Zur Ausgabe
Artikel 38 / 107
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

PRESSE Ins Abseits Der Springer-Verlag bekommt sein Wochenblatt

»Sport-Bild« nicht in den Griff.
aus DER SPIEGEL 49/1988

Wehe, wenn Klaus Stampfuss seine Redakteure bei schlampiger Arbeit erwischt - kleine Sünden bestraft der »Sport-Bild«- Chef sofort.

Zwischen fünf und zehn Mark Bußgeld für die Redaktionskasse kosten erwiesene Nachlässigkeiten im Dienst, vom flüchtig übersehenen Druckfehler bis zur leichtfertigen Falschmeldung. Disziplin muß sein.

Pannen im Heft und ihre Bekämpfung vor Ort sind allerdings nicht die einzige Sorge des Chefredakteurs. Größere Probleme als die kleinen Fehler bereitet Stampfuss die Auflage des Blattes. »Sport-Bild« - nach »Bild der Frau« und »Auto Bild« der dritte und jüngste Ableger der »Bild«-Zeitung - hat Mühe, Woche für Woche Leser zu finden.

Noch im August wurden zum Stückpreis von einer Mark weit mehr als eine halbe Million Exemplare verkauft. Inzwischen greifen, das zeigen interne Zahlen, in manchen Wochen bundesweit nicht einmal 400 000 Käufer zu. Die Hefte bleiben massenhaft an den Kiosken liegen.

Entsprechend schlecht ist die Stimmung in den Redaktionsräumen im zweiten Stock des Hamburger Springer-Hochhauses. Redakteure und Mitarbeiter befürchten gar, die junge Sportgazette könnte schon vor Ablauf einer Jahresfrist wieder eingestellt werden - Schluß, Aus, Abpfiff.

Die Angst mag übertrieben sein. Nach dem 30 Millionen Mark teuren Debakel der Billig-Illustrierten »Ja« wollen sich die Manager des Springer-Konzerns so schnell keinen zweiten Flop leisten. »Ja« wurde Mitte vergangenen Jahres bereits nach kaum mehr als drei Monaten aus dem Markt genommen.

Mit hoher Startauflage und großen Erwartungen hatte der Springer-Verlag »Sport-Bild« Ende Februar ins Rennen geschickt. Erstes Etappenziel: wöchentlich 500 000 verkaufte Exemplare, Minimum. Jeden Mittwoch sollte es von nun an, so die Eigenwerbung, »Sport total« geben - vom Eishockey bis zur Leichtathletik, vor allem aber Fußball und auch ein paar Service-Themen über Urlaub und Freizeit.

Andere Springer-Blätter halfen beim Start. »Wird Mittwoch«, fragte freudig erregt die »Welt am Sonntag«, »durch eine neue Zeitung zum Sporttag in der Republik?« Bereits für die dritte Ausgabe Anfang März meldete der Verlag 650 000 verkaufte Exemplare.

Doch damit war der Höhepunkt auch schon erreicht. Zu sehr glichen Aufmachung und Inhalt des Blattes dem Sportteil der »Bild«-Zeitung. Leser bewerteten »Sport-Bild« als »niveaulos«.

Die journalistische Nähe zum Massenblatt kam nicht von ungefähr. Stampfuss-Vorgänger Werner Köster, einer von drei Gründungs-Chefredakteuren, verantwortete gleichzeitig den Sportteil der »Bild«. Viele der rund hundert Sportredakteure recherchierten und schrieben nebenher auch für die Mittwoch-Zeitschrift. Entsprechend war das Ergebnis.

Schon bald nach dem Start kam es nach längerem Streit im Führungstrio zum Eklat. Dem Mit-Chefredakteur Ulfert Schröder (er starb Mitte November) war das Konzept von Anfang an zu seicht und Boulevard. Schröder wollte ein »seriös gemachtes Magazin und keine Straßenkacke«. Fristlos verließ der renommierte Sportjournalist und Autor Mitte März das Springer-Haus.

Der Redaktionskrach und die anhaltend schlechten Noten beim Publikum zeigten beim Springer-Vorstand Wirkung. Im Sommer, kurz vor den Olympischen Spielen in Seoul, wurde Köster von seinem Doppeljob befreit. Er solle sich, so die Begründung, wieder »ausschließlich um seine wichtigen Aufgaben« beim Mutterblatt kümmern.

Den Ersatzmann fanden die Verlagsmanager im eigenen Haus: Klaus Stampfuss, 45, war vorher stellvertretender Chefredakteur bei der Programmzeitschrift »Hörzu«. Dort stand der gelernte Sportjournalist (Volontariat bei »Bild") schon seit einiger Zeit auf der Transferliste - »Hörzu«-Chef Helmut Reinke wollte seinen Vize loswerden.

Die neue Aufgabe, die Stampfuss im September übernahm, ist nicht leicht. Der Medienmarkt für Sport und Freizeit funktioniert nach Gesetzen, die von Verlagen nur schwer zu beeinflussen sind. Leidvolle Erfahrung machte zuletzt der Hamburger Verlag Gruner + Jahr mit seinem hochglänzenden Monatsmagazin »Sports«. Das 7,50 Mark teure Produkt blieb deutlich hinter den Erwartungen zurück.

Um neue Leser zu gewinnen, kaufte Gruner + Jahr Ende Oktober dem Deutschen Sportverlag in Köln die betuliche »Sport-Illustrierte« ab. Das Blatt soll, zunächst vorübergehend, mit »Sports« fusioniert werden. Ob die Rechnung aufgeht, damit auch den Leserstamm der Illustrierten zu gewinnen, ist mehr als fraglich.

Nicht viel besser geht es dem biederen Fachblatt »Kicker«, das montags und donnerstags am Kiosk ausliegt. Im vergangenen Jahr stagnierte die Auflage der Nürnberger Sportgazette; zugleich verlor sie mehr als zehn Prozent ihres Anzeigenumfangs.

Auch Chefredakteur Stampfuss ist bislang kein überzeugendes Konzept eingefallen, um breitere Leserschaften zum regelmäßigen Kauf anzuregen: Aktuelle Berichterstattung ist wegen des ungünstigen Erscheinungstermins am Mittwoch nicht möglich. Die Themen etwa aus der Fußball-Bundesliga wirken oft so, als hätten sie schon mal im umfänglichen Sportteil der »Bild«-Zeitung gestanden.

Dabei dürfen die Kollegen von »Bild« gar nicht mehr für den Ableger schreiben. Stampfuss hat die redaktionellen Kontakte zum Mutterblatt abgebrochen.

Bedrohlich für »Sport-Bild« ist auch die Reaktion aus der Werbewirtschaft. Obwohl die Unternehmen immer mehr in den Bereich Sport investieren - allein in diesem Jahr rund 750 Millionen Mark -, bleibt die Anzeigenkundschaft weg.

War in den ersten Ausgaben noch gut ein Drittel des Heftes mit Anzeigen ausgebucht, kommen seit Wochen kaum mehr als zehn Annoncenseiten pro Nummer zusammen. Auch die letzten Anzeigenkunden, wie der Autohersteller Opel, haben inzwischen Zweifel, ob ihre Werbegelder bei »Sport-Bild« richtig angelegt sind.

Die härtesten Wochen stehen Stampfuss und seiner Mannschaft möglicherweise noch bevor: Im Dezember beginnt in der Fußballbundesliga die lange Winterpause. Dem Blatt fehlt damit bis in den Februar hinein das publikumswirksamste Thema. Die Auflage dürfte dann auch offiziell unter die der Anzeigenkundschaft garantierte Auflage von 500 000 fallen.

Stampfuss versucht tapfer, in den eigenen Reihen Optimismus zu verbreiten: »Wir werden auch in Zukunft Deutschlands größte Sportzeitung bleiben.«

Das aber dürfte als Ziel ein bißchen wenig sein: Konkurrent »Kicker«, die Nummer zwei auf dem Markt, verkauft kaum mehr als 200 000 Exemplare.

Zur Ausgabe
Artikel 38 / 107
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.