Indisches Billigauto Tata gibt neues Nano-Werk aus Angst vor Gewalt auf

Die Fabrik, in der das billigste Auto der Welt gebaut werden sollte, ist fast fertig - doch aus Angst vor Gewalt will der indische Konzern Tata sein Modell Nano nun doch woanders bauen. Die 350 Millionen Dollar Investitionen schreibt Konzernchef Ratan Tata einfach ab.

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Hamburg - Wochenlang verhandelten die Manager des indischen Konzerns Tata mit Politikern in dem ostindischen Bundesstaat Westbengalen - vergeblich. Am Freitag sagte Konzernchef Ratan Tata, einer der reichsten Männer des Landes, das neu gebaute Werk in dem Ort Singur werde nicht in Betrieb genommen. Grund für diese Entscheidung sei, dass er seine Angestellten vor gewalttätigen Protesten der Bauern schützen wolle.

Die Fertigstellung des Autowerks in Singur war in den vergangenen Wochen zum Erliegen gekommen, weil die Protestierenden die Bauarbeiten behindert hatten. Schon Anfang September war klar, dass eine Markteinführung des Tata Nano, dem billigsten Auto der Welt, in diesem Oktober nicht mehr gelingen würde. Tata Motors Chart zeigen hat bereits rund 350 Millionen Dollar in den Standort investiert.

Die Bauern protestierten, weil sie sich für das von Tata in Anspruch genommene Industriegebiet für das Werk nicht ausreichend entschädigt fühlten. Es ging um rund 400 Hektar Land, mindestens 160 Hektar forderten die Landwirte zurück. Unterstützt wurden sie von der linken Regionalpartei Trinamool Congress, die immer wieder zu Protesten aufrief. Dabei wurden Mitarbeiter von Tata verprügelt. Aus Unternehmenskreisen hieß es auch, man ärgere sich über die Bürokratie in dem Bundesstaat.

Als Tata erstmal mit einer Aufgabe des Standorts drohte und ganz Indien den Tata Nano, das so etwas wie ein nationales Prestigeprojekt ist, gefährdet sah, bemühte sich auch diese Partei um einen Verbleib Tatas in Westbengalen. Zudem setzten sich prominente Politiker, Sportler und Filmstars für den Standort Singur ein. Westbengalen gilt als ein armer Bundesstaat, das Autowerk hätte die Region wirtschaftlich gestärkt.

Doch all die Bemühungen nützten nichts: Ratan Tata, sagte eine Konzernsprecherin, habe am Freitag den Regierungschef von Westbengalen sowie den Industrieminister des Bundesstaates getroffen, um ihnen seine Entscheidung mitzuteilen. Er habe sie angesichts der immer noch anhaltenden Gewalt und der feindseligen Haltung vieler Menschen in Singur gegenüber Tata und den Tata-Mitarbeitern getroffen, sagte die Sprecherin.

"Man kann keine Fabrik unter Polizeischutz betreiben. Man kann keine Fabrik betreiben, wenn Bomben geworfen werden. Man kann keine Fabrik betreiben, wenn die Arbeiter eingeschüchtert werden", zitieren indische Zeitungen den Milliardär.

Zwei Jahre lang habe Tata an dem Werk gebaut - es sei fast so weit gewesen, dass es die Autoproduktion hätte aufnehmen können, erklärte die Sprecherin weiter. Entsprechend sei Tata die Entscheidung nicht leicht gefallen.

Tata suche nun nach einem neuen Standort, um den Nano zu bauen, hieß es aus Kreisen des Konzerns. Bislang sei aber noch keine Entscheidung getroffen worden. Dies solle in den kommenden Tagen geschehen. Man hoffe, den Preis für das Auto, das knapp über 100.000 Rupien - umgerechnet etwa 1700 Euro - kosten soll, halten zu können.

Unklar sei nun auch der Termin für die Markteinführung des Modells, auf das die indische Mittelschicht sehnsüchtig wartet. Tata rechnet mit einem überwältigenden Erfolg für das Auto, das sich breite Massen in Indien, aber auch in anderen Ländern, leisten können - einem so großen Erfolg, dass Tata die Millionen-Investitionen in Singur einfach abschreibt.

Hintergrund: Tata Nano
Technische Daten
AFP
Der Nano wird mit einem 33 PS starken 623-Kubikzentimeter-Zweizylindermotor angetrieben, der im Heck untergebracht ist. Die dreitürige Basisversion ist 3,10 Meter lang, 1,50 Meter breit und 1,60 Meter hoch. In Europa soll der Wagen ein Dreizylinder-Aggregat erhalten.
Preis
Mit rund 1700 Euro kostet der Nano die Hälfte des bislang weltweit billigsten Modells. Der QQ3 des chinesischen Herstellers Chery wird bei den Autohändlern in der Volksrepublik für rund 3400 Euro angeboten. Der Nano soll im März 2009 in den Verkaufsräumen der indischen Händler stehen. Experten erwarten, dass der Viersitzer weltweit in vielen Schwellenländern Käufer finden wird. In Europa wird es das Fahrzeug vermutlich ab 2012 geben - für rund 5000 Euro.
Sicherheit
Der Nano hat eine Metallkarosserie und serienmäßig Sicherheitsvorkehrungen wie Knautschzone, verstärkte Türen und Sicherheitsgurte. Er erfüllt nach Herstellerangaben die indischen Sicherheitsstandards. Die Europa-Version erhält Airbags und ein NCAP-Crashtest-Rating.
Umweltschutz
Durch die Verarbeitung von Kunststoffen ist das Auto leicht und verbraucht weniger als vier Liter Benzin auf 100 Kilometer. Das entspräche CO2-Emissionen von 94,8 g/km. Umweltschützer befürchten aber, dass durch hohe Verkaufszahlen der sparsame Verbrauch relativiert wird. Dem Chef des Weltklimarats, Rajendra Pachauri, bereitet der Kleinwagen nach eigenen Worten "Alpträume".



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akademik 11.01.2008
1.
Zitat von sysopFür viele Asiaten ist es ein Traum, der Chef des Weltklimarats spricht von einem Alptraum: Das indische Billigauto Tata Nano wird, den CO2-Ausstoß Indiens erhöhen. Wird der Kleinwagen zum Desaster für den Klimaschutz?
Was ich an dem Auto nicht verstehe ist, dass es bei einem 33-PS-Motor glatte 5 Liter verbraucht und das bei dem leichten Gewicht.
Moewi 11.01.2008
2.
Zitat von sysopFür viele Asiaten ist es ein Traum, der Chef des Weltklimarats spricht von einem Alptraum: Das indische Billigauto Tata Nano wird, den CO2-Ausstoß Indiens erhöhen. Wird der Kleinwagen zum Desaster für den Klimaschutz?
Lieber sysop! Ich weiss nicht, ob ich angesichts einer solchen Frage lachen lachen oder weinen soll. Die PÖHSEN Asiaten! Wollen doch tatsächlich Autofahren - wo kommen wir denn da hin? DAs sollen die mal schön lassen - sind ja auch viel zu viele! Ausserdem sieht es viel mehr nach Urlaub aus, wenn "die" auf Fahrrädern oder Kutschen unterwegs sind. [/ironie] Solange "wir" Westler auf unseren Messen nichts besseres auf unseren Messen ausstellen können, als das hier (http://de.cars.yahoo.com/automesse/detroit-motorshow/) sollten wir klimaproblematisch den Rand halten und ganz ganz kleine Brötchen backen. Ach - da ist ja ein Hybridwagen als Feigenblatt dabei... Nett anzuschauen diese SUV-Monster. Aber nur, wenn man wenig Grips hat und sich um Energieerhaltungssätze einen Dreck schert. Immerhin will eine ruhende träge Masse stehenbleiben - und eine grosse träge Masse entsprechend nachdrücklicher. Aber wenn der Fahrer will, muss sie sprinten - die Masse. Und das ist doch der letzte Schrei oder? Geländewagen die auch Sportautos sind. Mein Verstand flüstert mir zwar, dass das zwei physikalisch völlig unterschiedliche Welten sind, die nichts miteinenaderzu tun haben - aber wer bin ICH schon... Auch das "kleine" Einser-Cabrio - 300 PS: GEIL! Mein Gott: so potent konnte man schon lange nicht mehr durch die Tempolimits der Welt cruisen. Quasi ein MUSS auf dem grössten Automarkt der Welt: Nordamerika/Europa. Ach so, die Asiaten sind ja unser Problem, tschulligung - hab ich vergessen... Neenee, DIE dürfen das nicht. Und schon gar nicht so ein billiges Teil. Sind ja viel zu viele, die machen unser Klima kaputt. Öhm - Nebenbemerkung: Die grössten CO2-Schleudern sind DEUTSCHE Braunkohlekraftwerke. Da predigt man der Welt jahrzehntelang westlichen Lebensstil und wenn die Werbung fruchtet herrscht blankes Entsetzen. Gut, dass wir den Teufel in Gestalt eines asiatischen Automobils ausgemacht haben! - Halleluja dann ist UNSER Verbrauch (http://www.bpb.de/wissen/L5CN0Z,,0,Verbrauch_von_Prim%E4renergie_nach_Regionen.html) (bitte in Relation zur Bevölkerungszahl setzen!) ja nicht mehr der Rede wert. Herr, schmeiss Hirn vom Himmel...
Albedo4k8, 11.01.2008
3.
Zitat von sysopFür viele Asiaten ist es ein Traum, der Chef des Weltklimarats spricht von einem Alptraum: Das indische Billigauto Tata Nano wird, den CO2-Ausstoß Indiens erhöhen. Wird der Kleinwagen zum Desaster für den Klimaschutz?
Eher zum Megaflop selbst wenn der Kaufpreis fuer europaische Verhaeltnise extrem guenstig aussieht mit dem Antriebskonzept ist relativ schnell Ende angesagt spaestens an der leeren Zapfsaeule in Indien.
Horst Ziegler, 11.01.2008
4. Autos für alle - weltweit ?
Wenn die Bürger in aller Welt Autos fahren, dann bricht unsere Ökosphäre zusammen. Wenn wir aber bestimmten Ländern vorschreiben wollten, welche Verkehrsmethoden sie umsetzen sollten, dann würde den westlichen Gesellschaften ÖKO-Imperialismus vorgeworfen. Der Indische Volkswagen kommt. Das Nanodesaster auch. Die Antwort darauf wäre eine bevölkerungspolitische. Rückführung des Einwohnerbestandes von 1 Mrd. auf 0,5 Mrd wäre die Ultima Ratio. Alles anderes wären graduelle Maßnahmen, die das Desaster nur "optimieren".
Günther_Glamsch 11.01.2008
5.
Wer hier von Deutschland aus Menschen in Indien vorschreiben will, was sie ökologisch zu tun und zu lassen haben, gehört meiner Meinung nach in die Geschlossene eingewiesen. Die Welt geht irgendwann sowieso unter. Ob mit oder ohne "Nano".
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