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WARENTEST Inniges Verhältnis

Warum verhindert die Automobilindustrie, daß die Stiftung Warentest ihre Produkte prüft? *
aus DER SPIEGEL 36/1987

Fast alles haben die Experten der Stiftung Warentest schon einmal geprüft: Toaster und Fahrräder, Heiratsinstitute und Beerdigungsunternehmen, Lippenstifte und Waschpulver. Nur an das liebste Konsumgut der Deutschen durften sie noch nicht ran - das Automobil.

Seit fast zwei Jahren schon versucht Warentest-Chef Roland Hüttenrauch, einen Autotest zu organisieren. Doch er scheiterte bislang immer wieder an den deutschen Herstellern. Die fürchten offenbar, daß sich ein Modell, das nur die Note »ausreichend« bekäme, kaum noch verkaufen ließe.

Die Furcht ist nicht unbegründet. Jeder dritte Verbraucher richtet sich beim Kauf nach den Prüfergebnissen der Stiftung, die in der Zeitschrift »Test« (Auflage: über 600000) und fast allen Tageszeitungen veröffentlicht werden.

Die Autoindustrie hat Tests ihrer Produkte bisher vermeiden können, weil die Stiftung nach ihrer Satzung die betroffenen Firmen beteiligen muß. In ihren Fachbeiräten sitzen Verbraucherschützer, unabhängige Sachverständige und Experten der Unternehmen.

Als die erste Sitzung in Sachen Autotest stattfinden sollte, erinnert sich Hüttenrauch, konnten aber »plötzlich alle geladenen Herren der Industrie nicht kommen«. Als beim zweiten geplanten Treffen wieder niemand Zeit hatte, reiste Hüttenrauch nach Frankfurt, zum Verband der Automobilindustrie (VDA).

Dort erfuhr er dann, daß nicht nur Terminprobleme die Autoexperten von einer Berlin-Reise abgehalten hatten: Zum einen sei ein kompletter Autotest für die Stiftung viel zu schwierig und teuer, zum anderen, so argumentierten die Männer vom Verband, gebe es doch schon genügend Tests.

Unter den Herstellern argumentieren einige ganz ähnlich. VW und Opel wären zwar bereit, bei der Testvorbereitung mitzuarbeiten, aber andere - etwa Daimler-Benz - lehnen ab. Bei Tests, wie sie die Berliner Stiftung durchführt, würden die Noten nur nach objektiven Daten vergeben - das Image des Sterns werde nicht berücksichtigt.

Tatsächlich wird kaum etwas so oft getestet wie Autos - und da spielt das Image meist eine Rolle. Eine Reihe von Fachblättern füllt Seiten um Seiten damit, einen neuen BMW erst allein zu prüfen, dann in Konkurrenz zu einem Daimler, schließlich im Dreier-Vergleich zusätzlich noch mit einem Porsche. Die Industrie stellt bereitwillig ihre Wagen zur Verfügung. Und wenn ein neues Modell vorgestellt wird, fliegt sie die Tester gern in die schönen Gegenden dieser Welt, damit sie das richtige Fahrgefühl bekommen. Die Motorjournalisten werden, wie ein Automanager sagt, »von uns regelrecht zu Boden geknutscht«.

Die so Liebkosten haben denn auch zumeist ein besonders inniges Verhältnis zum Automobil. »FAZ«-Tester Wolfgang Peters etwa schwärmte für den Motor des BMW 325i: »Manchmal wünschte sich der Fahrer, er könnte ihn neben sich auf dem Beifahrersitz haben. Und wenn er dann noch ein rundes Knie hätte, auf das man die Hand legen könnte, _(Im Fachblatt »mot«. )

ließe sich die Zuneigung zu dieser Maschine so am besten ausdrücken.

Gewiß entdeckt auch der geneigteste Testfahrer Kritikwürdiges. Da wird schon mal der zu klein geratene Kofferraum bemängelt. Auch gibt es bei den Vergleichstests stets einen Ersten und einen Letzten. Doch die Leser wissen, daß es sich dabei oft um persönliche Eindrücke der Journalisten handelt.

Wenn die Stiftung Warentest dagegen ein Produkt benotet, wird das von den meisten Verbrauchern als objektives Urteil angesehen. Manche Händler räumen eine Ware, die im Test nur »mangelhaft« bekam, gleich aus den Regalen.

Dennoch beteiligen sich fast alle Branchen in den Fachbeiräten der Stiftung. So haben sie die Möglichkeit, zumindest die Art der Tests zu beeinflussen. Autotests jedoch, in denen Sicherheit, Fahreigenschaften, Technik und Umweltfreundlichkeit beurteilt werden sollen, wird es vorerst nicht geben.

Nur für einen Teilbereich will der Automobilverband Fachleute zur Verfügung stellen - die Wirtschaftlichkeit der Wagen könnte verglichen werden. Danach allein aber, klagt Hüttenrauch, könnten die verschiedenen Modelle nicht beurteilt werden.

»Wir sind doch zur Zusammenarbeit bereit«, sagt VDA-Geschäftsführer Peter von Manteuffel. Aber ein Auto sei »eben ein bißchen was anderes als ein Heißwasserboiler«. Im übrigen hätten die Warentester in Berlin doch vor allem »ein kommerzielles Interesse« an Autotests, weil »sie wissen, damit verkauft sich ihre Zeitung gut«.

Hüttenrauch will nun erst die Wirtschaftlichkeitsvergleiche machen und dann »noch mal nachhaken« . Wenn er dann immer noch nicht weiterkommt, will er ausländische Experten oder Testorganisationen um Hilfe bitten.

»Wir können uns doch«, sagt Hüttenrauch, »von der betroffenen Industrie nicht vorschreiben lassen, ob wir ihre Produkte testen oder nicht.«

Im Fachblatt »mot«.

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