Indirekte Kritik an EZB Schröder besorgt über hohen Euro-Kurs

Der Tonfall bleibt diplomatisch, doch trotz aller Höflichkeit klingt Ärger durch: Bundeskanzler Schröder hat die Notenbank EZB indirekt aufgefordert, gegen die Euro-Stärke zu intervenieren. Damit revanchiert er sich für einen ebenso indirekten Rüffel durch EZB-Chef Duisenberg.


Gerhard Schröder hat es verstanden: Wenn der Euro-Kurs hoch ist, leiden die Exporteure
EPA/DPA

Gerhard Schröder hat es verstanden: Wenn der Euro-Kurs hoch ist, leiden die Exporteure



Berlin - Zinspolitik ist ein schwieriges Feld, das weiß der Kanzler. Wer allzu offensiv in die Kompetenzfelder der eigentlich unabhängigen Notenbanker hineinredet - der steht schnell als hemmungsloser Interventionist da. So wie einst Finanzminister Oskar Lafontaine, der der Bundesbank auch gerne mal erklärte, wie so eine Volkswirtschaft eigentlich funktioniert.

So beließ es der Kanzler denn auch beim Interviewtermin am Donnerstag, kurz nach der letzten Sitzung des EZB-Rats, bei Indirektheiten und Andeutungen. Den Redakteuren der "Financial Times" diktierte er: "Ich gehe davon aus, dass die klugen Menschen in der Europäischen Zentralbank jeden Tag diskutieren, ob sie im Rahmen des Dollar-Euro-Wechselkurses genug tun, um die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Exporte zu erhalten".

"Die Schlagzeile hatte ziemliche Auswirkungen"

Der EZB-Rat wird schon verstehen, wie das gemeint war: Schröder ist offensichtlich unzufrieden damit, dass die Notenbanker ihren Leitzins bei 2,0 Prozent belassen haben. Die britische Notenbank hingegen hatte - auch aus Sorge über den starken Kurs des Pfundes und das schwache Wachstum - am selben Tag eine Zinssenkung auf 3,5 Prozentpunkte beschlossen, das niedrigste Niveau seit 1955.

Schröder spielte wahrscheinlich auch darauf an, dass die EZB seit zwei Jahren nicht mehr an den Devisenmärkten interveniert hat. Aus seiner Sicht ist offenbar der Zeitpunkt gekommen, um von dieser Linie abzurücken. Der derzeitige Euro-Kurs jedenfalls bremse das Wachstum der Wirtschaft.

Wim spielt den Ball zurück

Eines ist dem Kanzler gelungen: Der Euro gab auf Grund des Interviews in Fernost rund einen halben Cent nach. Scheinbar haben aber nicht alle Devisenhändler sich die Mühe gemacht, den ganzen Interviewtext zu lesen. "Die Schlagzeile hatte ziemliche Auswirkungen, aber wenn man die Geschichte liest, hat Schröder die EZB nicht direkt zu einer Devisenintervention aufgefordert", fiel Tohru Sasaki von JP Morgan Chase nach der Lektüre auf. Ein Regierungssprecher jedenfalls wollte sich auf Anfrage nicht dazu äußern, ob die Interpretation der "FT" richtig sei, Schröder habe die EZB indirekt zu einer Intervention gedrängt.

Auf eine ähnlich subtil-indirekte Art hatte am Vortag Wim Duisenberg, Chef der EZB, Kritik an der Politik geübt - natürlich ohne Namen zu nennen. Von den europäischen Regierungen forderte der EZB-Chef Strukturreformen und eine zuverlässige Haushaltspolitik, die im Einklang mit dem Euro-Stabilitätspakt stehe. Damit könne das Vertrauen von Verbrauchern und Investoren gestärkt werden. Duisenberg betonte also, nun sei es an der Politik - und mithin auch an Schröder - für Wachstumsimpulse zu sorgen. Er unterstrich, dass die EZB nur beauftragt sei, die Inflation im Zaum zu halten.

In gewisser Hinsicht ist die Debatte ein Sturm im Wasserglas. Der Euro nämlich notiert mittlerweile wieder deutlich unter 1,14 Dollar - und damit klar unter seinem Allzeithoch von mehr als 1,19 Dollar, das er im Mai erreicht hatte. Angesichts von Hoffnungen auf eine Belebung der US-Konjunktur hat der Euro seither kontinuierlich an Wert verloren.

Auch dass Investoren zuletzt verstärkt Euro-Anleihen abstießen, um US-Aktien zu kaufen, trug zum Wertverfall des Euro bei. Wenn sich die Hausse an den US-Börsen nach der momentanen Verschnaufpause fortsetzen sollte - dann könnte sich das Problem der Euro-Stärke bald ganz von allein lösen.



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.