Imitate-Essen Wie Biomarken mit Lebensmitteln tricksen

Zitrusgetränke ganz ohne Fruchtsaft, Vollkornbrötchen mit großen Mengen Weißmehl: Auch in der Bio-Branche ist die Täuschung von Kunden keine Seltenheit, kritisieren Verbraucherschützer. Nur genaues Hinschauen auf die Zutatenliste hilft.

Hamburg - Lecker sahen die knusprig-braunen Bio-Vollkornbrötchen im Lebensmittelregal aus. Doch der Eindruck täuschte: Denn mit Vollkorn hatten die Brötchen, die es bis vor wenigen Monaten bei einem großen Discounter zu kaufen gab, wenig zu tun. Tatsächlich lag der Vollkornanteil bei lediglich 60 Prozent, der Rest war Weißmehl. Allein Gerstenmalzsirup hat dem Brot die typisch dunkle Farbe verliehen - und das trotz des Biosiegels.

Die Brötchen sind ein klassischer Fall für Verbrauchertäuschung: Dem Kunden wird auf der Verpackung etwas suggeriert, was nicht tatsächlich im Produkt steckt. Und offenbar schreckt inzwischen selbst die Biobranche vor solchen Maßnahmen nicht zurück, wie das Brötchen-Beispiel zeigt. "Dass sich Rezepturen ändern, neue Verarbeitungsmethoden eingeführt werden und der Verbraucher dies nicht ausdrücklich erfährt, kommt auch bei Ökoprodukten vor", bestätigt Jutta Jaksche vom Bundesverband der Verbraucherzentralen (Vzbv). "Es gibt einfach keine speziellen Vorschriften für die Standard-Ökoware, die solche Irreführungen verbieten."

Das Fatale daran: Immer mehr Lebensmittelhersteller nutzen diese Lücken im Gesetz, wie SPIEGEL ONLINE in Zusammenarbeit mit der Verbraucherzentrale Hamburg erst kürzlich anhand einer Reihe von Beispielen aufzeigte. So wird im Einzelhandel beispielsweise Gebäck als Schokoladenkeks verkauft, obwohl keine Schokolade drin ist. Oder Käse, der statt aus Milch aus Pflanzenfetten besteht. Und auch ein Bio-Erfrischungsgetränk enthält Aromamittel statt Fruchtsaft - obwohl auf der Verpackung Obst abgebildet ist.

Dumm ist nur, dass das nicht als illegal gilt, solange in der Zutatenliste steht, was tatsächlich im Produkt steckt. Der Verbraucher muss also genau hinschauen, um zu wissen, was er in seinen Einkaufskorb steckt. Tut er es nicht, ist das sein Problem.

Dennoch sind den Schummeleien in der Biobranche Grenzen gesetzt, sagt Peter Röhrig vom Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW). "Die Ökoverordnung verbietet Herstellungsverfahren und Stoffe, die den Kunden über die Beschaffenheit des Produkts in die Irre führen könnten", sagt er. "Damit hat der Verbraucher eine weitaus höhere Rechtssicherheit."

Anders als in der konventionellen Lebensmittelwirtschaft dürften so zum Beispiel nur natürliche Aromastoffe verwendet werden. Dem stimmt selbst der Spitzenverband der deutschen Lebensmittelwirtschaft BLL zu, den konventionelle Produzenten dominieren. "Die Möglichkeiten für Imitate bestehen genauso, aber im Biobereich gibt es weniger Flexibilität dafür", sagt Geschäftsführer Marcus Girnau. "Schließlich müssen ja auch die Austauschprodukte biologisch hergestellt sein."

Ohnehin seien im Biobereich die Vorschriften gegen Lebensmittel-Imitate strenger, weil die EU diese vorgebe, sagt BÖLW-Referent Röhrig. Aber auch weil die Anbauverbände sich diese selbst auferlegten. So hätten Verbände wie Naturland, Demeter oder Bioland besonders strenge Vorgaben. Bei ihnen dürfte es Schinkenimitate aus schnittfestem Stärkegel, in das kleine Fleischstücke eingebettet sind, nicht geben. "Mir sind keine Bioprodukte mit Schinkenimitaten bekannt", erklärt Röhrig. Auch Analogkäse gebe es nicht mit dem Biosiegel. Nach Meinung des Lebensmittelverbands BLL könnte auch der höhere Preis bei Bioprodukten vor Schummeleien schützen. "Im höheren Preissegment wird die Frage des Austausches von Stoffen nicht so gestellt", sagt Geschäftsführer Girnau.

Die Verbraucherorganisation Foodwatch warnt vor zu viel Nachsicht: Auch in der Biobranche nimmt der Wettbewerb zu, seitdem alle großen Discounter Ökoprodukte ins Sortiment aufgenommen haben. "Auch Hersteller von Biolebensmitteln müssen sich im Markt durchsetzen", sagt Sprecher Martin Rücker. Daher bestehe die Gefahr, dass an der einen oder anderen Stelle der Preis gedrückt werden müsse - und dies auf Kosten der Qualität. Belege dafür gibt es jedoch nicht, betont Rücker. Selbst BÖLW-Mann Röhrig meint: "Je fairer die Preise, desto geringer ist die Gefahr, dass geschummelt wird." Dennoch: Das Kontrollsystem in der Branche funktioniere gut.

Verbraucherschützerin Jaksche aber fürchtet, dass selbst Einzelfälle von Verbrauchertäuschungen auch einen Imageschaden für die Biobranche bedeuten. "Die Bioszene sollte die negativen Beispiele aus der konventionellen Verarbeitung und Vermarktung zum Anlass nehmen, sich höhere Selbstverpflichtungen aufzuerlegen."

Im Fall der Bio-Vollkornbrötchen hat das bereits funktioniert. Der Hersteller hat vor einigen Monaten eine neue Beschriftung bei dem Produkt eingeführt. Die Bezeichnung "Vollkorn" taucht mittlerweile nicht mehr auf.

Mit Material von AP
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