Industriespionage Amerika fürchtet Chinas Agenten

Ein spektakulärer Fall von Saatgut-Raub rüttelt die Amerikaner auf - ein chinesischer Spion soll auf einem Feld patentierten Genmais gestohlen haben. Jedes Jahr werden in den USA Dutzende Agenten aus der Volksrepublik angeklagt, der Informationsklau trifft fast alle Branchen.
Maisanbau in den USA: Samenraub im Mittleren Westen

Maisanbau in den USA: Samenraub im Mittleren Westen

Foto: Seth Perlman/ AP

Saatgut ist eine vergleichsweise profane Angelegenheit. Man macht sich die Hände schmutzig und droht aufzufallen. So wie Mo Hailong, den sie im Frühsommer 2011 erwischten, als er in einem Genmaisfeld im Bundesstaat Iowa kniete. Er soll damals "sehr nervös" reagiert haben und errötet sein, als man ihn ansprach. Fortan hatte das FBI den chinesischen Staatsbürger mit US-Aufenthaltsgenehmigung im Blick.

An diesem Mittwoch ist Mo festgenommen worden. Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft in Iowa: Er habe seit jenem Sommer immer wieder patentierten Mais der Firmen Monsanto und DuPont Pioneer gestohlen, Industriegeheimnisse im Wert von 30 bis 40 Millionen Dollar. Das Saatgut sollte dann offenbar von einem chinesischen Unternehmen, für das Mo arbeitet, zu einem billigeren Preis auf dem Weltmarkt angeboten werden. Mo Hailong drohen nun zehn Jahre Haft. Nach fünf mutmaßlichen Komplizen wird noch gefahndet.

300 Milliarden Dollar Verlust pro Jahr

Der Samenraub im Mittleren Westen wirft ein Licht auf den Kampf, den die USA mit Chinas Spionen führen. Erst vor wenigen Monaten präsentierte eine Kommission unter dem früheren US-Botschafter in China, John Huntsman Jr., aufrüttelnde Zahlen zum internationalen Diebstahl geistigen Eigentums. Demnach gehen den USA jedes Jahr 300 Milliarden Dollar verloren, was den jährlichen Exporten nach Asien entspricht. China sei für gut 70 Prozent dieser Delikte verantwortlich, hieß es.

Oft wird der Diebstahl aber nicht kniend auf einem Maisfeld begangen, sondern per Hackerangriff. Ein zentraler Bestandteil von Chinas erfolgreicher Wachstumsstrategie, so schreiben Huntsman und Co., seien Fortschritte in Wissenschaft und Technik; und solcher Fortschritte bediene man sich zum Teil über "illegale Wege". Chinas Einparteiendiktatur ermuntere ihre Untertanen zum Datenklau.

Oder sie steuert ihn möglicherweise gleich direkt. Im Februar publizierte das US-Sicherheitsunternehmen Mandiant einen Bericht, in dem es eine Eliteeinheit des chinesischen Militärs für Hackerattacken auf US-Unternehmen und Regierungsstellen verantwortlich machte. Kurz darauf bestätigte das US-Verteidigungsministerium, dass mehr als 24 große Waffensysteme - von "Patriot"-Abwehrraketen bis zu Kampfflugzeugen - durch chinesische Hacker ausspioniert worden seien. Die Chinesen haben das stets zurückgewiesen.

Fast alle Branchen sind betroffen

Klar ist: Chinas Herrscher sind seit Ende des Zweiten Weltkriegs besonders an US-Waffentechnik interessiert, ihr Atomwaffenprogramm wäre ohne Spionage wohl kaum denkbar. In jüngerer Zeit sollen sie den thermonuklearen Sprengkopf W-88 ausgeforscht haben, eine der furchterregendsten Waffen im US-Arsenal, die per "Trident"-Raketen von U-Booten aus abgeschossen werden können. 2011 stellte Peking seinen ersten Tarnkappenbomber vor (J-20), im Jahr darauf den nächsten (J-31). Die Ähnlichkeit mit US-Modellen ist frappierend.

In den vergangenen vier Jahren, so hat es die "Washington Post" recherchiert, sind in den USA nahezu hundert mutmaßliche chinesische Spione angeklagt worden. Und längst geht es dabei nicht mehr nur um Waffentechnik. Egal ob in der Biotech-, Medizin-, oder Energiebranche - überall spürt das FBI Agenten auf.

Beispiel Windenergie: Das US-Unternehmen American Superconductor Corporation (AMSC) beliefert seinen chinesischen Kunden, die Sinovel Wind Group, mit der Software für die Turbinen der Windmühlen. Im Jahr 2011, so berichtet es Bloomberg, stellt Sinovel seine Geschäftsbeziehung mit den Amerikanern ein, die Software hatte man geknackt. Weil AMSC damit nicht nur geistiges Eigentum verliert, sondern auch den mit Abstand größten Kunden, bricht der Börsenkurs in den nächsten Monaten um bis zu 84 Prozent ein.

Beispiel Microsoft: Ein Kunde in China kauft die Lizenz für eine spezielle Business-Software. Als Microsoft ein Update ins Netz stellt, wird dieses 30 Millionen Mal heruntergeladen. Insgesamt verdiene Microsoft in China trotz Milliardenbevölkerung nicht mehr Geld als in den Niederlanden, berichtete die "Huffington Post".

Beispiel Nasa: Im Frühjahr 2012 informiert die US-Raumfahrtbehörde den Kongress, dass sich Hacker von China aus Zugang zur Düsenantriebsforschung verschafft hätten.

Mancher in den USA verfällt einer irrationalen China-Paranoia, gut zu beobachten im letzten Wahlkampf. Dass der frühere Botschafter Huntsman als Bewerber um die republikanische Präsidentschaftskandidatur ein paar Worte auf Mandarin sprach, nahm man ihm an der rechten Basis prompt übel.

Viele Chinesen spionieren aus Liebe zu ihrem Land

Die US-Regierung arbeitet an Strategien gegen den Ideenklau, im Sommer thematisierte Präsident Barack Obama das Problem bei einem Treffen mit Chinas Staatschef Xi Jinping in Kalifornien. Das war allerdings noch vor den NSA-Enthüllungen, die Obama seitdem nicht nur bei diesem Thema in die Bredouille bringen.

Die USA haben die Spione aus China zu lange unterschätzt, waren auf den sowjetischen KGB und seine Nachfolger fixiert. Hinzu kommt: Pekings Spione sind weit unauffälliger als die Moskaus. In seinem Buch "Tiger Trap - America's Secret Spy War with China" legt Autor David Wise dar, dass die roten Agenten meist ganz einfache chinesische Staatsbürger sind: Touristen, Geschäftsleute, Studenten, Wissenschaftler.

Peking appelliere nicht an die Rachegefühle der Anzuwerbenden und wedele auch nicht mit Geld, so Experte Wise. Stattdessen werde mit Chinas notwendiger Wirtschaftsentwicklung argumentiert, zu der möglichst jeder etwas beitragen solle.

Diese Argumentation scheint zu funktionieren.

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