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MANAGER In Justitias Hand

Was dürfen Konzernführer, und was dürfen sie nicht? Seit sich auch Staatsanwälte für diese Fragen interessieren, herrscht Unruhe in den Chefetagen. Sicher ist schon jetzt: Dem Mannesmann-Prozess werden weitere spektakuläre Verfahren gegen die führenden Vertreter der Deutschland AG folgen.
Von Armin Mahler, Christoph Pauly und Wolfgang Reuter
aus DER SPIEGEL 4/2004

Alles hängt nun von Brigitte Koppenhöfer ab: die Karriere von Josef »Joe« Ackermann, einem der mächtigsten Männer der deutschen Wirtschaft, das Schicksal der Deutschen Bank, ja - glaubt man einigen Kommentatoren und Politikern - sogar die Zukunft des gesamten Wirtschaftsstandortes.

Viel Verantwortung für eine Frau, die kaum einer kennt. Die sich in der Vergangenheit vor allem um jugendliche Straftäter kümmerte und seit drei Jahren an der Spitze der 14. Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts Düsseldorf steht.

Ab Mittwoch dieser Woche sitzt der Richterin Koppenhöfer, 52, Deutsche-Bank-Chef Ackermann, 55, gegenüber, zweimal die Woche und das voraussichtlich viele Monate lang. Er teilt sich die Anklagebank mit weiteren Größen der Deutschland AG, unter anderem mit Klaus Zwickel, dem langjährigen Vorsitzenden der IG Metall, und mit Klaus Esser, dem ehemaligen Chef der Mannesmann AG.

Es geht um die Übernahme der Mannesmann AG durch den britischen Handy-Konzern Vodafone im Jahr 2000, es geht um insgesamt 111 Millionen Mark, die anschließend an führende Manager und Pensionäre des Unternehmens, vor allem an Esser, als Anerkennungsprämien und für Pensionsleistungen geflossen sind. Vor allem aber geht es um die Fragen: Was dürfen Wirtschaftsführer, und was dürfen sie nicht?

Nie zuvor hat es eine Staatsanwaltschaft gewagt, sich so mit der Wirtschaftselite des Landes anzulegen. Schon allein deshalb wird der Mannesmann-Prozess Rechtsgeschichte machen.

Bislang befasste sich die Justiz eher mit Randpersonen des Wirtschaftslebens, mit Hochstaplern und Betrügern wie dem Pleitier Jürgen Schneider oder dem Balsam-Chef Friedel Balsam, die durch fingierte Dokumente Banken um Milliarden brachten - alles Emporkömmlinge, die auf ihrem Weg nach oben die Gesetze brachen.

Schwerer tut sich die Justiz mit den einstigen Helden des Neuen Marktes, den Haffa-Brüdern zum Beispiel, die im Börsenwahn der Jahrtausendwende reich wurden. Nur selten lässt sich beweisen, dass sie den Kurs ihrer Klitschen mit Vorsatz und mit falschen Fakten nach oben trieben, um anschließend eigene Aktien abzustoßen.

Die Angeklagten im Fall Mannesmann sind von anderem Kaliber - allen voran der Schweizer Ackermann: ein hoch angesehener Manager mit Millionengehalt, der beim Kanzler ein und aus geht, der das führende deutsche Geldhaus vertritt, das einzige übrigens, das international überhaupt noch eine Rolle spielt.

Niemand wirft Ackermann vor, sich selbst bereichert zu haben. Er hat - so sieht er es jedenfalls - getan, was er immer tut: Millionen verteilt an Manager, die Milliardenwerte geschaffen haben. Alles ganz legal und international üblich dazu.

Die Staatsanwaltschaft sieht darin jedoch einen Fall der Untreue. Ackermann und die anderen Mitglieder des Ausschusses für Vorstandsangelegenheiten bei Mannesmann hätten das ihm anvertraute Vermögen der Mannesmann AG geschädigt, die Prämien seien ungerechtfertigt und außerdem auf nicht rechtmäßige Weise beschlossen worden. Und das ist, wenn es sich denn beweisen lässt, strafbar.

Seit die Anklage im Fall Mannesmann vorliegt, herrscht Unruhe in den obersten Konzernetagen: Wenn schon dem Chef der Deutschen Bank der Prozess gemacht wird - wer ist dann noch sicher? Werden künftig Staatsanwälte die Rolle des Aufsichtsrats übernehmen und die Arbeit der Vorstände überprüfen? Ganz normales Wirtschaftshandeln werde da kriminalisiert, müssen sich die Staatsanwälte vorwerfen lassen. Ein Neidkomplex gegenüber der gut situierten Wirtschaftselite wird ihnen unterstellt - und böse Absicht: Der Unternehmensberater Roland Berger spricht gar von einem »politischen Prozess«.

Tatsache ist: Die deutschen Staatsanwälte haben ein neues Wirkungsfeld entdeckt, das ihnen reichlich Beschäftigung verspricht. Denn Mannesmann ist zwar der bislang spektakulärste, aber beileibe kein Einzelfall: Quer durch die Republik wird gegen führende Repräsentanten der Deutschland AG ermittelt. Zum Beispiel gegen Friedel Neuber: Der ehemalige Chef der WestLB war einmal einer der Mächtigsten im Land. Er galt als der Pate im Revier, in unzähligen Geschäften zog er die Fäden. Und das wird ihm jetzt zum Verhängnis: Wegen eines umstrittenen Aktiengeschäfts mit dem Baukonzern Holzmann hat die Staatsanwaltschaft Anklage erhoben und plant ein Großverfahren mit namhaften Spitzenmanagern der deutschen Wirtschaft. Und auch die Pleite des Anlagenbauers Babcock Borsig soll juristisch aufgerollt werden. Im Mittelpunkt dieses Krimis steht wiederum Neuber.

Seinem Nachfolger Jürgen Sengera geht es nicht viel besser: Er und fünf weitere Manager der WestLB stehen unter dem Verdacht der Untreue. Die Bank hatte sich in London auf windige Geschäfte eingelassen, die zu Milliardenverlusten führten.

Im Zusammenhang mit der Beinahe-Pleite der Bankgesellschaft Berlin wird gegen mehr als zwei Dutzend Ex-Manager ermittelt - darunter der Ex-Chef des Instituts, Wolfgang Rupf, und sein Vorstandskollege Klaus Landowsky, der einst mächtigste Politiker der Hauptstadt.

Bernd Schneider, einer der renommiertesten Strafverteidiger der Republik, sieht denn auch einen »justizpolitischen Wandel«. Während sich die Ermittler früher »mit den Direktoren aus der dritten Ebene begnügt haben«, sagt er, »picken sie sich heute ganz gezielt die Chefs heraus«.

Oft dauern die Verfahren jahrelang - und binden enorme Kräfte innerhalb der Behörden. Doch der gewaltige Aufwand stört die Strafverfolger offenbar wenig.

Obwohl sich die Ermittlungen im Fall Mannesmann über Jahre hinzogen, wurden sie von Ackermann kaum ernst genommen. »Wenn leistungsgerechte Vergütungen nicht mehr gemacht werden können, ohne dass die Justiz hinschaut, dann wird Deutschland ins Hintertreffen geraten«, wiederholte er immer wieder. Zu lange glaubte Ackermann seinen Beratern, das Verfahren in Düsseldorf werde nie eröffnet. Erst als sich im vergangenen Sommer das Gegenteil abzeichnete, dämmerte ihm, dass seine Karriere und sein guter Ruf in Gefahr sind.

»Das stehen wir durch«, ließ der innere Zirkel der Deutschen Bank trotzig verkünden. Die Bank hat keine andere Wahl: Sie ist von ihrem Chef abhängig. Leute wie der Ex-Aufsichtsratschef Hilmar Kopper oder Aufsichtsrat Ulrich Cartellieri überließen Ackermann die absolute Macht innerhalb der Deutschen Bank, Kritiker und Konkurrenten wie den jetzigen WestLB-Chef Thomas Fischer drängten sie aus dem Haus. Nun steht die Deutsche Bank ohne personelle Alternative da. Kaum war klar, dass der Prozess gegen ihn zu Stande kommen würde, suchte der Bankchef die Nähe zu Bundeskanzler Gerhard Schröder. Plötzlich betonte Ackermann in seinen Reden, »dass Deutschland die Deutsche Bank und die Deutsche Bank Deutschland« brauche.

Höhepunkt der Charmeoffensive war das Engagement, das Ackermann plötzlich für die Förderung des Finanzplatzes Deutschland ergriff. Viele Jahre hatte die Deutsche Bank immer mehr Abteilungen nach London verlagert und damit den britischen Standort unterstützt.

Schröder findet den Schweizer mit dem Robert-Redford-Lächeln durchaus sympathisch. Vor kurzem schrieb er dem chinesischen Premier einen Brief mit der Bitte, die Deutsche Bank doch bei Börsengängen staatlicher Unternehmen zu berücksichtigen. Der Politiker hofft, dass die Deutsche Bank sich mit anderen deutschen Großbanken zusammentut.

Ansonsten achtet der Bundeskanzler auf Distanz. Auch Wolfgang Clement, damals Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen, sah sich zu einer Hilfestellung außer Stande, als ihn der Unternehmensberater Berger aufsuchte, um ein gutes Wort für Ackermann einzulegen.

Jahrzehntelang galt die Führungselite der Deutschland AG als sakrosankt, nun steht sie plötzlich schutzlos da. Diese Erfahrung muss ausgerechnet auch Friedel Neuber machen, der in seiner aktiven Zeit wie kein anderer den Filz zwischen Wirtschaft und Politik verkörperte. Seine Geschäfte und Kungeleien werden jetzt erbarmungslos von der Justiz durchleuchtet. Im ersten Fall ist bereits Anklage erhoben.

1994 übernahm die WestLB fünf Prozent der Holzmann-Aktien und erlitt binnen kurzer Zeit einen Kursverlust von rund hundert Millionen Mark. Den aber ließen sich Neuber und Co. von Holzmann zurückerstatten - indem sie dem Baukonzern Scheinrechnungen über angebliche Beratungsleistungen schickten, die das Holzmann-Management anstandslos bezahlte.

Der Hintergrund, so versichern die Betroffenen, ist völlig harmlos: Der damalige Holzmann-Chef Lothar Mayer habe seinen Jagdfreund Neuber um Hilfe gebeten. Denn Hochtief, die damalige Nummer zwei in der Baubranche, wollte seinen Erzkonkurrenten aus Frankfurt übernehmen.

Mayer wehrte sich und vereinbarte mit Neuber, dass die WestLB ein Aktienpaket an Holzmann erwirbt - der Traditionskonzern die Bank im Gegenzug jedoch von allen Verlustrisiken freistellt. Per Handschlag wurde der Deal besiegelt.

Die Staatsanwaltschaft Frankfurt sieht darin einen Straftatbestand. Sollte die Anklage zugelassen werden, erlebt die Republik ein weiteres Prozess-Spektakel, bei dem sich Spitzenkräfte der deutschen Industrie ein Stelldichein geben.

Denn neben Neuber sind auch dessen Ex-Kollegen Christoph von Röhl, der Mitte der neunziger Jahre das Beteiligungsgeschäft der WestLB mit leitete, und Ralf Josten angeklagt. Röhl ist heute Vorstand der Falke Bank, Josten noch immer in Diensten der WestLB. Die drei werden, wie auch zwei Wirtschaftsprüfer von PriceWaterhouseCoopers, der Beihilfe zur Untreue beschuldigt.

Für die Untreue selbst - also die Überweisung des Geldes - müssen sich Ex-Holzmann-Chef Lothar Mayer sowie seine Vorstandskollegen Lothar Freitag, Dieter Rappert, Michael Westphal und Gerhard Lögters verantworten. Als prominenteste der insgesamt 76 Zeugen will die Staatsanwaltschaft den Ex-Chef der Deutschen Bank, Hilmar Kopper, laden sowie den Ex-Vorstand des Instituts, Carl-Ludwig von Boehm-Bezing, gegen den im Fall Holzmann ein weiteres Ermittlungsverfahren läuft - wegen Betrugs zum Nachteil der Bundesrepublik Deutschland. Aber auch Hochtief-Chef Hans-Peter Keitel, Ex-Mannesmann-Chef und Holzmann-Aufseher Klaus Esser sowie der Ex-RWE-Chef Friedhelm Gieske sollen aussagen.

Noch größer aber dürfte das Spektakel werden, wenn es im Fall Babcock zu einem Prozess kommt. Seit Monaten wird ermittelt, Geschäftsräume der WestLB sowie der TUI AG wurden ebenso durchsucht wie Neubers Büros - mit Erfolg, wie die Staatsanwaltschaft versichert.

TUI-Chef Michael Frenzel, Aufsichtsratschef der Bahn und einer der einflussreichsten Bosse des Landes, sowie Ex-Babcock-Aufsichtsratschef Neuber werden der Beihilfe zur Insolvenzverschleppung des Anlagenbauers beschuldigt. Babcock gehörte zum Preussag-Konzern, den Frenzel zum Reiseanbieter TUI umbaute. Auch um Untreue geht es wieder: Die Manager sollen Gelder von der HDW-Werft zum Babcock-Konzern umgeleitet haben. Beide beteuern ihre Unschuld.

Doch Untreue ist ein schwammiger Tatbestand. Niemand kann sagen, wie die Prozesse am Ende ausgehen. Werden sie dem Ansehen Deutschlands schaden - oder eher nutzen, den Wirtschaftsstandort schwächen - oder eher stärken?

Viel hängt jetzt von Brigitte Koppenhöfer ab. Rechtssicherheit ist ein wichtiger Standortfaktor. Und dazu gehört, dass mächtige Unternehmensführer von der Justiz genau so behandelt werden wie kleine Angestellte.

Nicht besser - aber auch nicht schlechter.

ARMIN MAHLER, CHRISTOPH PAULY,

WOLFGANG REUTER

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