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»Interesse jetzt restlos Null«

Furcht vor der Sozialisierung und bereits eingeschränkte Unternehmer-Freiheiten kühlten die Investitionslust ausländischer Firmen in Portugal ab. Einige Unternehmen verließen sogar das Land, andere »spielen seither Wartesaal«.
aus DER SPIEGEL 16/1975

Der Geschäftsführer der portugiesischen Tochter des US-Unternehmens Allied Magnetics handelte schulbuchmäßig. Als nach dem April-Putsch vergangenen Jahres die Arbeiter des Zulieferbetriebes für die Computer-Industrie wegen höherer Löhne in den Ausstand traten, setzte sich der US-Manager kurzerhand in die Vereinigten Staaten ab.

Dem überraschten Arbeitsminister teilte er lediglich brieflich mit, Allied Magnetics habe die Produktion in Portugal eingestellt. Die Fabriktore des am Stadtrand von Lissabon gelegenen Werkes blieben fortan geschlossen.

Der Blitz-Rückzug des durch Portugals Links-Rutsch verschreckten Auslands-Managers fand vorerst kaum Nachahmer. So brach von den rund 70 deutschen Unternehmen, die vor der Revolution in Portugal Produktionsstätten aufgebaut hatten, bislang nur die württembergische Miederwarenfabrik Naturana ihre portugiesische Fertigung ab. Die Firma, die erst 1973 in gemieteten Hallen hinter dem Flughafen Lissabons mit der Produktion von Büstenhaltern begonnen hatte, verfrachtete nach Querelen mit der Belegschaft ihre Maschinen 1974 wieder außer Landes. Zurück blieb allein Fertigungsmaterial, das die rund 50 weiblichen Beschäftigten nach Verlust des Arbeitsplatzes als Entschädigung hatten mitgehen lassen.

Die meisten der in Portugal produzierenden Tochtergesellschaften ausländischer Unternehmen dagegen traten nach dein Umsturz im Frühjahr 1974 »entweder die Flucht nach vorne an oder spielen seither Wartesaal« (so Fritz Haser, Hauptgeschäftsführer der Deutsch-Portugiesischen Industrie- und Handelskammer in Lissabon).

So setzten Firmen, deren Projekte schon derart Weit fortgeschritten waren, daß ein Stopp der Investitionen nur unter hohen Verlusten möglich gewesen wäre, den Bau ihrer Anlagen auch nach der Revolution noch fort. Die Kamera-Produzenten Agfa-Gevaert und Leitz etwa, die erst 1973/74 mit der Fertigung in portugiesischen Zweigwerken begonnen hatten, führten über den April vergangenen Jahres hinaus den Ausbau ihrer Kapazitäten weiter.

Die bereits seit Jahren im Lande ansässigen Auslandsgesellschaften allerdings verspürten angesichts der ungewissen politischen Zukunft Portugals keinerlei Expansionsdrang mehr. »Bei uns gibt es keine Rückzugspläne«, versichert Wolfgang Georg Bühler, Generaldirektor der portugiesischen Siemens-Gruppe, »aber wir taktieren vorsichtiger.«

So nahmen die drei größten deutschen Investoren in Portugal Grundig, Hoechst und Siemens -- in letzter Zeit nur noch Ersatz- und Ergänzungs-Investitionen vor.

Mehr noch als durch die Angst, eines Tages von einer volksdemokratischen Regierung nach Ostblock-Muster sozialisiert zu werden, kühlte die Investitionslust ausländischer Gesellschaften durch bereits beschnittene Unternehmer-Freiheiten ab. Der US-Multi Dow Chemical etwa brach abrupt die Verhandlungen mit der portugiesischen Regierung über den Bau einer Äthylen-Fabrik im Werte von 100 Millionen Dollar ab, als die Portugiesen eine Staatsbeteiligung von 50 Prozent verlangten. Die amerikanischen Ölgiganten Exxon und Mobil Oil gaben nach Bekanntwerden der Beteiligungsforderungen ebenfalls Pläne zur Errichtung petrochemischer Werke auf.

Auch in Branchen, in denen die Portugiesen noch keine staatliche Beteiligung anstreben, fühlen sich die ausländischen Manager in ihrer Handlungsfreiheit entscheidend eingeengt. So ist kein Unternehmen aus politischen Gründen gegenwärtig in der Lage, überflüssige Arbeitskräfte zu entlassen.

»Würde die Geschäftsleitung es dennoch wagen, einem Arbeiter zu kündigen«, erklärt Graf zu Lynar, stellvertretender Chef von Hoechst Portuguesa, »würden die übrigen Arbeiter sofort den Betrieb besetzen.«

Die Entlassungs-Sperre empfinden die Unternehmen gegenwärtig als besonders lästig, weil sprunghaft gestiegene Lohnkosten und stagnierender oder gar schrumpfender Absatz in einigen Bereichen an der Rendite der Firmen nagen. Die portugiesische Siemens-Tochter etwa »hatte in ihrem Werk Electronica in allerkürzester Zeit hundert Leute zuviel« (Siemens-Chef Bühler). Bis heute gelang es den Siemens-Managern jedoch nicht, auch nur einen Mann aus dieser Hundertschaft loszuwerden. Denn »unsere Fluktuation«, klagt Bühler, »ist praktisch gleich Null.«

Eine »stille Nationalisierung der privaten Industrie« fürchtet Bühler zudem durch die Preispolitik der Regierung. Denn in einem umständlichen Genehmigungsverfahren bei der Preisbehörde muß für jeden erhöhten Einzelpreis durch Vorlage der Kalkulation und der Originalrechnungen nachgewiesen werden, daß der Preisaufschlag nur dem Anstieg der Kosten entspricht.

Wie stark das Mißtrauen der Behörden und verstaatlichten Banken gegen die ausländischen Unternehmen bereits gestiegen ist, erfuhr etwa Siemens-Chef Bühler, als er in diesem Jahr eine private Rechnung von 1000 Mark per Überweisung nach Deutschland bezahlen wollte. Bevor der Betrag nach zwei Monaten überwiesen wurde, erschien ein Bankangestellter, um sich nach Stellung und Einkommen des deutschen Managers zu erkundigen.

Vorsicht schien allerdings auch Angestellten geboten, die von deutschen Firmen in portugiesische Filialen abkomandiert werden sollten. Erst nach Vermögens-Garantien und Abschluß höherer Lebensversicherungen wechselten sie in die vermeintlich gefährliche Südwest-Ecke Europas über.

Neue Auslands-Unternehmen allerdings siedelten sich nach der Revolution in Portugal nicht mehr an. Hatten in den letzten vier Monaten vor dem Umsturz noch viele Unternehmen bei der Deutsch-Portugiesischen Industrie- und Handelskammer um Informationen über Investitionen in Portugal gebeten, so ist »das Interesse jetzt restlos Null« (Kammer-Geschäftsführer Haser).

»Statt des Schildes »Handelskammer« sollten wir lieber das Schild »Dr. med. psych. cris.« an unserer Tür anbringen«, spottet Haser, »das entspricht mehr unserer Tätigkeit.«

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