Zur Ausgabe
Artikel 29 / 92
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

UNTERNEHMER Interessante Sachen

Innerhalb von fünf Jahren ist ein jugendlicher Schwede mit einer Hamburger Laser-Firma in die Weltspitze vorgestoßen. *
aus DER SPIEGEL 5/1987

Samuel Simonsson würde sich gut auf einem Werbeplakat der Hansestadt Hamburg machen. Der 37jährige Schwede scheint ein guter Beleg für jenes »Hoch im Norden«, von dem PR-Produkte der Hamburger künden. Simonsson ist Chef einer bemerkenswerten Firma. Die Rofin-Sinar Laser GmbH aus dem Hamburger Industrieviertel Billbrook ist in dem rasch wachsenden Geschäft der Industrie-Laser innerhalb von fünf Jahren an die Weltspitze geprescht. Der jugendliche Schwede und seine inzwischen 170 Mitarbeiter sorgten für Aufsehen in einer jener Branchen, die unter dem Etikett »High-Tech« als Seismographen für Kreativität und Fortschritt einer Volkswirtschaft gelten.

Wie geht so etwas? Natürlich nicht so, wie es romantisierende Firmenchroniken oder bombastische Legenden erzählen, sondern ganz einfach.

Nachdem Samuel Simonsson in Stockholm Abitur gemacht hatte, schrieb er sich 1968 an der Technischen Universität in Braunschweig als Student ein. Er wollte aus Schweden heraus, etwas Technisches studieren und hatte England als Stätte seiner Fortbildung vorgesehen.

Aber da er den britischen Studienplatz nicht bekam und zudem ein Geschäftsfreund seines Vaters in Hamburg wohnte, zog er nach Norddeutschland. Nach dem Studium arbeitete er eine Weile in der Braunschweiger Filiale der AEG-Tochter Olympia.

Der frustrierende Job in der Konzern-Hierarchie hatte ein Ende, als ein britischer Freund ihm von einer viel besseren Geschäftsidee erzählte: Der US Gigant GTE suchte Mitte der siebziger Jahre in der Bundesrepublik einen Verkäufer für seine Laser-Sparte. Simonsson überredete Eberhard Lohss, den väterlichen Geschäftsfreund aus Hamburg, zur finanziellen Rückendeckung und gründete eine Verkaufsfirma.

Irgend jemand hatte ihm erzählt, daß Sinar das Sanskrit Wort für »Lichtstrahl« sei. So hätte er die Firma gern genannt. Den Firmennamen mußte er aber ändern, da ein Schweizer Unternehmen bereits den gleichen Namen führte. Als er die britische Firma Rofin, einen schwach gewordenen Laser-Verkäufer, übernahm, hatte Simonsson seinen Firmennamen.

Der Aufstieg des Schweden in Hamburg begann indes erst, als die Amerikaner ihn loswerden wollten. GTE verkaufte die Laser-Geschäfte an einen anderen US-Konzern, der den Vertrieb in der Bundesrepublik in eigener Regie übernahm.

Samuel Simonsson nutzte den neuen Anfang. In einem britischen Universitätslabor fand er eine technische Weiterentwicklung jener Laser, die er bis dahin verkauft hatte. Simonsson heuerte den Physiker Hinrich Martinen, der bei Unilever keine rechte Herausforderung mehr fand, als Entwicklungschef an; und er warb den Verkäufer Peter Wirth von einer schwäbischen Maschinenfabrik ab. Mit den beiden ging der Schwede 1981 daran, seine eigenen Laser zu bauen und zu verkaufen.

Von der Zukunft der gebündelten Lichtkraft war Simonsson nach seinen ersten Erfahrungen überzeugt. In der Industrie, da ist er mit zahllosen Experten einig, werden Laser zum Schneiden von Blechen - etwa für Autos oder

Computer - oder zum präzisen Schweißen immer häufiger gebraucht.

Gegenüber den herkömmlichen Schneide-Ungetümen, die tumb und schwer unter beträchtlichem Druck Bleche zerkleinern, haben die Laser einen großen Vorteil: Mit einem Computer gesteuert, können sie jede beliebige Form flexibel zerschneiden.

Simonsson hatte richtig kalkuliert. Seine Laser, die elektrische Energie mit Hilfe einer Kohlendioxid-Wolke in die gebündelte Lichtenergie umwandeln, waren bald überaus gefragt. Zwei Jahre nachdem er die Pläne fertig hatte und ein Jahr nachdem die Fertigung stand, schrieb seine Firma schwarze Zahlen.

Im vergangenen Jahr erwirtschaftete der Emporkömmling bereits einen Umsatz von über 40 Millionen Mark. Seine besten Kunden sind inzwischen große Autofirmen wie VW und Fiat, die mit Lasern schneiden und schweißen. Auch Nixdorf und Siemens sowie verschiedene Maschinenbaufirmen benutzen die Strahlenkraft aus der Billbrooker Werkhalle.

Eines Tages las Simonsson in der Zeitung, daß Marubeni, eines der großen japanischen Handelshäuser, das bis dahin Laser aus Amerika verkauft hatte, seinen US-Lieferanten verloren hatte. Er meldete sich bei den Japanern. Die fernöstlichen Handelsleute zögerten nicht lange und vertreiben seither die Laser der Hamburger Firma. Die ist inzwischen neben zwei US-Firmen weltweit mindestens Nummer drei unter den Fabrikanten von Industrie-Lasern und brachte es sogar bis auf die Titelseite des »Wall Street Journal«.

Amerikanische Fachleute wie der Industrieberater David Belforte aus Massachusetts wundern sich über die Deutschen. Denn hinter Rofin-Sinar tummeln sich inzwischen auch andere Firmen wie die Hoechst-Tochter Messer Griesheim, die schwäbische Maschinenfabrik Trumpf oder auch Heraeus aus Hanau auf dem industriellen Laser-Markt. »Vor fünf oder sechs Jahren«, sagt Belforte, »kauften die Deutschen anderer Leute Laser - jetzt sind sie Führer auf dem Weltmarkt.«

Besonders verblüffend ist, daß Amerikas Laser-Hersteller auf den zivilen Märkten zurückgefallen sind. »Die besten Leute«, sagt Simonsson, »kümmern sich nur um SDI.« Der Schwede ärgert sich einerseits, daß die Laser-Technik durch das amerikanische Sternenkrieg-Projekt, das er technisch für Humbug hält, einen militärischen Beigeschmack bekommen hat. Andererseits hält ihm die fixe Idee des US-Präsidenten die dortige Konkurrenz vom Leib.

Trotz des ungünstigen Dollar hat Simonsson im Laufe des vergangenen Jahres viele Aufträge aus den USA erhalten. Der Grund ist klar: »Seit fünf oder sechs Jahren haben die Amerikaner kein neues Gerät entwickelt.«

Das sprunghaft wachsende Unternehmen ist inzwischen auch mit den Sowjets gut im Geschäft. Auf der alljährlichen Messe in Leningrad ist Simonsson vor allem im ersten Gorbatschow-Jahr auf waches Interesse der sowjetischen Techniker gestoßen.

So wäre alles zum besten gefügt, hätte der Hamburger Jungunternehmer nicht jenes Problem, das früher oder später alle Neu-Gründer überkommt. In dem Maße, wie die Laser-Anwendung in der Industrie zunimmt, kümmern sich auch Groß-Konzerne um das verheißungsvolle Geschäft. Deren Finanzkraft und Marktmacht aber, das ahnt Simonsson wird er nicht lang widerstehen können.

Noch reicht zwar das Kapital, das vor allem der väterliche Freund zur Verfügung gestellt hat. Aber auf die Dauer wird auch die Hamburger Erfolgscrew nicht um einen neuen finanzkräftigen Partner herumkommen, der technischen Sachverstand mitbringt.

Unklar ist, ob es dem unruhigen Geist des Samuel Simonsson dann noch Spaß machen wird. »Vielleicht«, sagt er, »gehe ich dann noch mal studieren. Es gibt so viele interessante Sachen.«

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 29 / 92
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.