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GEMÜSE In staatlichen Papierkörben

aus DER SPIEGEL 27/1950

Gewerkschaftssekretär Richard Boljahn vom DGB-Ortsausschuß Bremen packte der Zorn, als er im Gemüseladen am Hauptbahnhof für ein Pfund Tomaten 1,30 DM bezahlen sollte: »Die haben 1938 höchstens 40 Pfennig gekostet.« Er verzichtete auf Tomaten und aß sein Brot trocken. Dafür sollen jetzt die Frankfurter Importberater vom IAC (Import Advisory Committee) büßen.

Denen schreibt Boljahn die Schuld an dem »wahnwitzigen Einfuhrsystem und den hohen Preisen für italienisches Obst und Gemüse« zu. In zäher Kleinarbeit sammelt er handfeste Unterlagen gegen den aus Vertretern alliierter und deutscher Behörden bestehenden Ausschuß. »Wenn die in Frankfurt mit ihrem Importverfahren nicht klarkommen, geht das uns nichts an. Wenn sie aber gewissenlos den Mittagstisch des Arbeiters verteuern, werden wir massiv«, klärt Boljahn auf.

Solange die IAC-Männer amtieren, haben sie an den Einfuhrverfahren geändert und herumgebastelt. Mit Ausdauer.

Bei Ueberzeichnungen der öffentlich ausgeschriebenen Gelder für Importe werden die beantragten Mengen in entsprechendem Verhältnis gekürzt. Seit langem ergab die Praxis in der Regel katastrophale Ueberzeichnungen der freigegebenen Summen. Wegen zu geringer Ausschreibungen und hemmungsloser Gewerbefreiheit.

Um aus dem Ueberzeichnungs-Elend herauszukommen, brüteten die IAC-Männer eine Unzahl von Methoden aus, die einander in schneller Folge ablösten. Alle haben sich als wirtschaftsschädigende Pleiten erwiesen.

Die Misere begann im Mai. IAC hatte die 1,5 Millionen Dollar Restdevisen aus dem ablaufenden deutsch-italienischen Handelsvertrag (1. 7. 1949 bis 30. 6. 1950) ausgeschrieben. Für Citrusfrüchte. Die waren knapp. 9000 »Importeure« stellten, Einfuhranträge. Dabei gibt es höchstens 700 echte Italienimporteure im Westen.

Dr. Jopp, Geschäftsführer im Fachverband der Obst- und Gemüseimporteure, erklärt die Differenz so: »In Voraussicht einer Riesenüberzeichnung und entsprechender Repartierung stellt ein Importeur nicht einen, sondern 30 Anträge. Allerdings unter anderen Namen.«

Ahnungsvoll hatten Frankfurts Import-Experten rechtzeitig verfügt, daß sich nur handelsgerichtlich eingetragene Firmen beteiligen dürfen. Umsonst. Noch nie erlebten Deutschlands Handelsregister eine solche Schwemme neuer Firmen. Es wurde in zwei Schichten gearbeitet.

Eingeweihte wußten: Importeure ließen unter den Namen ihrer Buchhalter, Kraftfahrer und Sekretärinnen bis hinunter zur Reinemachefrau neue Firmen eintragen.

»Kaum eine Großmutter eines Importeurs, die nicht eine eigene Firma hat«, formuliert Dr. Jopp. »Das ist keine Geldgier, sondern nackter Zwang für den Importeur.«

Alle guten Vorsätze der IAC-Männer erstickten unter dem Berg der Anträge. Nach Repartierung wären für die Importeure je zwei, drei Tüten Zitronen bzw. Apfelsinen übriggeblieben. Die Ausschreibung wurde zurückgezogen 9000 Anträge endeten in staatlichen Papierkörben.

Eilig wurde für die Neuausschreibung im Vorgriff auf den neuen deutsch-italienischen Handelsvertrag eine weitere Dollar-Million zusammengerafft. Um den Beteiligungseifer einzudämmen, wurde das neueste Verfahren geboren: Als Einfuhrgebühr müssen zusammen mit dem Antrag vom Importeur 2 Promille der beantragten Summe entrichtet werden. Gleichgültig, wieviel Dollar später nach Repartierung dem Importeur zugeteilt werden.

Das traurige Ergebnis zeigte sich 14 Tage später: Statt der ausgeschriebenen 2,5 Millionen Dollar wurden insgesamt 782,225 Millionen Dollar beantragt, Trotz der vorauszuzahlenden Einfuhrgebühr. Nach Repartierung erhielt jeder Importeur eine Quote von 0.31963 Prozent der beantragten Summe.

Wer für dieses Importgeschäft die höchstzulässigen 500000 Dollar beantragte, muß sich jetzt mit 1598 Dollar zufriedengeben. Da die Einfuhrgebühr in diesem Fall glatte 1000 Dollar beträgt, aber nur Ware für 1598 Dollar importiert wird, ergibt sich durch die Gebühr eine Verteuerung der Ware um 62,6 Prozent.

Das ist kein Einzelfall. Die Ausschreibungsergebnisse der Frankfurter Importbüros machen auch dem Laien klar, warum ausländisches Obst und Gemüse auf den deutschen Märkter oft sündhaft teuer ist. Richard Boljahn hat die Ergebnisse einiger Ausschreibungen für sein öffentliches Aufklärungsprojekt vornotiert:

* IAC-Nr. 8123 - Tomatenprodukte. Ausschreibungssumme 675000 Dollar, gezeichnet 24003000 Dollar. - Quote 2,812 Prozent, davon 2 Promille = 48006 Dollar.

* IAC-Nr. 8124 - Trockenfrüchte und Schalenobst. Ausschreibungssumme 1400000 Dollar, gezeichnet 136654000 Dollar. - Quote 1.0244 Prozent, davon 2 Promille = 273308 Dollar.

* IAC-Nr. 8125 - Obsterzeugnisse Italien. Ausschreibungssumme 500000 Dollar, gezeichnet 12045000 Dollar. - Quote 4,151 Prozent, davon 2 Promille = 24090 Dollar.

»In rücksichtsloser Härte« will Boljahn öffentlich die Frage stellen, mit welchem Recht diese letztlich vom Verbraucher zu zahlende Einfuhrgebühren »auf Nimmerwiedersehen« in Fritz Schäffers Bundessack verschwinden.

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