Industriekonzern Evonik Werner Müller gibt das Kommando ab

Nach fünf Jahren an der Konzernspitze macht er Schluss: Der Chef des Essener Evonik Industries Werner Müller, früherer Bundeswirtschaftsminister, tritt zum Jahresende zurück. Künftig will der 62-Jährige lieber wandern, lesen und sich um die Enkelkinder kümmern.


Düsseldorf - "Ich beherzige die Weisheit: Gehe, wenn es am schönsten ist", teilte Evonik-Chef Werner Müller am Mittwoch mit gewohntem Understatement mit. Mit dem ehemaligen Bundeswirtschaftsminister verlässt einer der am besten in Politik und Wirtschaft vernetzten Vorstandschefs der Republik seinen Posten.

Evonik-Chef Müller: "Ich heiße doch nicht Mehdorn"
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Evonik-Chef Müller: "Ich heiße doch nicht Mehdorn"

Müller fädelte nach langen Debatten den Ausstieg aus dem hoch subventionierten Steinkohlebergbau ein - ohne betriebsbedingte Kündigungen. Er verwandelte die verstaubte Ruhrkohle AG (RAG) in den Börsenaspiraten Evonik.

Die Anzeichen hatten sich in letzter Zeit verstärkt, dass 62-Jährige sein Büro im 21. Stock der Essener Evonik-Zentrale vor dem bis 2013 angepeilten Börsengang verlassen würde und sich verstärkt seinen Hobbys Wandern und Lesen und seinen vier Enkelkindern widmen könnte. Er heiße doch nicht Mehdorn, hatte Müller in Anspielung auf den Bahn-Chef gesagt, der mit 66 Jahren noch lange nicht ans Ende seiner Karriere denkt.

Im Wanderurlaub in der Schweiz hatte Müller den Schritt noch einmal überdacht, die Verkündung seines Rücktritts kam dann aber doch sehr plötzlich: Am Nachmittag trat Müller vor die Führungskräfte des Konzerns und kündigte seinen Abgang zum Jahresende an. Doch ganz zurückziehen will er sich nicht aus der Wirtschaft: Müller bleibt Aufsichtsratschef der Bahn.

Der gebürtige Essener hatte sich nach dem Studium der Volkswirtschaft, Philosophie und Sprachwissenschaft ab 1973 erste Sporen beim Energieriesen RWE Chart zeigen verdient. 1980 wechselte er zur Veba, die 2000 in der heutigen E.on Chart zeigen aufging. Unter Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) wurde der parteilose Müller 1998 Wirtschaftsminister. Schröders eigentlicher Kandidat, Jost Stollmann, hatte abgewinkt - "und man brauchte einen", fasste Müller den Karrieresprung lakonisch zusammen. Als Wirtschaftsminister hat er auch am rot-grünen Atomausstieg mitgearbeitet.

2003 wechselte Müller auf den Chefsessel der RAG und brachte dort später auch seinen früheren Staatssekretär Alfred Tacke als Chef der RAG-Tochter Steag unter. Für diese Entscheidung hagelte es heftige Kritik, denn Tacke hatte an Müllers umstrittener Ministererlaubnis für die Ruhrgas-Übernahme durch E.on mitgewirkt.

Konflikte hat der passionierte Zigarillo-Raucher und Klavierspieler Müller aber in seiner Karriere nie gescheut. Bei der Umsetzung des Stiftungsmodells, mit dem die Ruhrkohle grundlegend umgebaut wurde, um die profitablen Sparten an die Börse zu bringen und zugleich die milliardenschweren Einnahmen für die Lasten des Bergbaus zu nutzen, legte sich Müller reihenweise mit Größen der Landes- und Bundespolitik und mit Spitzen-Managern an. Das Modell boxte er durch - wurde aber nicht wie geplant Chef der RAG-Stiftung.

Müller formte aus der "politischen Geburt" RAG ein gewinnträchtiges Unternehmen mit den Säulen Chemie, Energie und Immobilien, dessen Wert stieg. Der Finanzinvestor CVC zahlte im Juni 2,4 Milliarden Euro für eine Beteiligung von 25,01 Prozent. Das war doppelt so viel wie Experten veranschlagt hatten. Evonik sei ein "strotznormaler Konzern", hebt Müller hervor - den nun sein designierter Nachfolger, der Chemie-Manager Klaus Engel, an die Börse führen soll.

Matthias Inverardi, Reuters



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