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Imposante Schwefelküche

aus DER SPIEGEL 29/1949

Bei der Belegschaft der staatsverwalteten »Lias-Oelschieferwerke« in Frommern (Württbg.) herrscht Geburtstagsstimmung. Der günstige Absatz aller Lias-Produkte habe weitere Diskussionen über eine. Stillegung der Werke gegenstandslos gemacht, teilte das südwürttembergische Finanzministerium offiziell mit. »Durch diesen Entscheid wird auch unsere vorsorgliche Kündigung gegenstandslos«, frohlockten rund 150 Arbeiter der 400 Mann starken Schiefergefolgschaft.

»Es sah böse genug aus für die württembergische Oelschiefer-Forschungs-GmbH.«, erinnert sich Direktor Karl Walliser. Nach dem Beschluß einer Untersuchungskommission des Landtags von Südwürttemberg-Hohenzollern, die völlige Stillegung des Werkes zu befürworten, drohte allen, vom Direktor bis zum Hilfsarbeiter, die arbeitsamtliche Stempelkarte.

»Wir standen wieder vor der Hamletfrage«, repetiert der Endvierziger Walliser. Er steht in hohen Gummistiefeln im knöcheltiefen Schieferschlamm des Werkes. »Der ehemalige technische Leiter der Berliner Lufthansa schläft nachts über seinen Plänen ein«, verraten seine Freunde.

Als 1944 den Deutschen das rumänische Erdöl versperrt wurde, entsannen sich des Führers Chemotechniker schüchterner deutscher Schwelversuche gegen Ende des ersten Weltkrieges. SS-Generale, OT-Führer und Techniker marschierten in Eilmärschen (die Amerikaner standen schon dicht vor Aachen) mit Raumbaggern an die Balinger Schieferöl-Ersatzfront.

Viele hundert KZ-Häftlinge aus der Zwingburg Dachau entschwelten in primitivem Meilerverfahren auf 234 ha entschädigungslos enteignetem Boden mit Tausenden von Fremdarbeitern ein sehr schlechtes motorenverrussendes Oel. Im übrigen waren tiefe und trostlose Abraumfelder und ein eingefressener Haß bei 27000 Schwaben das Ergebnis dieser »planlosen Muddelei«.

Am letzten 20. April 1945 - die Generale hatten sich schon längst aus dem Schwefelstaube gemacht - zogen die Muddler wieder ab. Die Franzosen besichtigten die Reste der Oelschieferei.

Capitaine Corderque hielt im beschlagnahmten Frommener Durcheinander seinen Einzug. Mit kanadischen Schiefererfahrungen und den wenigen nicht ausgerissenen deutschen Chemikern wollte er modernisieren: Hochöfen an Stelle der »primitiven Meilerei«. - Es wurde weiter zwangsenteignet.

Den Schwaben blieb die Luft weg. Sie kreideten es Monsieur und seinen deutschen Helfern - »diese Kollaborateure!« - übel an, daß fehlgeschlagene Versuche, verschwefelte Luft, verpestetes Wasser, sterbende Forellen und oxydiertes Tafelsilber die einzig sichtbaren Ergebnisse ihrer Arbeit waren.

Im Juli 1947 war die Hochofenanlage fertig. Südwürttembergs Gouverneur General Guillaume Widmer entzündete sie persönlich mit seinem Taschenfeuerzeug. Das Tübinger Kabinett in voller Kopfstärke sah zu.

Die Festredner versprachen gewaltige Erfolge. Trotzdem behauptete ein mitfeiernder Fachmann, daß an diesem Tage mehr Oel in den vielen Autos verfahren worden sei, als in zwölf Monaten in den Oefen produziert werden würde.

Als ein halbes Jahr später Capitaine Couderque als Bergwerks- und Hüttenmanager der französischen Zone nach Baden-Baden übersiedelte und der Staat Werksbesitzer wurde, meuterten die enterbten Schwaben offen. »Macht die Schwefelküche endlich dicht«, forderten sie unmißverständlich. »Sie ist nicht nur teuer, sie ist auch ungesund!«, wedelten sie mit hausärztlichen Attesten.

Die verschuldeten Schieferleute - auch die 5-Millionen-Erbschaft aus der Hitlerzeit war längst verpulvert - beschworen den Landtag, das Schieferwerk nicht stillzulegen. Parteien und Gewerkschaften beschworen mit. Man möge das Schicksal von 400 Schaffenden bedenken.

Die Lias-Leute erinnerten an die Erfolge der estnischen, französischen, kanadischen und englischen Oel-Schiefergewinnung (20 Prozent Oelgehalt). Zehn Tonnen Juraschiefer (Oelgehalt 4 Prozent) ergäben 7000 Wärmeeinheiten. Das entspreche dem Wärmewert von einer Tonne Kohle.

Außerdem würden Jahr für Jahr die Devisen für 8000 Tonnen Treiböl eingespart. Von Straßenbelag, Lacken, Farben, Düngemitteln, Baustoffen und Reinstbenzin wollten sie gar nicht erst reden. Aber aus Oesterreich, so bewiesen sie, würden allein zur Herstellung von Ichthyol-Präparaten jährlich für 3 Millionen D-Mark Schwefelgrundstoffe eingeführt. Hier lägen sie ungenutzt auf eigenem Grund und Boden.

Drei Millionen errechneten die stellungsbedrohten Chemiker, wären gerade nötig, um den Betrieb rentabel zu gestalten. In zwei Jahren, versicherten sie, laufe das Werk auf vollen gewinnbringenden Touren.

Der Landtag sagte zunächst einmal für 310000 DM Schwefelschulden gut. Regierungsassessor Dr. Felix Gaerte spielte vom Landratsamt Balingen aus den staatlichen Zwangsverwalter. Das Finanzministerium bildete einen Ausschuß, der die allmähliche Bodenabgeltung einleitete und mit Räumrampen die Halden einebnete.

Die Schwefelköche entschwefelten die Luft mit neuen Filteranlagen. Eine schnell angelegte Kläranlage entölte die Gewässer; die Frommener Forellen lebten wieder auf. Mit kostspieligen Experimenten und Versuchsreihen war es vorbei. Entparaffinierungs-, Raffinations- und Destillierungsanlagen wurden neu angelegt, die Produkte systematisch weiter entwickelt.

Im Januar 1949 bewilligte der Tübinger Landtag eine 1,5-Millionen-Beihilfe. Zwei Monate später legte das Stuttgarter Bruderkollegium die gleiche Summe für den »imposantesten chemischen Grundstoffbetrieb Westdeutschlands« dazu. Das Oelgeschäft begann zu florieren.

Auf der internationalen Motorschau in Reutlingen (s. Spiegel 18/49) gaben die Lias-Schwefelbrüder zum ersten Male ihre Visitenkarte ab. Verkaufsleiter Dr. Erich Kranepuhl warf allabendlich hochbeglückt die auftragsgefüllte Aktentasche auf den Rücksitz eines klapprigen DKW. Eine Freiburger Großfirma bestellte 4000 Tonnen Heizöl. Andere Kunden ließen sich für Bitumen- und Treiböl vormerken.

»Sonst stellen wir nur noch Balignol her.« Der schmächtige 60 Jahre alte Verkaufsleiter, früher bei Leuna und IG, zückt das Salben-Gutachten Professors Linsers von der Tübinger Universität: »Balignol ist in zahlreichen Fällen von Hautkrankheiten erprobt und immer gut vertragen worden.«

»Ich habe niemals an Dichtmachen geglaubt«, triumphiert Karl Wallisers 31jähriger Staatskompagnon Dr. Gaerte jetzt. Die Stellungnahme des Finanzministeriums sei die beste Antwort auf das Gerede unkender Propheten. Die hätten schon lange lamentiert, der Staat würde mit der Schließung der Lias-Werke einen »neuen Schwabenstreich« begehen.

Nur die Schwabenbauern sind noch böse. Aber das sei nicht so tragisch, meint Treuhand-Assessor Dr. Gaerte. Bei der ersten schwäbischen Eisenbahn hätten die wackeren Schwaben sich auch gewehrt und geschrien, sowas sei ungesund. Die Eisenbahn sei aber doch gebaut worden.

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