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Inszenierte Nachfrage

Manipulationen gehören an den Börsen beinahe zum Tagesgeschäft. Doch die Ermittlungen der Behörden verlaufen meist folgenlos.
Von Beat Balzli
aus DER SPIEGEL 16/2007

Die geheime Operation startete in der Londoner City. Die Anweisung kam von ganz oben. Im Juli 2004 erhielten die britischen Anleihenhändler des amerikanischen Finanzgiganten Citigroup die klare Order, mehr Gewinn zu produzieren.

In der Folge bastelten sich die smarten Finanzjongleure ein neues Computerprogramm, mit dem sie die Rendite hochschrauben wollten. Das Resultat war eine der größten Zockereien in der europäischen Börsenhistorie.

Am 2. August trieben die Briten mit unzähligen Deals an der Frankfurter Terminbörse Eurex innerhalb von 20 Minuten die Kurse staatlicher Anleihen in die Höhe. Kurz danach warfen sie auf einen Schlag ihre Rentenpapiere im Wert von 12,9 Milliarden Euro auf den Markt - und verbuchten am Ende einen Gewinn von rund 14 Millionen Euro.

Illegale Manipulation oder eine ge- mäß Wertpapierhandelsgesetz »zulässige Marktpraxis«? Diese Frage stellen sich die Experten der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) jeden Tag. Über 500 Millionen Finanztransaktionen erfasst ihr Computer pro Jahr. Etliche sind faul.

Doch die Wahrscheinlichkeit, die Hintermänner zu erwischen, tendiert gegen null. Komplexität, Datenflut und der schwammige Begriff »Marktmanipulation« machen die Recherchen der Beamten oft zu einem Stochern im Nebel.

Im vergangenen Jahr leitete die Aufsicht nur 60 neue Untersuchungen wegen Marktmanipulation ein, darunter die Börsenbrief-Affäre um die Goldminenaktie De Beira (SPIEGEL 27/2006). Bei verschiedenen Staatsanwaltschaften wurden 38 Personen angezeigt. 2006 endeten aber auch 30 ältere Verfahren mit einer Einstellung - und es kam lediglich zu vier Verurteilungen.

Eine Gefängnisstrafe von 16 Monaten auf Bewährung verhängte beispielsweise das Amtsgericht in Leipzig. Der Angeklagte hatte sich 2001 mit Aktien des Internet-Kunsthändlers artnet.com eingedeckt und dann ein öffentliches Übernahmeangebot vorgetäuscht. Der Kurs stieg um 300 Prozent.

Auch dem Hedgefonds-Manager Florian Homm ging es vergangenes Jahr an den Kragen: Das Frankfurter Amtsgericht bestätigte ein früher verhängtes Bußgeld der BaFin über 50 000 Euro. Homm hatte 2003 versucht, mit einer üblen »Studie« über Sixt den Kurs des Münchner Autovermieters nach unten zu drücken.

Die Mehrheit der Fälle betrifft ohnehin keine »Informationsdelikte«, wie es im Beamtendeutsch heißt. Meistens versuchen dubiose Unternehmer den Wert ihrer börsennotierten Firmen aufzublasen, »um sich einen beleihbaren Wert zu schaffen«, erzählt ein Makler. Die Drahtzieher plazieren große Kauforders, obwohl sie über Tarnfirmen bereits alle Aktien kontrollieren. So gibt es keine Verkäufer. Wegen des fehlenden Angebots treibt die inszenierte Nachfrage den Aktienpreis hoch.

Im Falle der britischen Citigroup-Preistreiber scheiterte die BaFin am Ende an der Frankfurter Staatsanwaltschaft, weil das entscheidende Gesetz erst zwei Monate nach dem Milliarden-Coup in Kraft gesetzt worden war. Auf der Insel musste das Institut wegen des »Fehlens angemessener Kontrollsysteme« zwar ein Bußgeld in Höhe von rund 20 Millionen Euro zahlen. Aber eine Verurteilung blieb den Akteuren auch dort erspart. BEAT BALZLI

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