Immobilien-Wahnsinn in Florida Hat irgendjemand Krise gesagt?

Kreditkrise? Welche Kreditkrise? In Florida läuft das Geschäft mit Immobilien so heiß und irrsinnig wie eh und je – Superreiche zahlen Unsummen für opulent ausgestattete Villen. Ein Ortstermin in den Luxusvorstädten Miamis.

Aus Coral Gables berichtet


Coral Gables - "Dies ist in ganz Miami das beste Deal am Meer", strahlt Renate Smith. Sie wartet vor der Liegenschaft 13060 Mar Street, einer Villa in Coral Gables, Miamis feinstem Vorort. Wie eine Burg umringt das Haus einen schattigen Innenhof. Durch einen Torbogen geht der Blick in den Garten mit Schwimmbecken, Jaccuzzi-Whirlpool und Bootsanlegestelle. Dahinter öffnet sich die Bucht zum Atlantik.

Smith, eine der Top-Immobilienmaklerinnen Miamis, hat gleich zwei Kollegen mitgebracht, die dieses exklusive Objekt betreuen: Nicolas Boucher und Jorge Lluch von der Firma Fortune International Realty. Ihr Credo: "Begüterten Klienten persönlichen Service zu bieten." Die meisten ihrer Millionärskunden kommen aus Südamerika. "Mögen die etwas, schnappen sie es sich", weiß Boucher, ein tiefgebräunter Exil-Franzose. "Egal wie teuer."

4,75 Millionen Dollar müsste ein Interessent für 13060 Mar Street hinblättern - unmöbliert. "Ein Schnäppchen", proklamiert Lluch. Denn immerhin hat die Villa 663 Quadratmeter Wohnfläche auf einem 2000-Quadratmeter-Gründstück: Wohnzimmer, Esssalon mit Decken-Fresko, sechs Schlafzimmer, sechs Bäder, zwei Küchen, Panzerglasfenster (gegen Hurrikane), Dachterrasse mit einem zweiten Jaccuzzi und Seeblick auf Key Biscayne und die Skyline Miamis in der Ferne.

Millionärsinseln der Seligen

13060 Mar Street ist ein typisches Angebot für diese Gefilde: lateinamerikanisch-tropisch angehaucht, ausladend, repräsentativ. Die Top-Immobilie steht für ein Segment des amerikanischen Häusermarktes, das von der Kreditkrise bisher weitgehend verschont geblieben ist: Luxus-Immobilien.

Während der Mittelbau des Marktes unter dem Druck der Hypothekenkrise stöhnt, blüht das Geschäft mit Spitzenimmobilien am Südost-Zipfel der USA weiter. Zwar haben die Durchschnittspreise auch in Miami im Vergleich zum Vorjahr leicht nachgegeben; Angebote verkaufen sich langsamer. Doch die Preise für Villen und Wohnungen im Wert von mehr als einer Million Dollar steigen weiter, wenn auch nicht mehr ganz so dramatisch wie zuvor: Derzeit sind sie im Schnitt 3,3 Prozent teurer als 2006.

Ähnliche Zahlen werden auch aus New York, Los Angeles, der Bay Area von San Francisco, Chicago, Seattle und Washington gemeldet. Dies sind die letzten Enklaven des goldenen Immobilienzeitalters: Millionärsinseln der Seligen, an denen das Hypothekendrama noch vorbeigeht.

Penthouse mit Konzertflügel

"Dem Top-Ende des Markts geht es fast unverändert gut", sagt Renate Smith, deren Handy sich immer wieder mit dem Klingelton eines bellenden Hundes meldet. Smith muss es wissen, als Chefin des Maklerbunds Realtor Association of Greater Miami and the Beaches (RAMB). "Alles unter einer Million Dollar läuft sehr langsam. Anders bei über vier Millionen Dollar: Das geht immer noch schnell weg, vor allem am Wasser. Der Bereich über sieben Millionen Dollar bewegt sich am meisten."

In diesen Preissphären haben die Käufer keine Hypotheken nötig. Viele zahlen die Dollars bar auf die Hand. Oder, so berichtet Boucher, "in Euro". Kein Wunder, dass sich da die Preise halten.

Etwa auch in South Beach, dem trendigen Nachbarn Miamis. Hier findet sich einer der exklusivsten Apartmentkomplexe der USA: das "Setai", 40 Etagen aus blauem Glas direkt am Strand. Das "Setai" gehört zum gleichnamigen Luxushotel, das gerne als erstes Sechs-Sterne-Hotel der USA bezeichnet wird. Die teuerste noch erhältliche Wohnung, die "Penthouse Villa- C" (318 Quadratmeter, samt Konzertflügel, Weinkeller und eigenem Spa) kostet sieben Millionen Dollar. Die billigste, Nr. 3204 (115 Quadratmeter), 1,9 Millionen Dollar.

Das schreckt die Käufer nicht: Der "Setai"-Turm ist zu 80 Prozent verkauft. "Das 'Setai' ist das begehrteste Gebäude in South Beach", sagt die Immobilienagentin Ann Nortmann. "Es zeigt, wie unbeeinträchtigt der High-End-Markt vom Rest der Branche ist."

Flipper in der Falle

Nortmann, die für die Firma Majestic Properties Luxus-Liegenschaften in Miami Beach und Downtown Miami vermittelt, hat persönliche Erfahrung mit der Krise im mittleren Segment des Marktes. Sie selbst kaufte sich 2003 "während des Goldrausches" hier eine Wohnung, in einem der Dutzenden Türme, die am Hafen hochgezogen wurden, fand dann aber etwas Schöneres am Strand. Die alte Wohnung ist sie bis heute nicht losgeworden.

So geht es vielen, die dem Bauboom an Miamis Biscayne Bay aufsaßen. Allein in der Innenstadt waren noch voriges Jahr über 100 Immobilienprojekte im Bau oder in Planung, darunter 82.000 Eigentumswohnungen für im Schnitt rund 200.000 Dollar. Obwohl der Markt seither gekippt ist, ließen sich die meisten Vorhaben nun nicht mehr stoppen: 8000 Wohnungen sollen dieses Jahr noch fertig werden, weitere 12.000 folgen nächstes Jahr.

Doch wer kauft die noch? Mehr als zwei Drittel der bisherigen Interessenten waren "Flipper": Laien-Investoren, die die Wohnungen nur als Geldanlage kauften, um sie dann schnell wieder mit Gewinn zu verkaufen ("flip") - oft, ohne je darin gewohnt zu haben.

"Dann kam die Realität dazwischen", sagt Nortmann. Die Preise brachen ein, die Kurzzeit-Hypotheken wurden untragbar, das "Flipping"-System wurde zur Falle. Inzwischen versuchen manche, die Objekte schon wieder abzustoßen, bevor sie überhaupt fertig sind, selbst wenn sie dabei ihre Anzahlung verlieren und Anwälte einschalten müssen, um nachträglich aus dem Kaufvertrag zu kommen.

Dritte Sprache: Deutsch

"Viele dieser neuen Türme am Wasser sind abends dunkel", sagt Nortmann. Sie erzählt von einem Klienten, einem Feuerwehrmann aus New York, der seine 9/11-Entschädigung in elf dieser "Condos" steckte. Inzwischen habe er notgedrungen sechs schon wieder verkauft, das letzte mit einem Verlust von 40.000 Dollar.

Bleibt eben der Top-Luxusmarkt. Dass die Kauflust der Multimillionäre so bald nicht abklingen werde, das belegt Smith mit allerlei Zahlen und Grafiken, die sie ausgedruckt hat. So steige der Anteil der Reichsten der Reichen in den USA unvermindert, und opulente Anwesen seien nach wie vor deren Prestigeobjekt Nummer eins: "Es sind Güter, die umso begehrenswerter sind, je teurer sie sind."

Zum Beispiel eben auch 13060 Mar Street in Coral Gables. Das Interesse daran sei global: Südamerikaner, Europäer, sogar Inder und Südkoreaner. "Wir lieben Europäer", sagt Boucher, während er den Rundgang beendet. "Sie scheren sich nicht um Dollarsummen." Miamis dritte Sprache nach Englisch und Spanisch, so geht mittlerweile das Gerücht unter den Maklern, sei Deutsch. Da lacht Renate Smith - sie selbst ist eine gebürtige Bayerin.



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