Internet-Konzerne Kampf ums Web

Im Online-Business geht es derzeit hoch her: Medienmogul Rupert Murdoch will sich mit einem eigenen Portal Werbedollars und die Web-Herrschaft sichern. Auf der anderen Seite macht der wankende Riese AOL einen letzten Anlauf, sein Geschäft zu retten.

Von , New York


Medienmogul Murdoch: Mit dem Internet Großes im Sinn
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Medienmogul Murdoch: Mit dem Internet Großes im Sinn

New York - Wer die jüngsten Schlagzeilen über den Medienmogul Rupert Murdoch verfolgt hat, der könnte glauben, in einer Folge von "Dallas" oder "Denver Clan" gelandet zu sein. Da ist der milliardenschwere Patriarch. Der tätowierte Sohn, der sich lossagt. Die Ex-Gattin, die aufs Erbe aus ist. Die aktuelle Gattin, die sich davon auch eine Scheibe abschneiden will. Alle Zutaten für eine tolle Soap Opera sind also vorhanden: Im Hause Murdoch, so scheint es, herrscht Krieg.

Seinen wahren Krieg aber kämpft Rupert Murdoch, 74, dieser Tage an anderer Stelle - weit abseits der Klatschkolumnen. Schritt für Schritt bereitet der konservative Australier mit Wahlwohnsitz in Manhattan - zu dessen News Corporation unter anderem die TV-Sender der Fox Entertainment Group gehören, die Londoner "Times", die "New York Post" und das Hollywood-Studio 20th Century Fox - seinen wichtigsten Coup vor: den Griff nach der Web-Herrschaft. Eine Akquisition hier, eine Beteiligung da, vorfühlende Gespräche dort: Rupert Murdoch hat mit dem Internet Großes im Sinn.

Kampf um die Kontrolle

Er macht keinen Hehl aus seinen Plänen. "Es gibt keine höhere Priorität für die Company, als ihre Internet-Präsenz bedeutsam und profitabel auszubauen", sagte Murdoch kürzlich bei einer Konferenzschaltung mit Investoren und Wall-Street-Analysten. Er wolle sein florierendes Mega-Milliardengeschäft aus News, Sport und Entertainment fortan vor allem auch "via Internet in der ganzen Welt versilbern".

Murdoch, der sich freimütig einen "digitalen Immigranten" nennt, war einer der ersten der alten Garde, der die Zukunft der Medien erkannt hat. "Eine dramatische Revolution findet statt", sagte er schon im April in einer weit zitierten Rede vor der American Society of Newspaper Editors. Die Internet-Gesellschaft wolle die Medien und ihren Informationsfluss selbst kontrollieren, statt kontrolliert zu werden. "Das ist eine sich rasant entwickelnde Realität, die wir als gewaltige Gelegenheit nutzen sollten." Zwischen den Zeilen gelesen: Die Konzerne müssen sich diese Kontrolle zurückerobern.

Murdoch verliert keine Zeit. So hat er jetzt seine Internet-Aktivitäten unter einem Dach gebündelt, als Fox Interactive Media (FIM), versehen mit der gesamten Feuerkraft des Newscorp-Schlachtschiffs. Er hat sich den Scout-Verlag einverleibt, zu dem eine der populärsten Sport-Websites der USA gehört. Er baut gemeinsam mit der Nachrichtenagentur AP einen neuen Sportinformationsdienst auf.

Die Online-Basis wandelt sich

Er ist außerdem im Begriff, für 580 Millionen Dollar die Firma Intermix mit ihren Dutzenden Websites zu kaufen, etwa dem Lifestyle-Portal Myspace.com, die Murdochs Online-Reichweite über Nacht auf fast 50 Millionen Nutzer im Monat verdoppeln wird. Und er hat bis zu zwei Milliarden Dollar für weitere Akquisitionen bereit gelegt, unter anderem für eine Suchmaschine.

Hinter den Einzelmeldungen, die bisher meist auf den hinteren Seiten des "Wall Street Journals" untergingen, steckt eine Strategie. Murdoch will all diese Elemente am Ende zu seinem Meisterstück verschmelzen, einem eigenen Internet-Portal - ein "Originalportal" in Konkurrenz zu Yahoo, Google, MSN und AOL, die er auf diese Weise bei der Vermarktung seiner Newscorp-Produkte auszuschalten hofft.

Denn hier lockt nach Ansicht der Experten der künftige Goldrausch. Studien haben inzwischen bestätigt, was Murdoch schon im April laut gesagt hatte: Immer mehr Verbraucher suchen sich ihren ganz persönlichen Einstieg ins Web, für Nachrichten, aber auch für Shopping, Reisen, Chats, Musik, Unterhaltung, Sport, Networking. Um nicht außen vor zu bleiben, warnt Wall-Street-Analyst Michael Nathanson, müssten die alten Konzerne "ihr Verhalten an ihre sich wandelnde Basis anpassen".

Scheintote Firma sucht neues Leben

Ein eigenes Web-Portal, das diesen Drang nach Google-Individualität mit Murdoch-Markenware kombiniert, böte nicht nur ein "reicheres Online-Erlebnis", wie es Newscorp-Sprecher Andrew Butcher blumig formuliert. Sondern es würde Murdoch auch einen Teil der Kontrolle über das Medienverhalten der Massen zurückgeben - und vor allem die Werbedollars. "Im Laufe der Zeit", prognostiziert die "Business Week", "könnte Murdoch mithelfen, die Machtstrukturen im Web neu zu gestalten."

Time-Warner-Zentrale: "Das Internet neu zum Leben erwecken"
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Time-Warner-Zentrale: "Das Internet neu zum Leben erwecken"

Wie umkämpft das Geschäft gerade mit den Web-Portalen ist, das zeigt sich derzeit auch bei einem anderen Unternehmen der Branche. Ende Juni hat America Online (AOL) seine brandneue Website vorgestellt, mit großem Trara und ähnlich verschnörkeltem Vokabular: AOL.com - das jetzt speziell auf Breitband- und High-Speed-Service zugeschnitten ist - solle "das Internet neu zum Leben erwecken", posaunte die Firma, die selbst zuletzt eher scheintot wirkte.

Dazu bietet das neuen AOL-Portal viele kostenfreie "Features", die bisher nur zahlenden Abonnenten zugänglich waren: News, E-Mail, Suchmaschinen, Internet-Radio, Musikvideos, Shopping, Reiseplanung, Umfragen, Blogger-Ecken, schicke Grafiken, Animation und Artikel aus Publikationen des Mutterhauses Time Warner ("Time", "People").

Hat das Internet noch Platz für AOL?

Die Offerte eines derart garnierten Gratis-Portals ist eine drastische Kehrtwende für den AOL-Konzern, der sich seine langjährige Stellung als Internet-Pionier sonst ja teuer bezahlen lässt (23,90 Dollar pro Monat in den USA). Der Online-Dienst hat allein im vorigen Jahr fast drei Millionen Abonnenten an billigere und bessere Anbieter verloren, unter anderem wegen seines verpatzten Umstiegs auf schnelle Internetzugänge. "Wenn du schon spät dran bist", sagt AOL-Vizechef Red Leonsis, "dann lieber genau so gut oder noch besser."

Also versucht das Unternehmen, das seit der missratenen Milliardenfusion vor vier Jahren zum Medienriesen Time Warner gehört, die längst als viel flotter geltenden Anlaufadressen Yahoo und Google mit einem totalen Makeover zu übertrumpfen. Dazu gibt sich AOL neuerdings als Stimme der Pop-Kultur. So lockte die Site jüngst mit folgenden "News": neue Diätideen, Billigflüge fürs Wochenende, Hit-Röhre Gwen Stefani weiter auf Platz 1.

Für AOL, einst Inbegriff des Webs, geht es ums Überleben. Der Relaunch der Website ist bereits der dritte Versuch, den Online-Dienst zu sanieren. Kundenschwund, Kursverfall, Ermittlungen und teure Aktionärsklagen haben AOL zum Klotz am Bein von Time Warner gemacht. Dessen Marktwert ist seit der Fusion von rund 300 Milliarden auf 86 Milliarden Dollar geschrumpft und liegt damit nicht mehr weit über dem von Google (fast 80 Milliarden Dollar), und das vor dem neuen Aktienausstoß, den Google jetzt angekündigt hat. "Investoren sehen Google als die Zukunft und AOL als die Vergangenheit", befand die "New York Times".

Verkaufs-Szenarien machen die Runde

Die Wall Street reagierte mit Skepsis auf die AOL-Verjüngungskur. "Ich sehe nicht, dass das annähernd so wertvoll wird wie Yahoo oder Google", sagte der Analyst Richard Greenfield von Fulcrum Global Partners. "Die Frage bleibt: Wie passt AOL in die neue Welt? Gibt es überhaupt noch Platz für AOL im Internet?"

Sollte das Ding floppen, hat der Dienst kaum noch eine Zukunft im Time-Warner-Haus. "AOL steht nicht zum Verkauf", versicherte CEO Richard Parsons der Belegschaft zwar neulich noch. Doch die Verkaufsgerüchte halten sich hartnäckig, Private-Equity-Firmen diskutieren bereits Übernahme-Szenarien, und auch Mediengroßinvestor Barry Diller meldete angeblich schon mal Interesse an, nur um wieder abzuwinken, nachdem ihm ein Preis von 20 Milliarden Dollar genannt worden sei.

Rupert Murdoch schreckt das alles nicht. Monatelang hat sein Top-Management an der neuen Internet-Strategie gebastelt, ungeachtet der brodelnden Familienzwiste und interner Putschversuche. Ob sich das nun am Ende als große Vision erweist oder, wie der Medien- und Börsenberater Marcel van Leeuwen vermutet, eher nur eine plumpe, lukrative "Ergänzung seiner Media Assets", das bleibt abzuwarten.



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