Thomas Fricke

Impfen, Klima und andere Dramen Wenn die Moral alles nur schlimmer macht

Thomas Fricke
Eine Kolumne von Thomas Fricke
Die Deutschen haben einen Drang, missliebiges Verhalten zu strafen – statt Anreize zur Besserung zu setzen. Emotional ist das verständlich, gesellschaftlich aber desaströs. Das Impfdrama belegt es.
Teilnehmerin einer »Querdenker«-Protestkundgebung: Harte Impfgegner lockt man auch nicht mit 200 Euro

Teilnehmerin einer »Querdenker«-Protestkundgebung: Harte Impfgegner lockt man auch nicht mit 200 Euro

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Christoph Schmidt / dpa

Es gibt grundsätzlich zwei Arten, Menschen dazu zu bringen, sich so zu verhalten, dass es dem eigenen Glück und dem des Umfelds dient, solange sie darauf nicht von allein kommen.

Die eine geht so, dass Betreffende mit diversen Formen von, sagen wir, Liebesentzug konfrontiert werden, es also mehr oder weniger unangenehm zu spüren bekommen, wenn sie ihr Verhalten nicht so verändern, wie es gemeingesellschaftlich wünschenswert erscheint.

Die andere setzt eher auf Belohnung – für die, die ihr Verhalten so verändern, dass es dem Gemeinwohl dient.

Thomas Fricke

Jahrgang 1965, leitet seit 2007 das Internetportal Wirtschafts­Wunder. Von 2002 bis 2012 war er Chefökonom der »Financial Times Deutschland«. Er ist Mitgründer des Forum New Economy, in dem sich Experten zusammengeschlossen haben, um ein neues wirtschaftliches Leitmotiv zu entwerfen.

Beides kommt vor. Wobei die Deutschen irgendwie zur ersten, also der Schmerzvariante zu neigen scheinen. Was mit der Neid-Neigung des urdeutschen Da-könnte-ja-sonst-jeder-kommen zu tun haben könnte – oder mit dem ähnlich gelagerten Gefühl, dass da (bisher) uneinsichtige Leute auch noch belohnt werden. Verständlich. Dabei spricht eine Menge dafür, dass es am Ende immer eher im Desaster endet, auf allzu viel Liebesentzug zu setzen.

Impfung, Klima, Eurokrise – das Grundproblem ist immer ähnlich

Das gilt für den seit Wochen schwelenden Streit über den richtigen Umgang mit Leuten, die sich nicht impfen lassen oder lassen wollen. Ebenso wie bei der Frage, was die Menschheit am schnellsten dazu bringt, Sachen zu tun, die weitere Klimakatastrophen verhindern helfen. Und womöglich sogar für Eurokrisen.

Das Grundproblem ist immer ähnlich. Jeder soll so sein, wie er will – solange er keinen anderen stört. Das kann der Fall sein, wenn es um Dinge wie Corona oder Klima geht, wo das Verhalten des Einzelnen in Summe Konsequenzen für alle hat. Wer sich nicht impfen lässt, entscheidet eben doch nicht nur für sich selbst, wenn eine mangelnde Impfquote in der Summe das Risiko einer neuen Welle erhöht – also das Leben anderer gefährdet. Ähnliches gilt in Sachen Klima. Die Frage ist, was dabei besser hilft. Pein oder Lohn.

Wie tief bei uns der Hang zur moralisierenden Strafpolitik sitzt, haben Kanzlerin und Ministerpräsidenten diese Woche gezeigt – mit der bizarren Idee, ab Oktober keine Gratis-Coronatests mehr anzubieten . Warum? Weil sonst ja jeder kommen könnte – und sich einfach nicht impfen lasse, weil er sich ja (bisher) einmal die Woche gratis testen lassen könne. Dabei ist weder plausibel, dass es viele Leute gibt, die genau so denken. Noch, dass die Aktion gegen die nächste Welle hilft.

Im Gegenteil. Wie Experimente etwa der Karlsruher Verhaltensökonomin Nora Szech gezeigt haben, wirken schon relativ geringe Kosten für solche Tests abschreckend – mit der Folge, dass im Zweifel einfach nur weniger getestet wird und Coronafälle unerkannt bleiben, ohne dass sich deshalb so viel mehr Leute impfen lassen. Wirklichkeit schlägt Moral.

In die Kategorie Neid und Pein dürfte auch das verbreitete deutsche Zaudern gehören, Zweiflern als Belohnung Geld zu geben, wenn sie sich jetzt doch noch impfen lassen. Klar, löst das kognitive Dissonanz aus – warum Leute belohnen, die sich bisher nicht im Sinne des Gemeinwohls impfen lassen wollten? Wie verquer allzu viel Moral wirkt, lässt sich nur anhand von Forschungen erahnen, wie sie Nora Szech und andere in den vergangenen Monaten gemacht haben. Demnach würde es die Impfquote ziemlich deutlich erhöhen, wenn den Menschen, sagen wir, 100 Euro Belohnung angeboten würden. Nicht, weil die das dann gegen ihre tiefe Überzeugung machen; harte Impfgegner würden das auch für 200 Euro nicht machen. Sondern weil es viele im Land gibt, die noch zögern – oder einfach zu faul waren oder es nicht wichtig genug fanden. Wer will, kriegt die 100 Euro; wer nicht, wird auch nicht gezwungen.

Das könnte schon helfen. Wie Umfragen ergaben, sind immerhin rund 20 Prozent unentschlossen. Die ließen sich anwerben. Und dann wäre das Land schon viel näher an der Herdenimmunität.

Nicht beim Tanken bestrafen, sondern Kaufanreize für emissionsarme Fahrzeuge bieten

Dass das Prinzip Pein nicht unbedingt hilfreich ist, lässt auch die Erfahrung in Sachen Klimapolitik erahnen. Stichwort: Benzinpreiswut. Es ergibt Sinn, die Leute dazu zu bringen, sich Elektroautos zuzulegen. Die Frage ist nur auch hier, ob es klug ist, das über möglichst hohen Leidensdruck auf Fahrer herkömmlicher Autos zu versuchen – wenn schon ein paar Cent höhere Benzinpreise für immer wieder große Aufregung sorgen. Die Benzinpreise müssten noch um einiges steigen, bis es finanziell lohnt, sich ein Elektroauto zuzulegen – zumal bisher die Ladeinfrastruktur noch fehlt.

Wie gut dagegen die Belohnungsvariante wirken kann, haben in den vergangenen Jahren Länder wie Norwegen vorgemacht, die auf hohe Kaufanreize gesetzt haben für Leute, die Elektroautos kaufen – und viel mehr Ladesäulen. Die Elektroquoten liegen seither sehr viel höher als bei uns. Dass das auch bei uns funktioniert, lassen wiederum die jüngsten Erfahrungen vermuten. Seit 2020 unter dem Druck der Coronakrise viel mehr öffentliche Subventionen für den Kauf eines Elektroautos freigegeben wurden, gehen die Verkäufe auch hier deutlich hoch.

Selbst anhand der Eurokrise lässt sich im Rückblick demonstrieren, wie tückisch der deutsche Moralhang zur Bestrafung von Verhaltensauffälligen wirken kann. Als Griechen, Italiener, Spanier und andere an den Finanzmärkten unter Druck gerieten, hieß es vom obersten deutschen Finanzwart, dass es Hilfe nur gibt, wenn die Empfänger möglichst harte Reformen machen, Renten kürzen und Gelder im Gesundheitssektor kürzen. Glück durch Pein? Dabei begann sich damals unter Ökonomen längst die Einsicht durchzusetzen, dass so viel Austerität nur alles schlimmer macht. Keine Reaktion. Warum? Na, sonst könnte ja jeder kommen. Die Folgen sind bis heute spürbar. In Italien wie Spanien fehlten etwa zu Beginn der Coronakrise auf fatale Art die Intensivbetten.

Ob positive Anreize immer besser wirken? Sicher nicht. Nur: selbst wenn sich herausstellen sollte, dass Druck und Strafen und Pein genauso effektiv und zu ganz schnöde denselben Ergebnissen führen würden, spräche viel dafür, sich sehr viel mehr mit den Belohnungsvarianten zu beschäftigen. Und sei es, weil jeder Versuch, Fehlverhalten zu sanktionieren, ganz menschlich Wut und Widerwillen auslöst, was die Effizienz der Mittel reduziert und sich auf die eine oder andere Art zu entladen droht – so wie das gerade in Frankreich zu beobachten ist, wo Präsident Emmanuel Macron auf Impfpflicht und Pein gesetzt hat. Das gilt fürs Impfen wie fürs Klima.

Gaga-Wutkampagnen programmiert

Es wird in Deutschland endlos viel mehr politische Energie kosten, den Wechsel zur Elektromobilität über jährlich steigende Benzinsteuern und entsprechend neuen Ärger der Altautofahrer und Gaga-Wutkampagnen der »Bild«-Zeitung zu erreichen, als darüber, einfach sehr viel Geld als Anreiz für den Kauf neuer Autos oder ein besseres Bahnnetz einzusetzen. Dann fällt die Verhaltensänderung viel leichter. Sozusagen freiwillig. Und mit dem guten Gefühl, Geld gespart zu haben. Was will der Deutsche mehr?

Ganz ähnlich ließe sich über Anreize auch die Impfquote steigern. Mit dem Gefühl, dafür auch noch Geld zu kriegen – statt über den Ärger, künftig sonst nicht mehr ins Kino oder zum FC zu dürfen. Und sollte das mit dem ewigen Da-könnte-ja-jeder-kommen kollidieren: im Zweifel auch denen etwas Gutes tun, die fürs Impfen keine finanziellen Anreize brauchten. Nachträglich.

Andernfalls droht der Versuch, gesellschaftliche Verantwortung in persönliches Verhalten einzubringen, im Gegenteil zu enden: zu Unmut und eben jener Spaltung, die wir gerade noch viel weniger brauchen können als ohnehin schon.

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Eine Widmung

Seit etlichen Jahren hat er diese und frühere Kolumnen Woche für Woche auf unsere Website gesetzt, mir auch mal zu erkennen gegeben, wenn sie gelegentlich zu verbittert klang oder es an Humor fehlte. Diese ist für Dich.

Thomas Fricke

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