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SOFTWARE Im Würgegriff

Bill Gates gerät massiv unter Beschuß: 20 US-Bundesstaaten und die oberste Kartellbehörde erheben Antitrust-Klage gegen Microsoft.
aus DER SPIEGEL 22/1998

Die Warnung war unmißverständlich: »Mit Netscape ist ein neuer Kon- kurrent im Internet aufgetaucht«, teilte Bill Gates seinen Managern mit. Einige Zeit später heißt es in einem firmeninternen Memo: »Wir müssen Netscape die Luft abdrücken.«

Gates und seine Mannen wußten genau, was sie taten. Bereits im Frühjahr 1995 hatten sich Abgesandte des Software-Imperiums mit den Managern der jungen Firma im Silicon Valley getroffen und zwei Tage lang über eine Zusammenarbeit gesprochen - zu den Bedingungen von Gates.

Netscape sollte seine überaus erfolgreiche Internet-Software, den sogenannten Navigator, Microsoft zur Verfügung stellen. Im Gegenzug wollte Microsoft 15 bis 20 Prozent des Netscape-Kapitals übernehmen. Gemeinsam könnten sie dann, so der Vorschlag von Microsoft-Manager Jim Rosen, das aufkommende Geschäft im Internet untereinander aufteilen.

Der Deal kam nicht zustande. Die Netscape-Manager fühlten sich von dem Software-Giganten aus Redmond bedroht. Aber erst Monate später, nachdem die Befürchtungen wahr geworden waren und Microsoft den Newcomer am Markt massiv unter Druck setzte, übergab Netscape-Mitbegründer Marc Andreessen das Protokoll der Verhandlungen, das er auf seinem IBM-Laptop festgehalten hatte, den Justizbehörden in Washington.

Für die Wettbewerbsexperten im US-Justizministerium paßten die Andreessen-Papiere ins Bild. Seit acht Jahren schon beobachten sie mit wachsendem Argwohn den scheinbar unaufhaltsamen Aufstieg des Software-Riesen, eindeutige Beweise für Microsofts »wettbewerbspolitischen Würgegriff«, so US-Justizministerin Janet Reno, fehlten aber noch.

Das ist nun anders. Am Montag vergangener Woche fuhren die Behörden schweres Geschütz auf. In einer gemeinsamen Aktion reichten das Justizministerium sowie die Generalstaatsanwälte von 20 US-Bundesstaaten eine Antitrust-Klage gegen Bill Gates ein.

Wohl nie zuvor hatte ein US-Konzern so viele Staatsanwälte gleichzeitig auf seinen Fersen. Microsoft versuche, mit »illegalen, wettbewerbsfeindlichen Praktiken seine Konkurrenten zu zerstören und sich selbst dem Wettbewerb zu entziehen«, begründete Joel Klein, der Leiter der obersten Kartellbehörde in Washington, die Mammutklage.

Schon fast die Hälfte aller Computerbenutzer begeben sich mit dem Internet-Explorer, der Navigationssoftware von Microsoft, auf die Reise durchs Datennetz, während der Marktanteil des Pioniers Netscape von Monat zu Monat schwindet. Diesen Erfolg bei der sogenannten Browser-Software, meint Klein, habe Microsoft mit Knebelverträgen und anderen illegalen Geschäftspraktiken erworben.

Demnächst will Bill Gates zum entscheidenden Schlag ausholen. Am 25. Juni nämlich bringt Microsoft mit Windows 98 ein neues Betriebssystem heraus. Anders als beim Vorgänger Windows 95 ist der Internet-Zugang dann fester Bestandteil der Software.

Da fast 95 Prozent aller neu ausgelieferten Personalcomputer mit der jeweils aktuellen Windows-Version ausgestattet werden, könne Gates mit der nach Ansicht Kleins »illegalen Koppelung« von Browser und Betriebssystem die Konkurrenz völlig ausschalten. »Um den Verbrauchern das Recht auf die freie Wahl ihrer Computersoftware zu erhalten«, so Justizministerin Reno, müsse Gates entweder den Netscape-Browser in Windows 98 integrieren oder auch Versionen ohne Internet-Explorer anbieten. Gates, der die Vorwürfe »eine Fabel« nennt, lehnt das bisher ab.

Ex-Microsoft-Manager Marlin Eller, dessen Insider-Report »Barbarians Led by Bill Gates« vergangene Woche in den USA herauskam, verspricht neue Enthüllungen, die Microsoft als Krake erscheinen lassen. Zunächst, so der Buchautor, sei es gar nicht geplant gewesen, den Browser in Windows zu integrieren. Doch dann habe das Microsoft-Management eine aggressive Strategie eingeschlagen.

»Wir spielen gar nicht unsere Stärke aus«, notierte Senior Vice President James Allchin Anfang 1997 in einem Memo, wenn Explorer und Betriebssystem getrennt blieben. Erst wenn die Entwickler beide Pakete untrennbar miteinander verknüpfen, habe »Netscape keine Chance«.

Fortan feuerte sein Kollege Brad Chase die Programmierer an: »Memphis«, so der damalige Codename für Windows 98, »ist unsere wichtigste Waffe im Browser-Krieg.« Wenn Netscape gewinne, notierte er in einem Memo mit der Überschrift »Erhaltung des Desktop-Paradieses«, »könnte Windows überflüssig werden« - und Microsoft seine wichtigste Machtbasis verlieren.

Die Aufarbeitung des Browser-Kriegs, Microsoft-intern »Jihad« genannt, ist nur ein Teil der Aufgabe, die das Gericht zu erledigen hat. Die Grundsatzfrage, die in dem wahrscheinlich sehr langwierigen Prozeß entschieden werden muß, lautet: Reichen die gut hundert Jahre alten Wettbewerbsregeln in Amerika noch aus für das elektronische Zeitalter? Darf eine Firma, die schon die Grundlagentechnik für fast alle Personalcomputer der Welt liefert, ihren Einflußbereich unbegrenzt ausdehnen?

Anfangs steuerte das Betriebssystem nur die Verbindung zwischen Chips, Anwendungssoftware und Zusatzgeräten - im Windschatten von Gates sorgte die Konkurrenz mit Ergänzungsprogrammen für Individualität auf dem PC. Doch seit Microsoft die Basissoftware immer weiter aufrüstet, ist die Luft für die Konkurrenten spürbar dünner geworden.

Der Ausgang des Verfahrens, an dessen Ende die Zerschlagung des Konzerns stehen könnte, ist ungewiß. Die Kunden, in deren Namen die Kartellwächter für mehr Wahlfreiheit kämpfen, zeigen sich doch gelassen. In einer Umfrage Ende April standen mehr als zwei Drittel der Befragten fest zu Bill Gates. Für sie ist die Klage nur »eine Verschleuderung von Steuergeldern«.

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