Insolvenz von BenQ Deutschland Gekauft, getäuscht, geschlossen

"Wir werden noch in fünf Jahren in Deutschland Handys herstellen", sagte BenQ-Manager Jerry Wang im Juni 2005, als der Konzern die Siemens-Handysparte übernahm. Gut ein Jahr später haben die Taiwaner ihr Wort gebrochen. Sie haben die Restrukturierung völlig unterschätzt, sagen Analysten.
Von Tim Höfinghoff

Hamburg - Gut ein Jahr ist vergangen, seit der neue Siemens  -Chef Klaus Kleinfeld die kriselnde Handysparte an den BenQ-Konzern aus Taiwan weitergereicht hat. Kleinfeld war angetreten, einen harten Sanierungskurs zu fahren. Für das schwächelnde Mobilfunkgeschäft war kein Platz mehr bei Siemens. Was Kleinfeld schon damals nicht mehr haben wollte, ist auch BenQ-Boss Kuen-Yao Lee zunehmend lästig geworden.

Heute teilte der Mutterkonzern in Taiwan mit, dass die Produktion in Deutschland am Ende ist. Weitere Finanzhilfen wird es nicht mehr geben. Handys der Marke BenQ-Siemens will das Unternehmen nur noch in Asien produzieren und entwickeln.

"Wir werden in den nächsten Tagen beim Amtsgericht München einen Insolvenzantrag stellen", sagte ein BenQ-Mobile-Sprecher. Den völlig überraschten Mitarbeitern ist völlig unklar, wie es für sie weitergeht.

Fest steht nur: Kurz vor Ablauf einer Beschäftigungsgarantie für die 3000 Mitarbeiter von BenQ offenbart sich, dass sie ihren Job wohl verlieren werden. Daher ist bei den deutschen BenQ-Beschäftigten nun der Ärger groß - sie fühlen sich getäuscht. Motto: Erst wurde ihr Unternehmen verkauft, nun abrupt geschlossen.

Arbeitsplätze sollten erhalten bleiben

BenQ war vor fünf Jahren aus dem Computerkonzern Acer   ausgegliedert worden und erst ein Zulieferer für Handys, Digitalkameras, Scanner und Laptops. Mittlerweile stellt BenQ immer mehr eigene Markenprodukte her. 18.000 Mitarbeiter arbeiten für das Unternehmen - vor allem in China, Taiwan, Malaysia und Mexiko. In München hat BenQ 1400 Mitarbeiter, 1600 Menschen sind es in den Werken Kamp-Lintfort und Bocholt.

Als im Juni 2005 BenQ die Siemens-Sparte übernommen hatte, bekamen die Taiwaner noch 300 Millionen Euro dazu und legten das Geschäft mit der eigenen Fertigung zusammen. Damals versicherte BenQ stets, die 3000 Arbeitsplätze in Deutschland zu erhalten. An einer von Siemens gegebenen Standortgarantie für das Werk Kamp-Lintfort bis zum Jahr 2006 hielt das Unternehmen fest. "Wir werden auch noch in fünf Jahren in Deutschland Handys herstellen", sagte BenQ-Vizepräsident Jerry Wang damals. Auch Konzern-Chef Lee ließ verlauten, am deutschen Geschäft festzuhalten.

Obwohl nun der Schock über die plötzliche Insolvenz bei den BenQ-Mitarbeitern in Deutschland groß ist: Für Branchenkenner, wie den Technologie-Analysten Michael Busse von Helaba-Trust ist die Pleite "keine große Überraschung". Die Mängelliste bei BenQ ist lang: Immer wieder hatten deutsche BenQ-Manager rote Zahlen an BenQ-Boss Kuen-Yao Lee nach Taiwan gemeldet.

"BenQ hat es nicht geschafft, Kunden im oberen Preissegment zu finden", sagte Busse zu SPIEGEL ONLINE. Im Massengeschäft "hatte der kleinere Anbieter BenQ keine Chance". Im Vergleich zur Konkurrenz wie Nokia  , Motorola   und Samsung   hatte BenQ-Siemens die weniger attraktiven Modelle im Programm.

Schon Siemens habe nicht mehr zur Konkurrenz aufschließen können, so Analyst Busse. Die Zeiten, als der heutige Siemens-Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer immer und überall ein Siemens-Handy in die Kameras hielt, sind lange vorbei. Siemens hatte den Trend zu Handys mit Kamera, MP3-Spieler und Farbdisplays verschlafen, monieren die Kritiker. Diesen Rückstand konnte auch BenQ nicht mehr wettmachen.

Bereits in den vergangenen Wochen hatte BenQ die Produktion in Mexiko und Taiwan zurückgefahren. Auch die Mitarbeiter in Deutschland mussten ahnen, dass es nicht besonders gut steht um ihre Jobs. Ende dieses Jahres sollte ein Tarifvertrag auslaufen für das Werk in Kamp-Lintfort. Der Vertrag schließt betriebsbedingte Kündigungen aus. Wie es danach weitergehen würde - das wollten die Gewerkschaften eigentlich in den kommenden Wochen mit dem Management aushandeln.

Doch nun hat BenQ die Notbremse gezogen. Die deutschen Werke waren nicht ausgelastet, schrieben dauerhaft rote Zahlen. Auch das Weihnachtsgeschäft schien für BenQ keine Wende zu versprechen. "Wir sind deutlich hinter den uns ursprünglich uns selbst gesetzten Zahlen", räumte auch der Strategiechef von BenQ in Deutschland, Marco Stülpner, ein. Zehn Prozent des Weltmarktes hatte BenQ angepeilt, zuletzt waren es aber nur drei Prozent.

Siemens ist "sehr überrascht"

"Der Jobabbau ist sehr traurig", sagt Gartner-Analyst Martin Gutberlet zu SPIEGEL ONLINE, aber Deutschland sei im Vergleich zu Asien ein sehr teurer Produktionsstandort für Handys. So seien eben die Realitäten im globalen Handygeschäft. "Das hat BenQ unterschätzt." Was die monatlichen Zuwachsraten bei neuen Handy-Nutzern angeht habe Indien mittlerweile China überholt. Kein Wunder, dass Anbieter zu günstigen Konditionen lieber in diesen Märkten produzieren.

Siemens ließ heute verlauten, die Angelegenheit bei BenQ zu "bedauern". Das plötzliche Aus habe Siemens "sehr überrascht". "Wir verstehen weder die Intention noch die Hintergründe", sagte eine Sprecherin. Dabei ist die BenQ-Pleite auch eine große Niederlage für den Siemens-Konzern. Viele der BenQ-Manager, wie BenQ-Mobile-Chef Clemens Joost, kommen ursprünglich von Siemens. Auch für den Münchner Konzern ist der Image-Schaden groß.

mit AP, dpa

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