Interview mit Krankenkassen-Chef "Die Zukunft gehört der Versicherungs-Guerilla"

Nach Einschätzung von Frank Neumann, Chef von Deutschlands einziger Direktversicherung, lassen die bislang bekannten Eckpunkte der Gesundheitsreform das Schlimmste befürchten. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE beklagt er die auch künftig fehlende Transparenz und die fehlende Zukunftsvorsorge.


Vergleicht die Reformen mit einem Abkassiermodell: BIG-Chef Neumann

Vergleicht die Reformen mit einem Abkassiermodell: BIG-Chef Neumann

SPIEGEL ONLINE:

Herr Neumann, die ersten Eckpunkte der Gesundheitsreform sind bereits bekannt geworden. Was halten Sie davon?

Frank Neumann: Das ist ein Abkassiermodell. Im Grunde geht es allein darum, möglichst schnell möglichst viel Geld zu akquirieren. Und da ist das Schnellste und Unkomplizierteste die Zuzahlungen der Patienten. Reformen, die den Namen verdienten, wären wohl etwas komplizierter und würden wohl auch mehr Mut erfordern. Der fehlt aber offenbar im Moment allen.

SPIEGEL ONLINE: An welcher Stelle greift denn die Reform zu kurz?

Neumann: Es werden lediglich Kosten umverteilt. Ein substanzieller Spareffekt lässt sich aber nur erzielen, wenn die Kosten auch für die Patienten transparenter werden. Man müsste also - ähnlich wie es bei den Privaten bereits praktiziert wird - nach jedem Arztbesuch eine Rechnung erhalten, die dann erstattet wird. Das würde aber den Abschied vom so genannten Sachleistungsprinzip bedeuten. Das wollen die Beteiligten aber nicht. Stattdessen bekommen die Versicherten weiterhin eine Versichertenkarte, nur dass da jetzt sozusagen noch ein Bankchip drauf ist, von dem die Zuzahlungen abgebucht werden.

SPIEGEL ONLINE: Aber das Prinzip der Selbstbeteiligung gilt nach Meinung vieler Experten als das wirksamste Mittel zur Kostendämpfung.

Neumann: Natürlich ist das ein sehr gutes Steuerungsinstrument. Aber so wie es jetzt geregelt wird, reduziert es vielleicht die Anzahl der Arztbesuche, aber doch nicht die Kosten, die bei jedem Arztbesuch anfallen. Darüber erfährt der Patient nach wie vor nichts. Im Hintergrund bleibt das System von Kopfpauschalen, einheitlichen Gesamtvergütungen, oder Kassenärztlichen Vereinigungen, das die Kosten massiv nach oben treibt. Außerdem ließe sich das Prinzip der Kostenerstattung, wenn nötig, ohne Probleme mit einem System von Zuzahlungen koppeln.

SPIEGEL ONLINE: Anvisiert sind Einsparungen von bis zu 20 Milliarden Euro bis 2007. Halten Sie das für realistisch?

Neumann: Es ist gut möglich, dass so viel Geld eingespart werden kann. Bislang sind ja noch nicht alle Details des Sparkatalogs übersehbar. Und die bekannten drei Kostenblöcke - 3,2 Milliarden Euro Zuzahlungen, 3,5 Milliarden Euro im Bereich Zahnersatz, sieben bis acht Milliarden beim Krankengeld - machen immerhin schon einen großen Teil des Betrages aus.

SPIEGEL ONLINE: Dann wäre ja immerhin das verkündete Sparziel erreicht.

Neumann: Das sehe ich anders. Der jetzt ausgehandelte Kompromiss spart nur die bis jetzt aufgelaufenen Schulden einiger Kassen ein. Dabei werden aber keine Rücklagen gebildet, die wir in den nächsten Jahren dringend brauchen werden, um den medizinischen Fortschritt zu sichern. Gelöst wird dagegen keins der Probleme, die uns in Zukunft noch gewaltige Schwierigkeiten bereiten werden. Nehmen Sie nur die zunehmende Alterung der Gesellschaft.

Hinzu kommt der zu erwartende Verwaltungsaufwand etwa für die künftige Zahnersatzzusatzversicherung. Dafür werden wir allein ein bis zwei zusätzliche Stellen brauchen. Und wir arbeiten anerkanntermaßen sehr effektiv.

SPIEGEL ONLINE: Kommen wir einmal zum Positiven. Wie viel von dem eingesparten Geld bekommt denn der Versicherte in Form niedrigerer Beiträge zurück?

Neumann: Wir rechnen damit, dass wir von dem derzeitigen Beitragsatz der BIG in Höhe von 13,1 Prozent rund ein Prozent Luft bleibt. Aber nehmen Sie das nicht als Versprechen, dafür ist noch zu wenig von dem Reformpapier bekannt. Im Übrigen - fürs Sparen werden wir derzeit eher bestraft, denn 52 Prozent unserer Einnahmen müssen wir sowieso im Rahmen des Risikostrukturausgleichs an andere Kassen abführen. Das Kapitel ist in den Reformdiskussionen aber nicht einmal gestreift worden, soweit ich informiert bin.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt eher resigniert. Es wird also alles beim Alten bleiben, bis der nächste finanzielle Kollaps bevorsteht?

Neumann: So ganz ohne Hoffnung bin ich nicht. Die ganze Diskussion zeigt nämlich nur die Hilflosigkeit der Politik gegenüber den Problemen des Gesundheitssystems. Die Betroffenen - Patienten, Ärzte und Kassen - bekommen dadurch Gelegenheit, sich Freiräume zu schaffen. Darin sehe ich auch die Chance für uns. Die Zukunft gehört der Versicherungs-Guerilla, also den flexibleren Versicherern: Wo wir Versorgungsengpässe sehen, werden wir uns den Interpretationsspielraum der Gesetze zu Nutze machen. Für neue Behandlungsmethoden, sei es in der konventionellen Medizin oder auch im Bereich Naturheilverfahren, haben wir immer ein offenes Ohr. Dafür wird sich dann auch ein gesetzlicher Rahmen finden lassen, das zeigt jedenfalls meine Erfahrung.

Das Gespräch führte Michael Kröger



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