strenger sagt - »im Windschatten des Erfinders mitsegeln«. Wer nur die Nachahmer-Produkte empfehle, der weigere sich, seinen Beitrag zu Pharma-Forschung und Fortschritt in der Medizin zu leisten.

Rund 150 Millionen, rechnet der Hoechst-Konzern, der mit Pharmaka 6,5 Milliarden Mark umsetzt, würden für die Entwicklung eines neuen Medikaments ausgegeben. Bayer (Pharma-Umsatz weltweit 6,8 Milliarden Mark) spricht sogar von 200 Millionen Mark. Der Erlös reiche kaum noch aus, um »die Forschungsaufwendungen zu finanzieren« (Strenger).

Dabei sind die Firmen mit ihren Preisen nie zimperlich gewesen. Hoechst und Boehringer Mannheim, die gemeinsam das Anti-Diabetes-Mittel Euglucon entwickelt hatten, gaben das Präparat für 37,27 Mark an den Großhandel ab. Nach Ansicht des Kartellamtes, das die Kalkulation überprüfte, dürfte es allenfalls 12 Mark kosten.

Nirgendwo sonst sind Medikamente so teuer wie in der Bundesrepublik. In fast allen anderen Ländern gibt es für diese Ware straffe Preiskontrollen.

So kosteten nach einer Untersuchung von 1983 in der Bundesrepublik 50 Dragees des Blutdrucksenkers Modenol von Boehringer Mannheim 20,05 Mark, in Österreich dagegen umgerechnet nur 8,52 Mark. Die 100er Packung des Blutfettsenkers Lipostabil forte wurde in Spanien für 8,22 Mark, in deutschen Apotheken dagegen für 44,95 Mark verkauft.

Kein Wunder, daß die Konkurrenz der Generika die Pharma-Industrie in Unruhe versetzt. Die Großen der Branche fürchten, es könnte ihnen ähnlich ergehen wie dem Schweizer Unternehmen Hoffmann-La Roche. Die Schweizer hatten mit den Psychodrogen Valium und Librium jahrelang rund zwei Drittel ihres Arzneimittelumsatzes erzielt. Dann liefen die Patente aus, neue Konkurrenten boten den Stoff billiger an. Letztes Jahr brachten die beiden Drogen nur noch einen Umsatzanteil von 12 Prozent.

Auch bei den deutschen Konkurrenten beginnt es zu bröckeln. Von den zehn umsatzstärksten Medikamenten fallen in der Bundesrepublik nur noch drei, die beiden Magenpräparate Tagamet

und Sostril sowie das Kreislaufmittel Dusodril, unter Patentschutz.

Der Umsatzrenner Euglucon, der seit der Markteinführung vor 16 Jahren den Herstellern Hoechst und Boehringer rund eine Milliarde Mark Reinertrag eingebracht hat, ist seit Mitte 1983 nicht mehr geschützt. Seither hat das blutzuckersenkende Original-Präparat rund 30 Prozent Marktanteil eingebüßt. Der Generika-Hersteller Rekur aus Laupheim bei Ulm bietet sein Mittel mit dem gleichen Wirkstoff Glibenclamid zu einem Viertel des Euglucon-Preises an.

Wie hart der Kampf zwischen Nachahmern und den Anbietern von Markenpräparaten inzwischen geworden ist, zeigt das Beispiel des Herz- und Kreislaufmittels Adalat. Als am 20. März 1985 der Patentschutz für das umsatzstärkste deutsche Medikament auslief, bot gleich ein Dutzend Nachahmer den Adalat-Wirkstoff Nifedipin an. »Endlich preiswert Nifedipin«, warb beispielsweise die Durachemie in ärztlichen Fachblättern. Kein leeres Versprechen: Das gleichwertige Präparat »Duranifin« kostet in Packungen zu 100 Tabletten 49,40 Mark. Bayer verlangt für sein Adalat gleicher Packungsgröße 110,55 Mark.

Allein im vergangenen Jahr hatte dieses Mittel die Krankenkassen mit rund 400 Millionen Mark belastet. Wenn die Ärzte die jeweils preiswerteste Nifedipin-Kopie verschrieben, könnten jährlich rund 200 Millionen Mark eingespart werden (siehe Graphik Seite 97).

Für Adalat-Hersteller Bayer wäre es ein böser Schlag. So reagierte das Unternehmen prompt und hart. Sie hätten, schrieben die Leverkusener an 40 000 Ärzte, das Konkurrenz-Produkt der Firma Stadapharm geprüft. Dabei seien Mängel festgestellt worden.

Stadapharm - das Unternehmen gehört 10 000 Apothekern - konterte mit Anzeigen: Die Bayer-Behauptungen seien falsch. Ein Frankfurter Gericht gab Stadapharm inzwischen recht.

»Mit allen Mitteln«, warnte Bayer-Chef Strenger die Adalat-Kopierer, »werden wir unsere Position verteidigen.« Mit Einstweiligen Verfügungen gegen etliche Nachahmer versuchte der Konzern bereits den Verkauf von Konkurrenz-Produkten zu verhindern.

Am ärgsten bedrängt sieht sich Bayer von der kleinen Durachemie. Sie brachte als einziger Generika-Hersteller Nifedipin in einer sogenannten Weichgelatine-Kapsel auf den Markt. Die wird, weil sie bei akuten Herzanfällen am schnellsten wirkt, am häufigsten verschrieben.

Für diese Kapsel, argumentiert Bayer, habe das Unternehmen ein Patent, das noch nicht abgelaufen sei. Die Fabrikanten vom Tegernsee wollen dagegen vor Gericht beweisen, daß sie ihre Kapsel selbst erfunden hätten.

Insgeheim scheinen die Pharma-Manager schon auf eine neue Linie einzuschwenken: Sie wollen das Geschäft, das ihnen so Kopfschmerzen macht, selbst betreiben.

»Noch nie«, sagt ein Generika-Hersteller, »haben wir so viele Kaufangebote bekommen wie in den letzten Wochen.«

Beiersdorf hat den Vertrieb des Generika-Herstellers Sanorania in Berlin übernommen. Hoechst kaufte die Mehrheit der englischen Nachahmerfirma Arthur H. Cox & Co. Ltd. Boehringer Mannheim will über die Tochter Galenus Generika anbieten.

So wie die großen Hersteller sich einst geschworen hatten, niemals Generika zu produzieren, so wollen sie auch jetzt gemeinsam vorgehen: Am 13. Juni treffen sich Manager der Pharma-Konzerne bei Hoechst, um ihren Schwur von damals zu überdenken.

[Grafiktext]

TEURE PILLEN Die gesetzliche Krankenversicherung der Bundesrepublik könnte Millionenbeträgeeinsparen, wenn die Ärzte die jeweils preiswertesten Präparate verordnen würden. Beispiele in Millionen Mark (1984) Marktführer Einsparmöglichkeit Umsatz insgesamt »Adalat« (1985 geschätzt) Herz- und Kreislaufmittel Nifedipin (Chemische Kurzbezeichnung der Arzneistoffe) »Euglucon« Antidiabetikum Glibenclamid »Isoket« Koronarmittel Isosorbiddinitrat »Lexotanil 6« Beruhigungsmittel Bromazepam »Novodigal« Herzmittel Acetyldigoxin »Hydergin« Durchblutungsfördernde Mittel Dihydroergocristin, -cornin, -kryptin »Beloc« Blutdrucksenker Metoprolol »Dytide H« Wasserausschwemmende Mittel Triamteren und Hydrochlorothiazid »Adumbran« Beruhigungsmittel Oxazepam Quelle: Bundesverband der Ortskrankenkassen

[GrafiktextEnde]

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