ING-DiBa-Chef Tellings im Interview "Peitsche im Callcenter macht keinen Sinn"

Bei der ING-DiBa gibt es erstmals in der Direktbank-Branche einen Tarifvertrag. Im Interview mit dem SPIEGEL erklärt Bankchef Ben Tellings, warum er im Tausch gegen flexiblere Arbeitszeiten bewusst kurzfristig höhere Personalkosten in Kauf nimmt.


SPIEGEL: Vergangene Woche haben Sie mit Ver.di erstmals einen Haustarifvertrag für Ihre Bank abgeschlossen. Wieso?

DiBa-Chef Tellings: "Ver.di hat unser Geschäftsmodell verstanden"
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DiBa-Chef Tellings: "Ver.di hat unser Geschäftsmodell verstanden"

Tellings: Wir hatten Bedarf, in unserem Unternehmen die Strukturen zu ändern. Vor einem Jahr fragten wir Ver.di, ob es nicht möglich wäre, eine Lösung speziell für Direktbanken zu entwickeln. Wir sind aber weiterhin an den Bankentarif angebunden.

SPIEGEL: Was ist dann so innovativ an Ihrem neuen Tarifvertrag?

Tellings: Wir können zum Beispiel sieben Tage 24 Stunden arbeiten lassen. Es gibt keine Wochen-, sondern eine Jahresarbeitszeit. Der Samstag als regelmäßiger Arbeitstag wurde etabliert.

SPIEGEL: Da hat Ver.di mitgemacht?

Tellings: Ver.di hat unser Geschäftsmodell verstanden. Wir können nicht nachmittags um fünf die Rollläden runterlassen. Es war ein Geben und Nehmen. Jetzt zahlen wir zusätzliche Sozialleistungen. Ein sechsmonatiger Elternurlaub oder eine erfolgsabhängige Jahresprämie sind geregelt.

SPIEGEL: Der neue Tarifvertrag gilt nun für alle drei Standorte Ihrer Bank. Bisher herrschten unterschiedliche Bedingungen vor allem bei Arbeitszeit und Bezahlung. Warum machten Sie sich diese Vorteile nicht zunutze?

Tellings: Mitarbeiter erster und zweiter Klasse schaden der Atmosphäre einer Bank. Leute, die weniger gut dastehen als andere, sind unmotiviert. Das kostet Geld, dass wissen wir. Aber wir denken, dass wir es zurückverdienen, indem die Mitarbeiter Spaß an der Arbeit haben.

SPIEGEL: Andere Banken setzen stark auf leistungsgerechte Entlohnung.

Tellings: Innerhalb des Tarifvertrages behandeln wir alle gleich. Außerhalb arbeiten wir weiterhin mit leistungsgerechten Boni. Aber es macht keinen Sinn, im Callcenter mit einer Peitsche zu stehen und die Mitarbeiter anzutreiben. Wir wollen fair zu unseren Kunden sein. Das können wir nur, wenn wir unsere Mitarbeiter fair behandeln.

SPIEGEL: Andere Bankenchefs behaupten das auch gern.

Tellings: Die reden. Wir handeln.

Das Interview führte Janko Tietz



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