Indien vs. China Aufholjagd des Elefanten

Höhere Investitionen, mehr Wirtschaftsleistung, ein regerer Handel: Im Wettlauf der Giganten Indien und China liegen bisher die Chinesen vorn. Doch Indien holt auf – und könnte den Rivalen bereits in 15 Jahren ökonomisch übertrumpfen.

Von Olaf Ihlau


Zwei von fünf Menschen auf diesem Planeten sind entweder Chinese oder Inder. Beim Kampf um die Welt von morgen wird sich das globale Machtgefüge bis zur Mitte dieses Jahrhunderts grundlegend verändern. Mit der Schwächung amerikanischer Vorherrschaft steht Asien im Zentrum des Ringens um Energieressourcen, Jobs und Marktanteile.

Würden China und Indien, die beiden Milliardenvölker, zu einem strategischen Pakt finden, läge die übrige Menschheit ihnen zwangsläufig zu Füßen. Denn in der idealen Kombination von Fabrik und Entwicklungslabor der Welt wären Asiens wichtigste Boomstaaten unschlagbar, wirtschaftlich wie militärisch.

Doch dass es zu einem Zusammenwirken, gar einem Kondominium dieser Giganten kommt, ist eher unwahrscheinlich. China und Indien sehen einander als Rivalen an, als Konkurrenten um Weltmarktanteile wie Rohstoffe. Und der Rest der Menschheit dürfte alles dafür tun, damit dies auch so bleibt.

Im Wettlauf der beiden bevölkerungsreichsten Länder der Erde mit ihren 2,5 Milliarden Konsumenten liegt der chinesische Drache derzeit noch weit vor dem indischen Elefanten. Chinas Bruttosozialprodukt ist doppelt so groß wie das von Indien, die Volksrepublik zieht zehnmal so viele Auslandsinvestitionen an, und allein ihr jährlicher Handelszuwachs entspricht im Volumen dem des gesamten indischen Außenhandels.

Aber der Elefant holt auf, mit schwerem Tritt. Dank eines forcierten Reformkurses und einer günstigen Demographie wird Indien nach der Prognose zahlreicher Ökonomen in den kommenden fünfzehn Jahren die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft der Welt sein, dabei erstmals China übertrumpfen.

Indien bleibt länger jung

Das Durchschnittsalter in China liegt heute bei dreiunddreißig, das in Indien bei fünfundzwanzig Jahren. Die von der Kommunistischen Partei zum Abbremsen der Bevölkerungsexplosion seit den achtziger Jahren verordnete Ein-Kind-Politik hat den volkreichsten Staat der Erde allerdings in eine demographische Falle manövriert.

Das veranlasste Ökonomen zu der Warnung: "China veraltet, bevor es reich wird." Der Rivale Indien, auf nur einem Drittel der Fläche Chinas, wächst dagegen mit einer Geburtenrate von 1,6 Prozent doppelt so schnell. Hier wird der Elefant in spätestens einem Vierteljahrhundert am Drachen vorbeispurten. Indien bleibt jünger bis weit in die Mitte des 21. Jahrhunderts. Allerdings bedeutet Bevölkerungszuwachs nicht unbedingt einen Gewinn an Macht.

Indiens Städte haben bislang kaum ihr Gesicht verändert, Chinas Metropolen prunken mit Silhouetten von Wolkenkratzern. Motor des Booms im Land der Mitte ist die industrielle Massenfertigung, auf dem Subkontinent der Dienstleistungssektor. Aber Indiens Steuermann Manmohan Singh gab unterdessen die Order aus, "das chinesische Modell nachzuahmen". Der Zuwachs an arbeitsintensiven Stellen in der Industrie, die in Indien nur ein Viertel der Wirtschaftsleistung erbringt, in China dagegen 53 Prozent, soll in den kommenden Jahren Vorrang haben.

Er dürfte darüber entscheiden, wie der Wettbewerb zwischen Asiens Großen ausgeht. "Indien könnte die Welt ähnlich verändern wie China", glaubt Ratan Tata, Vorsitzender des Tatas-Konzerns, "aber dazu müssen wir ein paar Gänge hoch schalten." Gelänge es den Indern, den roten Söhnen des Himmels als Fertigungsstandort auch mit billigen Industriegütern Paroli zu bieten, dann entstünde für die übermächtige Volksrepublik eine Bedrohung, wie sie die angeschlagenen Tigerstaaten Südostasiens 1997 plötzlich durch den Billiglohnkonkurrenten China zu spüren bekamen.

Insgesamt dürfte Indien in seinem wirtschaftlichen Fortkommen derzeit noch zehn Jahre hinter China zurückliegen. Der Aufholprozess beschleunigt sich indes rapide, und in einigen wichtigen Sektoren vergrößern die Inder ihrerseits den Vorsprung. Nach einer Studie des McKinsey Global Institute wird zum Beispiel Indiens Pool an hoch qualifizierten Universitätsabsolventen schon 2008 zweimal so groß wie der Chinas sein.

Die Führung spürt, dass sie mehr tun muss für die Massen

Mit Blick auf die Tendenzen des weltweiten Wandels, die das 21. Jahrhundert prägen dürften, fragte sich der britische Historiker Paul Kennedy vor rund fünfzehn Jahren, "ob Indien oder China die Belastung aushalten, auf globalem Niveau konkurrenzfähige Hightech- Enklaven mitten unter Hunderten von Millionen verelendeten Landsleuten aufzubauen".

Eine verbesserte Technologie habe angeblich einen Trickle-Down-Effect. Aber funktioniere das auch, argwöhnte Kennedy, "wenn die Zahl der Hochausgebildeten in Relation zu den Ungelernten in der Bevölkerung so enorm niedrig ist"? Bislang sind beide Länder mit diesen Herausforderungen fertig geworden, obwohl die sozialen Spannungen um die Wohlstands-Cluster herum zwangsläufig zunehmen, weil die Spaltung der Gesellschaft in Gewinner und Verlierer grell sichtbar wird.

Die politische Führung in Delhi wie die KP-Spitze in Peking spüren, dass sie mehr tun müssen für die verarmten Massen auf dem Lande – 800 Millionen in China, gut 600 Millionen in Indien. Manmohan Singhs Regierung hat deshalb erstmals eine Art Arbeitslosengeld für die ländlichen Gebiete eingeführt. Der National Rural Employment Guarantee Act sichert jedem Bauernhaushalt mit ungelernten Arbeitskräften eine Beschäftigung von hundert Tagen jährlich zum gesetzlichen Mindestlohn zu, das sind pro Tag rund 60 Rupien.

Von dieser Regelung könnten 200 Millionen profitieren, die derzeit ohne Jobs sind. Auch China sucht die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich zu verringern. Der Volkskongress beschloss, die Abgabenlast der Bauern zu senken und den Aufbau eines Sozialversicherungssystems in den Städten voranzutreiben.

Das staatsgetriebene Reich der Mitte plagen indes noch schwerwiegendere Sorgen. China wurde immer zentralistisch und autoritär regiert, hatte nie eine demokratische Tradition. Aber irgendwann wird die Einparteiendiktatur, die Zehntausende wegsperrt, weil sie politische oder religiöse Freiheiten anmahnen, sich öffnen und auf einen Kurs einschwenken müssen, der Stabilität sichert ohne den Gebrauch von Gewalt. Zwar ist China ethnisch wesentlich homogener als das pluralistische Indien, es besitzt jedoch noch keinerlei institutionellen Rahmen, um Widerspruch und abweichende Meinungen zu integrieren.

Die Angst der roten Mandarine

Wie lange lässt sich etwa die subversive Wirkung des Internets kontrollieren? Wie lange die Verweigerung von Medienfreiheit, Menschenrechten und eines unabhängigen Rechtssystems durchhalten? Den roten Mandarinen ist schon die für den internationalen Wettbewerb notwendige Förderung von Englischkursen auf breiter Front ein Graus, weil sie befürchten, mit den Lehrern und Textbüchern werde auch gefährliches Gedankengut aus dem Westen eingeschleust.

Trotz aller blendenden Wirtschaftsdaten beschäftigt die Angst vor politischem Chaos und dem Zusammenbrechen der Zentralgewalt unter den Protesten unzufriedener Bürger Chinas heutige Führergeneration um Präsident Hu Jintao, und das nicht nur im Rückblick auf die blutige Unterdrückung der Studentendemonstrationen auf dem Tiananmen- Platz vom Frühsommer 1989. Denn inzwischen äußert sich der Unmut der Basis über die sozialen Verwerfungen auch in den Provinzen zunehmend in Zwischenfällen. Der Übergang zu Vorformen von Demokratie könnte traumatisch verlaufen, nur schwer kontrollierbare Eruptionen auslösen und letztlich gar jene Auguren bestätigen, die China den politischen Kollaps voraussagen.

Indien steht da anders da. Es hat als Demokratie mit Meinungsfreiheit, Gewaltenteilung und einem funktionierenden Rechtssystem die größere Strahlkraft. Zwar ist diese offene Gesellschaft schwerfälliger beim Herbeiführen weit reichender Beschlüsse und Investitionsentscheidungen, weil sie Rücksicht nehmen muss auf unterschiedliche Interessen und Akteure. Das kostet Nerven und viel Zeit. Indien wirkt stets unruhig und lärmend an der Oberfläche, doch sein demokratisches System scheint in sich gefestigt. Demgegenüber präsentiert sich China nach außen wie ein unerschütterlicher Monolith, aber in seinem Innern rumort es gefährlich.

Anders als China hofiert Indien nicht korrupte Regime

Wenn nach Adam Smith der Erfolg einer Wirtschaft daran zu messen ist, welche Freiheiten sie dem Einzelnen ermöglicht, dann schneidet Indien im Vergleich mit China in vielem besser ab. Zwar hat auch Delhi, so lautet der Vorwurf des Nobelpreisträgers Amartya Sen in einem SPIEGEL-Interview, skandalös "dabei versagt, Armut und Chancenungleichheit zu überwinden". Aber wer sich Wahlen stellen müsse, könne sich eine große soziale Katastrophe eben nicht leisten.

Als Beispiel für extreme Fehlentwicklungen in einer Autokratie weist Sen auf den Wahnwitz der maoistischen Zwangskollektivierung im "Großen Sprung nach vorn", der dreißig Millionen Menschen das Leben kostete: "Hätte es in China in den Jahren 1958 bis 1961 eine freie Presse gegeben, wäre es nicht zu dieser schlimmsten aller Hungertragödien gekommen." Die KP-Führung habe weder unter dem Druck von Oppositionsparteien noch der Medien gestanden und lange gebraucht bis zu einer Kurskorrektur.

Die Bedeutung demokratischer Elemente wurde später vom dem Großen Vorsitzenden Mao Tse-tung sogar erkannt, freilich in einer auf deren informationsspezifische Funktionen begrenzten Bekehrung 1962 mit der Feststellung: "Ohne Demokratie weiß man nicht, was unten geschieht, man ist nicht in der Lage, Meinungen von allen Seiten einzuholen." Vorbild einer funktionierenden Demokratie ist für Amartya Sen der indische Bundesstaat Kerala, der trotz häufiger Regierungswechsel eine höhere Alphabetenquote und Lebenserwartung hat als China.

Schon bald dürfte Indien über einen nuklearen Schirm der Raketenabwehr verfügen, der dieser Weltmacht im Werden mehr Selbstvertrauen und Gelassenheit im Umgang auch mit dem schwierigen Nachbarn China gestattet. Gleichwohl werden die bilateralen Beziehungen weiterhin geprägt bleiben von Konkurrenzdenken, dies besonders bei der Sicherung von Energiequellen.

Anders als China hat sich Indien im Atomdisput mit Iran politisch an die Seite der Vereinigten Staaten gestellt, obwohl es damit bedeutsame Energieprojekte mit Teheran gefährdet, darunter den Bau einer 2600 Kilometer langen Gaspipeline in den Norden des Subkontinents. Und ebenfalls anders als das rohstoffhungrige China hofiert Indien nicht korrupte oder international geächtete Regime in Afrika, liefert auch keine Waffen in Spannungsgebiete.

"Ein Land zum Anfreunden ist China nicht"

Es gibt einander überlappende Interessenszonen der beiden Giganten im Süden Asiens. Delhi registriert die Verstärkung der chinesischen Präsenz rund um den Indischen Ozean, den es als sein Hausmeer betrachtet, mit einer Intensivierung von Pekings Beziehungen zu Bangladesch, Myanmar (dem früheren Burma), Sri Lanka, zu Iran und dem Allwetter-Partner Pakistan. Im strategischen Gegenzug verdichten sich die politischen und militärischen Kontakte der Inder zu Vietnam und Japan, zwei Erzfeinden Chinas.

Die fortdauernde Rivalität stört indes nicht das Gedeihen der wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Die Werkbank der Welt und Wirtschaftssupermacht hat für den Absatz ihrer Massenwaren auch Indiens kaufkräftige Mittelschicht im Visier, längst ist China nach den USA zum zweitgrößten Handelspartner Indiens aufgerückt und im stürmischen Aufwind auf dem Sprung zur Spitze. Das Entwicklungslabor der Welt antwortet mit einer Ausweitung der Kooperation im IT-Sektor.

"Wer nicht mitzieht, geht unter", hat Infosys-Vormann Narayana Murthy die Parole ausgegeben, China nicht nur als Rivalen anzusehen, sondern auch als Chance für Investitionen: "Der Markt ist groß, es gibt viele talentierte Menschen dort."

Dagegen überwiegt bei Azim Premji, mit Wipro in Peking und Shanghai präsent, ein Grundgefühl der Skepsis. "Wir sind nach wie vor nervös wegen China, wirtschaftlich wie militärisch", sinniert Indiens anderer IT-Tycoon. Natürlich brauche man engere Beziehungen und den rasch wachsenden Handel, "aber ein Land zum Anfreunden ist China nicht".



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