Insolventer Chiphersteller Qimonda-Manager wehrt sich gegen Vorwürfe

Die Pleite des Chipherstellers Qimonda bedroht Tausende von Arbeitsplätzen im Osten. Auch der Mutterkonzern Infineon gerät ins Straucheln. Unterdessen wehrt sich ein Manager gegen Vorwürfe, das Unternehmen habe zusätzliche 300 Millionen Euro Hilfe vom Staat verlangt.


Berlin - Kaum ist das Unternehmen pleite, beginnen die Schuldzuweisungen. Ein hochrangiger Manager des Konzerns widersprach einem Bericht der "Welt am Sonntag", wonach Qimonda zusätzliche 300 Millionen Euro vom Staat gefordert habe. "Wir brauchten eine Bürgschaft über 200 Millionen Euro", zitierte das Blatt den Manager. Weitere 100 Millionen Euro hätte Qimonda selbst finanzieren können, sagte der Manager dem Blatt zufolge.

Techniker bei Qimonda in Dresden: Tausende von Arbeitsplätzen bedroht
AP

Techniker bei Qimonda in Dresden: Tausende von Arbeitsplätzen bedroht

Laut "Welt am Sonntag" glaubt der Manager, dass die Insolvenz so hätte vermieden werden können: "Die Bürgschaft hätte uns Spielraum verschafft. Dann wäre Zeit gewesen, bis Ende Februar das Rettungspaket über 325 Millionen Euro zu schnüren." Ein Sprecher des Herstellers von Speicherchips wollte den Bericht auf Anfrage der Nachrichtenagentur AP nicht kommentieren.

Die Infineon-Tochter Qimonda mit deutschlandweit 4600 Mitarbeitern in Dresden und München und weltweit rund 12.000 Beschäftigten hatte am Freitag Insolvenz angemeldet. Das neue Finanzloch hatte Qimonda auch auf Verzögerungen bei den Verhandlungen über Hilfen zurückgeführt. Der sächsische Wirtschaftsminister Thomas Jurk (SPD) hatte dagegen erklärt, das Halbleiterunternehmen sei nicht in der Lage gewesen, einen geschlossenen Finanzierungsplan vorzulegen. Das ursprünglich geplante Rettungspaket sah vor, dass Sachsen mit einem 150-Millionen-Kredit, Portugal - wo Qimonda ebenfalls ein Werk betreibt - mit 100 Millionen Euro und der Mutterkonzern Infineon mit 75 Millionen Euro helfen sollten. Zudem wollten Bund und Land Sachsen zusammen mit 280 Millionen Euro für Kredite bürgen.

Die Dresdner Mitarbeiter von Qimonda sollen an diesem Dienstag auf einer Betriebsversammlung über das Insolvenzverfahren informiert werden. Es solle wieder Ruhe in die Belegschaft gebracht werden, bestätigte der Sprecher von Insolvenzverwalter Michael Jaffé am Samstag in München einen Bericht der "Sächsischen Zeitung". Der Verwalter habe erste Gespräche geführt und verschaffe sich derzeit einen Überblick. Davon hänge ab, wie das Unternehmen restrukturiert werden könne.

Unterdessen wies der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH), Ulrich Blum, auf mögliche dramatische Auswirkungen der Insolvenz hin. Allein in Dresden arbeiteten 3000 Menschen für Qimonda. "Darüber hinaus hängt jeder fünfte der 50.000 Arbeitsplätze im Halbleitercluster Sachsen indirekt von Qimonda ab. Es wäre also ein schwerer Schlag für die Region", so Blum in der Samstagsausgabe der "Berliner Zeitung".

Die Pleite des Speicherchip-Herstellers Qimonda trifft auch den Mutterkonzern Infineon hart. Durch die Notlage seines Ablegers mit dem Hauptwerk in Dresden drohen dem tief in der Verlustzone steckenden Münchner Halbleiterkonzern laut SPIEGEL weitere Belastungen in dreistelliger Millionenhöhe, so für Abfindungen, Kartellverfahren oder die Rückzahlung von öffentlichen Fördermitteln. Dies dürfte die ohnehin angespannte Finanzlage bei Infineon weiter verschärfen.

Infineon werde Rückstellungen über einen niedrigen dreistelligen Millionen-Euro-Betrag bilden, hatte das Unternehmen am Freitag mitgeteilt. Ein Teil der Lasten soll bereits im abgelaufenen ersten Geschäftsquartal, das bis Ende Dezember lief, verbucht werden. Der Konzern fürchtet Kartell- und wertpapierrechtliche Verfahren, die eventuelle Rückzahlung öffentlicher Fördermittel sowie Forderungen von Qimonda-Mitarbeitern. Analysten schätzen die Schadenssumme auf bis zu 280 Millionen Euro.

Vor allem durch die hohen Verlusten bei seiner Ex-Sparte Qimonda war das Eigenkapital des Konzerns im vergangenen Geschäftsjahr ohnehin schon um mehr als die Hälfte auf nur noch knapp zwei Milliarden Euro geschrumpft. Bis 2010 muss das Unternehmen laut SPIEGEL-Informationen zudem zwei Anleihen im Wert von über 900 Millionen Euro zurückzahlen und Kredite in Höhe von rund 300 Millionen Euro verlängern.

Das Infineon-Management will die Aktionäre des im Deutschen Aktien-Index (Dax) notierten Unternehmens bei der Hauptversammlung am 12. Februar um eine Kapitalaufstockung bis zu 450 Millionen Euro bitten. Doch die dürfte laut SPIEGEL nach der Eröffnung des Insolvenzverfahrens bei Qimonda vorerst kaum möglich sein. Denn die neuen Hiobsbotschaften haben den Kurs der Infineon-Aktien in den vergangenen Tagen auf unter einen Euro und damit deutlich unter den für die Kapitalerhöhung nötigen Wert von zwei Euro gedrückt. Am Freitag fielen die Infineon-Papiere am Dax-Ende um fast fünf Prozent auf lediglich noch 0,68 Euro.

Nach Angaben von Infineon haben die zwei Anleihen einen Wert von 698 Millionen Euro.

sev/AP/dpa



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