Erwartung von »deutlich über vier Prozent« Inflation Bundesbankchef Nagel fordert EZB zum Handeln auf

Trotz hoher Inflation hebt die Europäische Zentralbank die Zinsen bislang nicht an. Jetzt fordert Bundesbankchef Nagel Konsequenzen von der EZB, sollte sich bis März nichts ändern.
Bundesbankchef Joachim Nagel: »Die Zinsen könnten noch in diesem Jahr steigen«

Bundesbankchef Joachim Nagel: »Die Zinsen könnten noch in diesem Jahr steigen«

Foto: Nils Thies / Deutsche Bundesbank / dpa

Bundesbankpräsident Joachim Nagel dringt darauf, dass die Europäische Zentralbank (EZB) auf die hohe Inflation schnell reagiert – und hält eine Zinswende im laufenden Jahr für möglich. »Wenn sich das Bild bis März nicht ändern sollte, werde ich mich dafür aussprechen, die Geldpolitik zu normalisieren«, sagte der im Januar auf den Chefposten der deutschen Zentralbank gewechselte Ökonom der Wochenzeitung »Die Zeit«.

»Nach meiner Einschätzung sind die ökonomischen Kosten deutlich höher, wenn wir zu spät handeln, als wenn wir frühzeitig handeln«, sagte Nagel demnach. Das zeigten auch Erfahrungen aus der Vergangenheit. Er warnte andernfalls vor heftigen Folgen an den Aktienmärkten: »Wenn wir zu lange warten und dann massiver handeln müssen, können die Marktschwankungen stärker ausfallen.«

Teuerung 2022 bei deutlich über vier Prozent

Seine Fachleute rechneten für Deutschland mit deutlich über vier Prozent Preissteigerung im Jahresdurchschnitt 2022, sagte Nagel. Im vergangenen Jahr hatte die Teuerungsrate, angeheizt von hohen Energiepreisen, im Jahresschnitt bei 3,1 Prozent gelegen.

Zunächst müssten die Käufe von Staats- und Unternehmensanleihen aufhören. »Der erste Schritt ist, die Nettoankäufe von Anleihen im Lauf des Jahres 2022 zu beenden. Dann könnten die Zinsen noch in diesem Jahr steigen«, sagte er.

Eine höhere Inflation schwächt die Kaufkraft von Verbrauchern, weil sie sich für einen Euro dann weniger kaufen können als zuvor. Zu Beginn des laufenden Jahres war die Inflation mit 4,9 Prozent unerwartet hoch ausgefallen nach 5,3 Prozent im Dezember.

Die Inflation ist ein wichtiger Gradmesser für die Geldpolitik der europäischen Währungshüter. Die Notenbank strebt eine jährliche Teuerungsrate von zwei Prozent im Euroraum an und ist zumindest zeitweise bereit, ein moderates Über- oder Unterschreiten zu akzeptieren. Kritiker werfen der EZB vor, mit ihrer ultralockeren Geldpolitik die Teuerung anzuheizen, die sie eigentlich im Zaum halten will.

Nach der jüngsten geldpolitischen Sitzung hatte EZB-Präsidentin Christine Lagarde eingeräumt, dass auch bei Europas Währungshütern die Sorge angesichts der weiter unerwartet hohen Teuerungsraten wächst. Anhand neuer Daten will die EZB die Lage im März neu beurteilen.

hej/Reuters