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»In allen Bereichen sparen«

Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke, 44, über die anhaltende Kritik der Großaktionäre an seiner Person, die künftige Strategie des Konzerns und die Gefahr einer Überregulierung
Von Frank Dohmen und Klaus-Peter Kerbusk
aus DER SPIEGEL 37/2006

SPIEGEL: Herr Ricke, Sie haben Ihren Aufsichtsrat jüngst dazu überreden können, Ihr neues Strategiekonzept abzusegnen. War das der Anfang zu einer Wende in Ihrem Konzern oder nur das letzte Aufbäumen eines angeschlagenen Telekom-Chefs?

Ricke: Wir haben es mit einer neuen, dramatischen Wettbewerbssituation zu tun. Die Phase des ungebremsten Wachstums ist vorbei. Wir müssen jetzt die Ellenbogen ausfahren, um unsere Marktanteile zu verteidigen. Das haben wir diskutiert, und so werden wir künftig agieren. Wir werden uns komplett neu ausrichten. Ich habe jedem Manager klare Ansagen gemacht.

SPIEGEL: Die Diskussion um Ihre Person werden Sie damit nicht beenden. Seit Wochen werden Namen möglicher Nachfolger gehandelt. Macht Sie das nicht unruhig?

Ricke: Natürlich wird viel geredet, auch viel Unsinn. Aber davon werde ich mich nicht beirren lassen. Die Deutsche Telekom AG auf Kurs zu halten hat was von einem Marathonlauf. Da steigt man auch nicht mittendrin aus.

SPIEGEL: Aber Sie kennen den Prozess, der jetzt abläuft noch sehr genau von Ihrem Vorgänger Ron Sommer. Man witzelt über Ihr zauderndes Verhalten, spricht von letzten Bewährungsproben. Eine allmähliche Demontage beginnt. Wäre es nicht richtiger, das Unternehmen zu verlassen?

Ricke: In letzter Konsequenz zählen Ergebnisse. Es wird darauf ankommen, dass wir die Strategie jetzt entschlossen umsetzen. Dann wird sich dieses ganze Gerede schnell in Luft auflösen.

SPIEGEL: Ihre Kritiker sind nicht nur Analysten oder Kleinaktionäre. Auch im Finanzministerium, Ihrem Hauptaktionär, ist man wenig begeistert. Reden Sie mit Finanzminister Peer Steinbrück über dessen Sorgen?

Ricke: Ich kenne Herrn Steinbrück schon lange. Er ist - wie ich - ein Freund der

direkten Ansprache und braucht keine Heckenschützen. Natürlich sind wir in Kontakt. Was uns eint, ist das Interesse an einem steigenden Aktienkurs. Wir haben im Aufsichtsrat intensiv diskutiert, und ich habe großen Zuspruch erhalten. Auch vom Bund kam keine Kritik.

SPIEGEL: Trotzdem höhnte man in Berlin kurz danach, dass Ihre Strategie auf einem Bierdeckel Platz habe. Ist das keine Kritik?

Ricke: Das ist substanzlose Polemik. Maßgeblich für meine Arbeit ist der Aufsichtsrat. Und der hat mir ein Mandat gegeben. Das werte ich als klares Vertrauensvotum.

SPIEGEL: Gilt das auch für Ihren zweiten Großaktionär, den Finanzinvestor Blackstone? Der hat seit seinem Einstieg bei der Telekom rund 500 Millionen Euro verloren.

Ricke: Auch mit Blackstone bin ich in Kontakt, auch hier verbindet uns das Interesse, den Aktienkurs nach oben zu bringen.

SPIEGEL: Darauf warten Kleinanleger seit Jahren. Gegenwärtig liegt die T-Aktie bei elf Euro und damit etwa so hoch wie bei Ihrem Amtsantritt vor knapp vier Jahren.

Ricke: Das liegt aber nicht nur an der Telekom. Die gesamte Branche steht vor großen Veränderungen. Das ist keine Zeit, in der Privatanleger beherzt zu solchen Aktien greifen. Wir sind massiv unterbewertet und werden uns dagegenstemmen.

SPIEGEL: Meinen Sie nicht, der dümpelnde Kurs könnte auch etwas mit Ihrer Person zu tun haben? Sie gelten als zögernd, als jemand, der eher verwaltet statt entschlossen nach vorn zu marschieren.

Ricke: Stopp! Als ich anfing, hatten wir einen Verlust von 24 Milliarden Euro. Im vergangenen Jahr haben wir das Unternehmen auf das Rekordergebnis von fünf Milliarden Euro gebracht. Und auch im ersten Halbjahr 2006 haben wir zwei Milliarden Euro erwirtschaftet. Jetzt haben wir sehr frühzeitig erkannt, dass wir unsere Strategie ändern müssen, weil sich die Wettbewerbssituation dramatisch verschärft hat und die Technik sich rasend schnell ändert. Wo sind da Versäumnisse?

SPIEGEL: Dass der Wettbewerb, etwa durch den Siegeszug der Internet-Telefonie, scharf wird, können Sie seit über einem Jahr in allen Zeitungen lesen. Sie tun so, als sei das eine völlig neue Situation, und schockten die Märkte vor ein paar Wochen gar mit einer Milliarden-Gewinnwarnung. Haben Sie nicht einfach zu spät reagiert?

Ricke: Im Gegenteil: Im Oktober vergangenen Jahres haben wir bereits gesagt, obwohl es uns im Moment gutgeht, müssen wir sparen und auch Personal abbauen. Ich habe dafür sehr viel Prügel einstecken müssen. Wir haben es trotzdem gemacht, weil wir wussten, dass sich die Situation auf den Weltmärkten ändern wird. Was wir wie die meisten Analysten nicht voraussehen konnten, war die Dynamik.

SPIEGEL: Sie haben keine Fehler gemacht?

Ricke: Wir waren zu optimistisch. Wie die gesamte Branche haben auch wir die Wachstumsmöglichkeiten in Deutschland falsch eingeschätzt.

SPIEGEL: Inwiefern?

Ricke: Wir sind bei unserer Planung im Herbst noch davon ausgegangen, dass der Mobilfunkmarkt um etwa fünf Prozent wachsen wird. Tatsächlich gab es im ersten Halbjahr 2006 überhaupt kein Wachstum mehr. Wir haben damit gerechnet, im Festnetz etwa 750 000 Kunden zu verlieren. Es wurden rund eine Million, was auch an der durch Klagen verzögerten Verschmelzung der T-Com mit T-Online lag. Ich nehme aber für mich in Anspruch, sehr früh auf die geänderten Bedingungen reagiert zu haben. Insofern werden wir gestärkt aus dieser Situation hervorgehen.

SPIEGEL: Indem Sie - wie angekündigt - auf breiter Front die Preise senken? Das führt doch zu noch niedrigeren Gewinnen und Umsätzen. Wie passt das zusammen?

Ricke: Sehr gut. Wir müssen den Anschluss verteidigen. Im deutschen Festnetz machen wir von 26 Milliarden Umsatz nur noch 3,5 Milliarden mit dem Verkauf von Telefonminuten. Der größte Anteil entfällt auf den Verkauf von Festnetzanschlüssen.

SPIEGEL: Genau da verlieren Sie Kunden.

Ricke: Noch. Mit den neuen Flatrate-Angeboten, bei denen Kunden einen Festnetzanschluss zu einem Pauschalpreis bestellen und unbegrenzt telefonieren und surfen können, werden wir mittelfristig die Abwanderung reduzieren. Gleichzeitig steigern wir den Gewinn, weil die Kunden komplett bei uns bleiben, anstatt Teile des Angebots bei der Konkurrenz zu kaufen.

SPIEGEL: Und im Mobilfunkmarkt? Dort ist doch offenbar eine Sättigung erreicht.

Ricke: In Deutschland werden nicht einmal 18 Prozent der Telefonminuten im Mobilfunknetz geführt. Das ist im internationalen Vergleich lächerlich wenig. Durch niedrigere Preise wollen wir den Kunden die Angst nehmen, dass Handy-Gespräche zu teuer sind. Dadurch wird sich das Volumen erheblich steigern. Außerdem werden wir alle Tarife und Produkte auf den Prüfstand bringen und daraufhin abklopfen, ob sie einfach und kundenfreundlich sind.

SPIEGEL: Das scheint sich noch nicht im ganzen Konzern herumgesprochen zu haben.

Ihre neue Wunderwaffe, die Internet- und Telefon-Flatrate, wird derzeit mit folgendem Spruch beworben: »Call & Surf am T-Net-Anschluss mit Speedport W 500V und DSL 2000 für 49,95 Euro«. Glauben Sie wirklich, das verstehen Ihre Kunden?

Ricke: Nein, aber genau das wird sich jetzt ändern. Wir haben im Vorstand neue und klare Verantwortlichkeiten eingeführt, gerade was Werbung, Marketing, Technik und Produktauftritt angeht. René Obermann etwa, der Chef der Mobilfunksparte, wird sich um unseren Verkauf kümmern, ich selbst um eine einheitliche Werbung.

SPIEGEL: Warum verschmelzen Sie nicht die Festnetz- und Mobilfunktochter, wie es viele Experten schon lange fordern. Damit hätten auch die endlosen Querelen zwischen den Sparten ein Ende.

Ricke: Weil die Experten einen Denkfehler machen. Richtig ist, dass die Nachfrage nach Bündelprodukten wächst. Aber es wird auch in Zukunft viele Produkte geben, die nur für Mobilfunk- oder nur für Festnetzkunden interessant sind. Dafür sind und bleiben die jeweiligen Töchter zuständig. Mit der neuen Aufgabenverteilung im Vorstand stellen wir zusätzlich sicher, dass wir auch mit den richtigen Bündelprodukten zur richtigen Zeit am Markt sind. Dafür braucht man keine Verschmelzung, die uns 18 Monate lähmen würde.

SPIEGEL: Fürchten Sie nicht eher den internen Aufstand, wenn Sie wirklich hart durchgreifen? Ihr T-Com-Vorstand Walter Raizner macht seit Monaten gravierende Fehler. Sie nehmen ihm Verantwortung ab, belassen ihn aber im Amt. Ist das die Führungsstärke, die Sie dem Aufsichtsrat versprochen haben?

Ricke: Ich habe mit dem Management klare Ziele und Leistungsvorgaben definiert, die jetzt Monat für Monat überprüft werden. Die gelten auch für Herrn Raizner.

SPIEGEL: Er arbeitet also auf Bewährung?

Ricke: Herr Raizner ist verantwortlich für 35 Millionen Telefonanschlüsse - ohne Wenn und Aber. Die Leistungsvorgaben gelten natürlich auch für Vorstände.

SPIEGEL: Sie haben angekündigt, die Kosten dramatisch zu senken. Sind dadurch weitere Arbeitsplätze in Gefahr?

Ricke: Wir werden in allen Bereichen sparen. Das fängt beim Verkauf von Immobilien an und reicht bis zu den Netzkosten. Konkrete Zahlen werden wir im Dezember mit dem Aufsichtsrat diskutieren.

SPIEGEL: Kern Ihres Sparpakets ist aber doch, dass Sie das alte Netz bei der T-Com früher als bisher geplant durch ein Internet-basiertes Netz ersetzen wollen. Mit dieser Technik braucht man bis zu einem Drittel weniger Personal.

Ricke: Erst einmal werden wir durch die Technik in der Lage sein, allen Bundesbürgern bis zum Jahr 2012 einen breitbandigen Internet-Anschluss liefern zu können. Das ist ein Versprechen. Es ist aber auch richtig, dass diese Technik mit deutlich weniger Arbeitskräften auskommt. Solchen betriebswirtschaftlichen Notwendigkeiten werden wir uns angesichts des verschärften Wettbewerbs nicht verschließen können. Vieles wird jedoch auch davon abhängen, wie die politische Regulierung weitergeht.

SPIEGEL: Diese Drohung hören wir seit Jahren: Geht nicht so hart mit uns um, dann müssen wir bei der Telekom nicht so viele Stellen streichen!

Ricke: Es geht doch längst nicht mehr nur um die Telekom. Das Ziel der Regulierung war, Wettbewerb herzustellen. Das haben wir in vielen Bereichen erreicht - und darüber klage ich auch nicht.

SPIEGEL: Worüber dann?

Ricke: Dass einige Maßnahmen weit über das Ziel hinausschießen und damit sogar dem Standort schaden.

SPIEGEL: Warum?

Ricke: Nehmen Sie unser VDSL-Netz, in das wir Milliarden investieren wollen. EU-Kommissarin Viviane Reding ist der Meinung, dass dieses Netz keinen technologischen Vorsprung bringt und wir es deshalb auch den Wettbewerbern zur Verfügung stellen müssen. Wenn sie sich durchsetzt, kann es für uns doch nur eine Konsequenz geben: Wir stoppen die Investitionen und bauen die dort aus, wo Spitzentechnologie willkommen ist.

SPIEGEL: Das klingt nach Erpressung.

Ricke: Das hat mit Erpressung nichts zu tun. Aber investiert wird nun einmal da, wo man Gewinn erwartet. Und da ist Europa durch die Überregulierung auf bestem Weg, gravierende Fehler zu machen.

SPIEGEL: Ist das der Grund, weshalb Sie in den USA gerade Milliarden für neue Mobilfunkfrequenzen in die Hand nehmen, in Europa aber seit Jahren auf der Stelle treten, was Unternehmenszukäufe anbelangt?

Ricke: Nein, wir schauen uns jede Gelegenheit genau an und greifen zu, wenn es passt - wie etwa in Österreich oder Polen.

SPIEGEL: Im November wird der Aufsichtsrat erneut tagen und sich mit der Verlängerung Ihres in einem Jahr auslaufenden Vertrags befassen. Sind Sie sicher, diesen Termin auch zu überstehen?

Ricke: Mein Ziel ist es, die Telekom auch weiterhin gut durch stürmische Zeiten zu steuern. Mein Vertrag ist dabei nebensächlich.

SPIEGEL: Herr Ricke, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

* Frank Dohmen und Klaus-Peter Kerbusk in der Telekom-Konzernzentrale in Bonn.

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