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UMWELT In die Binsen

Ökologen propagieren Schilfbeete als alternative Kläranlagen - Patentrezept oder Scharlatanerie? *
aus DER SPIEGEL 40/1988

Minister haben sie vor dem Ferienhaus, Wirtschaftsvorstände beobachten dort Libellen, Naturschützer lassen darin Frösche quaken: Feucht-Biotope. Kleine Wasserflächen im Vorgarten, zugewachsen mit seltenen Pflanzen, Schilf oder Gräsern, sind zum ökologischen Statussymbol avanciert - Motto: Seht her, ich tu'' was für den Umweltschutz.

Die kleine, heile Öko-Welt vor der eigenen Haustür ist meist nicht mehr als Dekoration. Doch ein Feucht-Gebiet besonderer Art läßt sich zur Lösung eines wachsenden Umweltproblems nutzen: Wohin mit dem Dreckwasser? Davon produziert - vom Abwasch bis zum Zähneputzen - jeder Bundesbürger täglich mehr als 150 Liter.

Auf ein simples Rezept setzt Reinhold Kickuth, 59, Erfinder eines umweltfreundlichen sogenannten Wurzelraumverfahrens zur Abwasserreinigung. Der Leiter des Ökochemie-Instituts der Gesamthochschule Kassel nimmt es gelassen, wenn er von Behördenvertretern als »Guru« oder »Scharlatan« eingestuft wird: »Meiner Sache bin ich ganz sicher.«

Die Sache, eine Kläranlage nach Kickuth, ist ein gegen den Untergrund abgedichteter, mit Röhricht bepflanzter, zirka 60 Zentimeter dicker Bodenkörper. Das zuvor von groben Bestandteilen gereinigte Abwasser soll horizontal durch das Beet strömen und dort seine

Schmutzfracht abladen (siehe Schaubild unten).

Das Wurzelwerk der Röhricht-Vegetation besorgt, sagt der Professor, den Rest. Denn die Rhizome etwa des Rohrschilfs brächen nicht nur den Boden auf und erleichterten so dem Abwasser den Durchfluß, sondern verfügten mit ihrem Aerenchym, einem luftführenden Gewebe, auch über vorzügliche Reinigungswerkzeuge.

Von der Beetoberfläche transportiere das Gewebe Sauerstoff bis in die entlegensten Verästelungen. Die vielfach verschachtelte Bodenstruktur sei ein ideales Revier für Bodenbakterien aller Art, die sich an der Abwasserfracht fett fressen.

Für die stillen Helfer im Untergrund werden pro »Einwohnergleichwert« (EGW) - soviel Schmutzwasser produziert eine Person pro Tag - lediglich zwei bis sechs Quadratmeter Beetfläche benötigt. Für den Abbau organischer Substanzen hält Kickuth seinen Abwassersumpf für zumindest ebenso tauglich wie herkömmliche kommunale Klärwerke.

Durch Bakterienfraß im Wurzelraum sollen sogar Stickstoffe und Phosphate abgeräumt werden, für die in den meisten Kläranlagen eine spezielle Reinigungsstufe fehlt. Diese Stoffe aber sind vor allem schuld an der Überdüngung von Flüssen, Seen und Meeren und damit auch an Algenpest und Fischsterben.

Kickuths Rezept ist das anspruchsvollste unter mittlerweile einigen Dutzend sogenannten Pflanzenklärverfahren. Seit Jahren versucht ein bunter Haufen von Wissenschaftlern, Ingenieuren und tüftelnden Amateuren, der bislang vorherrschenden »Betonriege« (Szene-Schnack) Konkurrenz zu machen und Abwässer einfach in die Binsen zu leiten.

Die Forscherin Käthe Seidel etwa ersann ein »Krefelder System«. Dabei wird das Dreckwasser in Kaskaden über mehrere Schilf- und Binsenbeete geleitet und vor allem die Nährstoffaufnahme der Gewächse zum Reinigen genutzt. Nachteil: Die Beete von »Binsen-Käthe«, wie die Fachwelt sie nennt, müssen regelmäßig abgeerntet werden, und außerhalb der Vegetationsperiode versinkt die Anlage weitgehend in Winterschlaf.

Der Forchheimer Geologe Gerhard Dafner leitet Abwasser in ein Schilfbeet aus durchlässigem Sand und eliminiert damit auch größere Mengen Phosphat. Nachteil: Hoher Platzbedarf, zehn Quadratmeter je EGW.

Der Berliner dIngenieur Harald Kraft entwarf für den Block 6 der Internationalen Bauausstellung in Berlin eine Anlage, in der das Abwasser nach und nach Pflanzenbeete unterschiedlicher Durchlässigkeit aus Grob- und Feinkies, Grobsand und tonigem Sand durchrinnt.

Zukunft hat die Bio-Klärung vor allem auf dem Lande. Dort und in Streusiedlungen leben die meisten der acht Millionen Bundesbürger, deren Haushalte überhaupt noch nicht an eine öffentliche Kläranlage angeschlossen sind.

Weil den Gemeinden das Geld für ein eigenes Klärwerk oder die Leitung zu einer zentralen Anlage fehlt, rinnt das Abwasser aus Toiletten, Badezimmern und Küchen in Absetzgruben hinterm Haus. Bisweilen fließt es gar ungereinigt mit dem Regenwasser in den nächstbesten _(Vor Block 6 der Internationalen ) _(Bauausstellung (Iba). )

Bach oder Teich - ein Verstoß gegen Umweltgesetze.

Gerade für dünn besiedelte Regionen bieten die Pioniere der neuen Klärtechnik eine Alternative - nahezu wartungsfrei, kaum energieaufwendig und sogar doppelt umweltfreundlich: Mit jedem Klärbeet fällt als Gratiszugabe auch noch ein Schlupfwinkel für Vögel und anderes Getier ab - wenn die Systeme denn nun auch funktionieren.

Doch damit hapert es. Nach Ablauf einer dreijährigen Einfahrphase erwies sich eine Pilotanlage nach dem Kickuth-Verfahren im schleswig-holsteinischen Zarpen als, so der Abwasser-Professor, »absoluter Fehlschlag«. Das Land hatte 1,5 Millionen Mark in den Sand gesetzt.

In der auf 500 EGW ausgelegten Anlage war »Wühlarbeit durch Rhizome nicht nachweisbar«. Das Abwasser floß deshalb nicht horizontal durchs Bett, sondern, dem Weg des geringeren Widerstandes folgend, »zu 99 Prozent« darüber hinweg, wie Raymund Kretzschmar vom Institut für Wasserwirtschaft und Landschaftsökologie der Uni Kiel urteilt.

Ebenfalls drei Jahre nach Inbetriebnahme funktioniert auch eine Pilotanlage auf der hessischen Staatsdomäne Hofgeismar-Beberbeck bei Kassel noch immer nicht. Durch technische Nachbesserungen soll die Anlage nun doch noch zum Laufen gebracht werden.

Für Kickuth sind solche Pannen allenfalls »Managementfehler« der Bauleitung, »keine Systemfehler«. Möglicherweise sei der Beetboden »falsch eingebaut« und zu stark verdichtet worden. Im übrigen sei die Abstimmung von Boden und Bewuchs auf eine möglichst effektive Verweildauer des Abwassers im Beet höchst kompliziert. »Da sind wir«, sagt der Ökochemiker, »immer etwas auf den lieben Gott angewiesen.«

Der Professor kann allerdings, trotz der Rückschläge, auch auf zufriedene Kundschaft verweisen. »Durchaus glücklich« ist beispielsweise Wolfgang Kirstein, Verwaltungschef von Liebenburg am Harz, Standort der ersten Kickuth-Anlage. Seit Mitte der siebziger Jahre wird dort ein ehemaliger Erzschlammteich von 22 Hektar zur Entsorgung per Wurzelraum von mittlerweile 4500 EGW genutzt.

Der Teich war nicht nur viel billiger als ein mechanisch-biologisches Klärwerk gleicher Kapazität. Auch die Reinigungswerte sind sogar »zum Teil besser« (Kirstein) als bei konventionellen Anlagen. Allerdings entspricht das Harzer Modell nicht ganz der reinen Kickuth-Lehre. Ein Teil des Abwassers fließt, nur unvollkommen geklärt, über die Oberfläche des Areals ab.

Selbst ein Industriebetrieb, die Windel Textil GmbH bei Bielefeld, schickt die Hälfte des Abwassers, eine mit vielen Industriechemikalien versetzte Brühe, durch 20 Hektar Wurzelraumterrain; allerdings

ist die Wirksamkeit des Kickuth-Klärfeldes hier nicht unumstritten. Während der Betreiber auf Reinigungsleistungen verweist, die über den von den Behörden verlangten Werten liegen, hält das nordrhein-Westfälische Landesamt für Wasser und Abfall die Resultate noch für »unzureichend«.

Im nordrhein-westfälischen Bünde arbeitet eine Pilotanlage (150 EGW) schon nach gut einem Jahr zufriedenstellend, und in der pfälzischen Gemeinde Obersülzen wurde 1986 statt einer teuren Rohrleitung zum mehrere Kilometer entfernten Klärwerk ein Wurzelbeet für 600 EGW angelegt. »Es funktioniert so«, sagt Verbandsbürgermeister Werner Beyer, »wie man es sich vorgestellt hat.«

In einigen Bundesländern werden schon per Einzelgenehmigung Pflanzenkläranlagen als Alternative zu sogenannten Kleinkläranlagen nach DIN 4261 zugelassen - Beispiel: in Serie gefertigte Dreikammer-Faulgruben mit einem nachgeschalteten Sandfilter.

Auf mehr als 50 EGW ausgelegte Anlagen gelten, weil nicht den »anerkannten Regeln« und dem »Stand der Technik« entsprechend, im allgemeinen als »nicht genehmigungsfähig« - es sei denn, ein konventionelles System, etwa ein Klärteich, ist parallel oder dahinter geschaltet.

Die Abwassertechnische Vereinigung, eine Art TÜV für Schmutzwasser, hat mittlerweile einen Unterausschuß gegründet, der eine Bestandsaufnahme vorhandener Pflanzenkläranlagen und Systeme vornehmen und dann gegebenenfalls ein spezielles »Regelwerk« anfertigen soll.

Trübe Aussichten für Kickuth: Ausgesprochene Klärbeet-Fans sitzen in dem Ausschuß nicht. So bemängelt der Darmstädter Professor H. Johannes Pöpel, daß Pflanzenkläranlagen »auch nach etwa 20 Jahren oftmals hobbyhafter Entwicklung noch nicht generell überzeugen«. Und Klaus Voss, Baudirektor beim schleswig-holsteinischen Landesamt für Wasserhaushalt und Küsten, ist »bis heute keine Anlage bekannt, die den Beweis erbracht hat, daß sie konventionelle mechanisch-biologische Kläranlagen ersetzen könnte«.

Besonders bitter ist für Professor Kickuth, daß nun auch der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) des Wartens auf den großen Durchbruch offenbar überdrüssig ist. Obgleich die Naturschützer bislang auf das Wurzelraumverfahren gesetzt haben, attestierte der Arbeitskreis Wasser des BUND-Landesverbandes Hessen kürzlich: »Nach den bisherigen Erfahrungen stellen Pflanzenkläranlagen, auch das Wurzelraumverfahren nach Kickuth, für kommunale Kläranlagen zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Alternative dar.«

Professor Kickuth ist Beiratsmitglied des BUND.

[Grafiktext]

ENTSORGUNG DURCH WURZELN Klärbecken Einlauf-Schotter Zulauf (z.B.Abwasser von Haushalten) Schilfpflanzen Streuschicht Wurzelkörper (Höhe: 60 Zentimeter) Auslauf-Schotter Ablauf-Steuerung Zeichnung nach prof. Kickuth Vorfluter Ein ökotechnisches Abwasser-Reinigungsverfahren nach Prof. Kickuth (Schematische Darstellung)

[GrafiktextEnde]

Vor Block 6 der Internationalen Bauausstellung (Iba).

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