Insiderhandel Wie Oma an der Börse Millionen machte

Zwei junge Wall-Street-Broker sollen sich durch Insider-Handel ein millionenschweres Zubrot verdient haben. Profitiert haben davon nach Ermittlungen der US-Börsenaufsicht SEC auch Freunde und Verwandte in der ganzen Welt - bis hin nach Reinbek bei Hamburg.

New York - Was haben ein Börsenmakler, ein Rumbameister aus Russland, eine kroatische Großmutter, ein Merrill-Lynch-Spezialist, ein Brooklyner namens Elvis (Nachname Santana), eine Stripperin, ein Drucker bei der "Business Week" und ein Investor aus dem Hamburger Vorort Reinbek gemeinsam? Sie alle sind, glaubt man der US-Börsenaufsicht SEC, in "einen der größten, vielschichtigsten und böswilligsten Insiderhandel-Ringe" verwickelt, den die Behörde je aufgedeckt haben will.

Betrugsgeschichten gibt es zuhauf an der Wall Street. Doch eine Story wie diese, die kommt einem nur alle paar Jahrzehnte unter. Ein "B-Movie-Drehbuch", juxte die "New York Times", doch so was kann man nicht erfinden. Und jeden Tag scheint eine neue, abenteuerliche Szene hinzuzukommen. Die jüngste ergänzte das Drama vorige Woche um einen weiteren Protagonisten - einen Briefträger.

Die Hauptakteure dieser Gangsterklamotte sind Eugene ("Gene") Plotkin, 26, und David Pajcin, 29, zwei ehemalige Trader bei Goldman Sachs. Plotkin war mit seinen Eltern aus Moskau in die USA gekommen. Nach einer Elite-Ausbildung, unter anderem in Harvard, stellte ihn Goldman ein. Sein Hobby blieb jedoch der Tanzsport, wo er sich bald so manche Medaille ertanzte, vorzugsweise in lateinamerikanischem Wechselschritt: Cha-Cha-Cha, Rumba, Samba.

Verabredung in der Russensauna

Bei Goldman lernte Plotkin Pajcin kennen. Auch der hatte, in New Jersey als Sohn kroatischer Eltern geboren, nur die besten Schulen besucht. Im Job (und auf dem Parkett) hatte er allerdings weniger Erfolg. Bei Goldman währte er nur kurz und irrte dann von Stelle zu Stelle.

Die beiden blieben Freunde, stets auf der Suche nach neuen Geldquellen. Ihre tollste Idee, der Justiz zufolge: Insiderhandel.

Geboren worden sei diese Idee im Dampfbad, heißt es in einer 59-seitigen Zivilklage, die die New Yorker SEC-Filiale gegen die inzwischen 14 mutmaßlichen Beteiligten erhoben hat. Ende 2004 hätten sich Plotkin, Plajcin und Stanislav Shpigleman, ein Finanzberater bei Merrill Lynch und Freund Plotkins, in der Russensauna "Spa 88" unweit der Wall Street getroffen. Man habe vereinbart, das Insiderwissen Shpiglemans auszunutzen.

Shpigleman habe Plotkin und Plajcin von geheimen Deals berichtet, an denen Merrill Lynch beteiligt war, unter anderem die Übernahme von Gillette durch Procter & Gamble und die Akquisition von Reebok durch Adidas (interner Codename "Atlantis"). Plotkin und Plajcin hätten daraufhin mit schnellen Aktienkäufen kräftig zuverdient. Allein der Gillette-Deal habe 94.581 Dollar gebracht.

Plotkins Anwalt Martin Schmukler erklärte, es sei zu früh, sich über "Stärken oder Schwächen der Vorwürfe" zu äußern. Die Anwälte Pajcins und Shpiglemans gaben keinen Kommentar ab.

Zwei Millionen Dollar für Tante Sonia

Die Insiderinformationen seien auch an andere gegangen, ermittelte die SEC. Eine davon sei Pajcins Tante Sonia Anticevic, 63, gewesen, eine pensionierte Unterwäscheschneiderin in Kroatien, für die Plotkin und Pajcin Konten bei Banken in Kopenhagen und Salzburg und bei der Internetbörse CyberTrader eingerichtet hätten. Anticevic habe allein mit Reebok über zwei Millionen Dollar verdient. Ihr Anwalt bestätigt das, erklärt aber, sie habe "nichts getan, was an eine Straftat grenzt".

Auch Pajcins Freundin Monika Vujovic, 23, eine Stripperin, habe mit Investitionen 313.400 Dollar kassiert, berichtet die SEC. Über ihren Anwalt bestreitet Vujovic jedes Mitwissen.

Weitere Begünstigte des Insiderclous waren der SEC zufolge Plotkins Vater Michail Plotkin (63.000 Dollar Gewinn), der Softball-Kumpel Elvis Santana aus Brooklyn (463.279 Dollar) und ein wohlhabender Investor aus Reinbek namens Perica Lopandic (735.192 Dollar).

Reebok brach ihnen das Kreuz

Im Sommer 2004 hätten Plotkin und Pajcin den Teilzeitarbeiter Nickolaus Shuster, 24, angeworben. Der habe sich als Gabelstaplerfahrer in einer Druckerei in Wisconsin anstellen lassen, in der das Wirtschaftsblatt "Business Week" gedruckt wird. Dort habe er für Plotkin und Pajcin druckfrische Ausgaben des Magazins geklaut, um noch vor den Lesern an Informationen aus dessen Börsenkolumne zu kommen.

Insgesamt hätten die Insiderinformationen der Bande mindestens 6,4 Millionen Dollar erbracht, hat die SEC errechnet. Davon allein fast 6,2 Millionen Dollar aus dem Reebok-Deal.

Am Ende war es dieser größte Clou, der ihnen das Kreuz brach - die Reebok-Übernahme. Als die SEC merkte, dass rund 80 Prozent des Optionshandels eines Tages von einer alten Dame in Kroatien bestritten worden war, stutzte sie schwer. Anticevic wurde angeklagt. Nach ein paar Wochen folgten die anderen.

Der plaudernde Briefträger

Plotkin, Pajcin und Shpigleman wurden festgenommen. Plotkin und Pajcin sitzen weiter in Haft, da sie die Kaution nicht aufbringen können. Shpigleman hinterlegte drei Millionen Dollar und zog zurück zu seinen Eltern.

Doch damit war die Geschichte längst nicht zu Ende. Vorige Woche verhaftete die Polizei den Briefträger Jason Smith, 29, einen Schulfreund Pajcins. Der soll als Geschworener in einem nicht öffentlichen Anklageverfahren gegen Bristol-Myers Squibb Insider-Informationen an Plotkin und Pajcin weitergereicht haben. Leider, so die Justiz, hätten sich diese Informationen aber später als falsch erwiesen.

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