Initiative gegen Abzocker Wie ein Schweizer Unternehmer Top-Managern auf den Leib rückt

Ein Schweizer Kleinunternehmer hat die Nase voll von Top-Managern und schafft Fakten: Mit einer Volksinitiative will er erreichen, dass Aktionäre künftig über die Gehälter von Aufsichtsrat und Vorstand bestimmen. Seine Chancen stehen gut.

Von Michael Soukup, Neuhausen am Rheinfall


Neuhausen - Er schnaubt, er redet sich in Rage, er schäumt vor Wut: Thomas Minder ist eigentlich Zahnpastaunternehmer - aber seit einiger Zeit will er mehr: Im Fabrikgebäude seiner kleinen Trybol AG nahe der deutschen Grenze produziert er nicht nur Kosmetik, sondern macht auch Politik. Denn während im Untergeschoss aus Kamille, Arnika und Salbei das berühmte Trybol-Kräuter-Mundwasser entsteht, arbeitet oben die Eidgenössische Volksinitiative "Gegen die Abzockerei". Beides soll antiseptische und desinfizierende Wirkung haben - den Mund vom üblen Geruch, den Kapitalismus von der Gier befreien.

Trybol-Chef Minder: "So kann es nicht mehr weitergehen."
Bruno Schlatter

Trybol-Chef Minder: "So kann es nicht mehr weitergehen."

Er sitzt in seinem Büro und blättert kurz durch die Unterschriftenlisten, die täglich zu Hunderten an der Rheinstrasse 86 in Neuhausen am Rheinfall eintreffen. "Von aufgebrachten Bankern, Bewohnern der noblen Züricher Goldküste, Doktoren, Hausfrauen, Angestellten, Arbeitern und Arbeitslosen", zählt der 47jährige auf. "Ich bekomme auch unzählige Anrufe von Leuten, die sagen: Es kann nicht mehr so weitergehen."

Denkt Minder an den Auslöser seiner Wut, fällt ihm sofort Marcel Ospel ein, der Chef der Schweizer Großbank UBS. Seine Stimme wird lauter, bekommt einen hysterischen Unterton. "Ospel hat sein Gehalt in drei Jahren auf über 24 Millionen Franken verdoppelt und bezieht heute einen Stundenlohn von über 13.000 Franken - etwa 580 Mal so viel wie der Mindestlohn. Derartige Beiträge sind Diebstahl am Unternehmen."

Tatsächlich hat die größte Bank Europas im US-Hypothekengeschäft bisher über 16 Milliarden Franken verloren, weitere Abschreibungen sind nicht ausgeschlossen. "Und trotzdem zügelt die UBS ihr Risiko nicht. Etwas Dümmeres habe ich nicht gehört. Diese Leute haben nichts begriffen", erregt sich Minder. Atempause. "Überhaupt gar nichts! Ihre Mentalität ist doch krank!" Winzige Speicheltröpfchen bilden sich auf der Tischplatte.

Nur noch 10.000 Unterschriften fehlen

Thomas Minder will bis Mai 100.000 Unterschriften sammeln und das Schweizer Volk abstimmen lassen, ob künftig die Aktionäre auf der Hauptversammlung über die Gehälter von Aufsichtsrat und Vorstand entscheiden können. Außerdem sollen Abfindungen, Prämien und Vorausvergütungen verboten werden. Die Chancen dafür stehen sehr gut, 90.000 Unterschriften sind schon beglaubigt.

Ausgelöst hat Minders Wut der Zusammenbruch der Schweizer Fluglinie Swissair Ende 2001 - für die meisten Schweizer bis heute ein traumatisches Ereignis. "Wer hätte jemals gedacht, dass die Swissair kollabieren würde? Das war doch ein Staatsbetrieb, eine fliegende Bank", sagt Minder. Genauso wenig könnte man sich heute vorstellen, dass auch die UBS hopps gehen könnte. "Wieder werden alle Warnlichter ignoriert. Tiefrot! Mama Mia."

Als dann auch noch rauskam, dass Swissair-Chef Mario Corti vor dem Grounding im Voraus 12,5 Millionen Franken bekommen hatte, brach für Minder "die Welt zusammen". Am 30. Oktober 2006 startet er zusammen mit seinen Eltern, seiner Lebenspartnerin, einer Bekannten und zwei Angestellten aus der Firma die Volksinitiative.

Minden führt sein traditionsreiches Kleinunternehmen in der dritten Generation. In der ganzen Fabrik "trybolet" es: Selbst im Büro des Chefs gibt kein Entrinnen vor dem Kamillen-, Menthol- und Salbei-Geruch. "Ich rieche den Trybol-Duft längst nicht mehr", sagt Minder ungeduldig. Man merkt ihm deutlich an, dass er lieber über Politik denn über seine Produkte sprechen will. Dabei sind die bekannt, das Trybol-Kräuter-Mundwasser und die Kräuter-Zahnpasta sind in allen Schweizer Apotheken und Drogerien zu finden.



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